Politik | Ausland
07.11.2018

Irak: Tausende Tote laut UNO in 202 Massengräbern

Vor allem in der nordirakischen Provinz Niniveh soll der IS Tausende Opfer verscharrt haben

Im Shingal-Gebirge über der gleichnamigen Stadt im Nordirak, der Blick nach Süden gerichtet: „Dort liegt ein Massengrab, hier eines, da drüben eines, hinter dem Hügel da vorne auch“, sagt ein junger Mann Anfang 2016, wenige Monate nach der Rückeroberung der Stadt und deutet in alle Himmelsrichtungen. Als die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) 2014 in die mehrheitlich jesidische Stadt einfiel, tat sie vor allem eines: Töten – so wie überall in den weiten Gebieten des Irak, die die Miliz damals überrannte.

1250 Tote exhumiert

Jesiden, Schiiten, Christen, politische Gegner, irakische Soldaten, Polizisten oder Beamte, die nicht gleich Loyalität schworen, wurden erschossen. Und jetzt, da die Miliz im Irak wie in Syrien praktisch besiegt ist (siehe Grafik), sickert das Ausmaß dieses Wahnsinns durch: Laut einem Bericht der UNO-Mission im Irak wurden alleine im Irak bisher 202 Massengräber des IS entdeckt. Vermutet wird, dass darin bis zu 12.000 Tote liegen. Lediglich 28 der Gräber wurden bisher ausgehoben, mehr als 1250 Leichen exhumiert.

Keine gesicherten Angaben gibt es noch zu Syrien.

Fast die Hälfte der Gräber liegt der UNO zufolge in der nördlichen irakischen Provinz Niniveh, wo auch Shingal liegt, weitere Gräber finden sich in den Provinzen Anbar, Kirkuk sowie Salaheddin. Das vermutlich größte Massengrab ist wohl der Karst-Trichter Khasfa südlich der Metropole Mossul. Der IS hatte das Grab weiträumig mit Sprengfallen vermint. In dem Grab werden bis zu 4000 Tote vermutet.

Die UNO fordert eine vollständige Aushebung der Stätten und eine genaue forensische Untersuchung derselben. Man erhofft sich Hinweise für eine möglichst vollständige gerichtliche Aufarbeitung der IS-Verbrechen. Seit August sammeln UN-Ermittler im Irak Beweise für Prozesse gegen IS-Kämpfer wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord. Zugleich fordert die UNO von der irakischen Regierung eine vereinfachte Bürokratie für Hinterbliebene bei der Suche nach vermissten Verwandten. Derzeit müssten sich Hinterbliebene an fünf staatliche Stellen wenden, um rechtliche Formalitäten zu erfüllen.

Dabei handelt es sich um ein riesiges Problem. Alleine unter der Religionsgruppe der Jesiden werden noch 3000 bis 4000 Menschen vermisst. Jesidinnen waren planmäßig verschleppt und als Sklavinen gehandelt worden.

Man kann davon ausgehen, dass viele Tote nie gefunden werden. Zahlreiche Personen, die eine Gefangenschaft beim IS überlebt haben (überwiegend alte Menschen) berichten, dass ihnen IS-Kämpfer eine Brühe vorgesetzt hätten, in denen sie Finger und andere menschliche Körperteile gefunden hätten.