Intifadas: Bilanz einer Eskalation

PALESTINIAN-ISRAEL-CONFLICT-GAZA
Foto: APA/AFP/MAHMUD HAMS Israelischer Angriff auf einen Hamas-Posten im Gaza-Streifen (November 2017).

Kleine Auslöser, schnelle Eskalation, verheerende Folgen: Bei den zwei bisherigen Intifadas kamen mehr als 5.000 Menschen ums Leben.

Eine "Intifada zur Befreiung Jerusalems" - das forderte Hamas-Chef Ismail Haniyya am Donnerstag als Reaktion auf Donald Trumps Entscheidung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen. Wie weitreichend diese sein könnte, darüber lässt sich aktuell nur spekulieren. Der Nahost-Experte John Bunzl vom Österreichischen Institut für Internationale Politik glaubt etwa nicht an einen neuerlichen Aufstand der Palästinenser. "Die Bevölkerung ist ziemlich erschöpft und demoralisiert", sagt Bunzl gegenüber der APA. Zu einzelnen Demonstrationen und isolierten Aktionen werde es laut Bunzl aber sicher kommen.

Die Bilanz der beiden Intifadas der Vergangenheit  (1987-1993 und 2000-2005) fällt jedenfalls verheerend aus.

Unfall als Auslöser

Als Auslöser der ersten Intifada - Arabisch für "sich erheben" - gilt allgemein der Zusammenstoß eines israelischen Militärlastwagens mit zwei anderen Fahrzeugen am 8. Dezember 1987 im Gazastreifen. Vier Palästinenser kamen dabei ums Leben. Nachdem Gerüchte kursierten, es handle sich um eine Vergeltungsaktion für einen kurz zuvor ermordeten Israeli, begann eine spontane Demonstration gegen einen israelischen Militärposten. Der Protest eskalierte schließlich am nächsten Tag und mündete in eine offene Auseinandersetzung zwischen Palästinensern und den israelischen Sicherheitskräften.

Die Unruhen breiteten sich vom Gazastreifen schnell auch über das ganze Westjordanland aus, sodass bald tausende Palästinenser auf die Straße gingen. Nachdem über 70 Prozent der palästinensischen Bevölkerung zu diesem Zeitpunkt unter 30 Jahre alt waren, war es vor allem die Jugend, die maßgeblich hinter diesen Protesten stand.

Die erste Intifada war einerseits von friedlichem Protest, wie etwa Massenstreiks und dem Boykott israelischer Produkte gekennzeichnet, gipfelte aber gleichzeitig auch in gewalttätigen Auseinandersetzungen mit dem israelischen Militär. Laut der israelischen NGO B’Tselem kamen während der ersten Intifada 1162 Palästinenser und 160 Israelis ums Leben.

Nachdem die Gewaltintensität seit 1991 abgenommen hatte, markierte die Unterzeichnung des Oslo-Abkommens 1993, im Zuge dessen die Palästinenser das Existenzrecht Israels anerkannten und die palästinensische Autonomiebehörde geschaffen wurde, das Ende der ersten Intifada.

Als der israelische Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin am 4. November 1995 von einem ultra-orthodoxen Israeli ermordet wurde, geriet der Nahost-Friedensprozess erneut ins Stocken. Ein eigener Staat rückte für die Palästinenser spätestens nach dem Scheitern der neuerlichen Camp David Verhandlungen im Jahr 2000 wieder in weite Ferne. Der Frust darüber führte zusammen mit anderen Faktoren zur zweiten Intifada (2000-2005).

Streit um Tempelberg

Den Ausgangspunkt dafür markierte der Besuch des unter arabischer Verwaltung stehenden Tempelbergs durch Ariel Scharon, damals noch als Führer der rechtsgerichteten Opposition. Bereits zuvor war der Tempelberg, auf dem sich mit der Al-Aqsa Moschee und dem Felsendom zwei der muslimischen Hauptheiligtümer befinden, Kern zahlreicher Konflikte gewesen.

Der spätere Premierminister hatte von palästinensischen Behörden die Genehmigung erteilt bekommen, den Tempelberg zu besuchen, sofern er keine Moschee betritt. Der geplante Besuch erregte bereits im Vorfeld die Gemüter, denn viele Beobachter unterstellten Scharon eine gezielte Provokation gegenüber den Palästinensern.

Am 28. September 2000 besuchte Scharon schließlich in Begleitung von über 1000 Polizisten und unter enormen Sicherheitsvorkehrungen den Tempelberg. Bereits während seiner Ankunft wurde Scharon von zahlreichen Demonstranten erwartet, bis auf einige kleinere Quereleien zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften verlief die Visite noch friedlich.

Am Folgetag kam es jedoch in der Altstadt von Jerusalem nach den traditionellen Freitagsgebeten zu schweren Ausschreitungen. Hunderte Palästinenser stürmten die Altstadt und bewarfen isrealische Sicherheitskräfte und Gläubige an der Klagemauer mit Steinen. Die isrealische Polizei ging mit Tränengas und Gummigeschossen gegen die Demonstranten vor. Vier Menschen starben bei diesen Zusammenstößen, zahlreiche weitere wurden verletzt.

Als Reaktion darauf riefen palästinensische und muslimische Organisationen zum vereinigten Widerstand auf, die gewaltsamen Ausschreitungen begannen sich auch auf den Gazastreifen und das gesamte Westjordanland auszuweiten.

Radikale als Gewinner

Bis zum Jahr 2005 sollte der Konflikt in unterschiedlicher Intensität andauern. Radikale Terrororganisationen, wie die Hamas, konnten ihre Machtbasis aufgrund der verhärteten Fronten ausbauen und waren hauptverantwortlich für eine blutige Serie von Selbstmordanschlägen. Das israelische Militär antwortete auf den Terror seinerseits mit weitreichenden Militäroperationen gegen die Palästinenser und geriet dadurch international in Kritik.

Auch für die israelische Innenpolitk hatte der Aufstand weitreichende Folgen: Nachdem die Politk des gemäßigten Ministerpräsidenten Ehud Barak gescheitert war, musste er dem Hardliner Ariel Scharon weichen, der die innere Sicherheit zum wichtigsten Eckpfeiler seiner Politk erhob.

Nach Jahren des gegenseitigen Blutvergießens gab die Wahl Mahmud Abbas zum neuen Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde zu Beginn des Jahres 2005 Anlass, über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Als Resultat der Verhandlungen einigten sich Abbas und der nunmehrige israelische Ministerpräsident Ariel Scharon am 8. Februar 2005 auf einen Waffenstillstand, der zugleich das Ende der zweiten Intifada bedeutete.

Während die erste Intifada noch ein spontaner Gewaltausbruch war, in dem sich die Wut junger Palästinenser entlud, so war die zweite Intifada bald weniger Aufstand, als mehr ein Kampf zwischen den zahlreichen palästinensischen Vertretern auf der einen und Israel auf der anderen Seite. Insgesamt starben im Zuge der zweiten Intifada - je nach Quelle - zwischen 3179 und 3354 Palästinenser und zwischen 945 und 1010 Israelis.

Schaltung nach Jerusalem und Washington

(KURIER / toh) Erstellt am
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