„Der IS ist ein Ungeheuer“

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Homegrown Terrorism
03/24/2016

Radikalisierung verhindern: "Mahnwachen reichen nicht"

Islamismus-Experte Ahmad Mansour beklagt, dass muslimische Gemeinschaften zu wenig tun

von Evelyn Peternel

KURIER: Sie betreuen als Experte Jugendliche, die sich radikalisiert haben. Was treibt junge Menschen dazu?

Ahmad Mansour: Die, die in den Krieg ziehen, sind nur die Spitze des Eisberges. Darunter gibt es eine große Gruppe, die Teil der Gesellschaft ist, aber deren Grundwerte ablehnt – diese Menschen sind anfällig für radikale Tendenzen. Das sind Leute auf der Suche nach Orientierung, die durch die Ideologie zu einer "Elite" gehören können. Sie bekommen eine Aufgabe, eine Mission – sie werden gebraucht, bekommen Anerkennung und eine Möglichkeit, zu rebellieren, sich selbst aufzuwerten und die Mehrheitsgesellschaft abzuwerten. Sehr oft sind das Jugendliche, die nach einer Vaterfigur suchen, weil ihr eigener Vater abwesend ist oder an Autorität verloren hat.

Sie sprechen in Ihrem Buch von einem Ungeheuer, das wir selbst erschaffen haben.

Mit Ungeheuer meine ich nicht die Flüchtlinge, nicht Syrien und den Irak – es ist naiv und kurzsichtig zu glauben, dass man diesen Islamismus mit Kampfflugzeugen beseitigen kann. Der IS ist ein Ungeheuer, keine Frage! – aber der eigentliche Kampf gegen den Islamismus findet in Wien, Berlin, Paris, Brüssel statt. Da gibt es die Basis, da sind die Jugendlichen, die sich radikalisieren könnten oder schon radikal sind.

Gibt es zu wenige Muslime, die aufstehen, sich wehren?

Wir brauchen eine innerislamische Debatte. Es reicht nicht, Mahnwachen zu halten und Presseerklärungen rauszugeben, um sich zu distanzieren. Das ist schön und gut, aber nur oberflächlich. Was ist mit den Inhalten, die eigentlich den Radikalen in die Hände spielen und im Islamverständnis auch hier in Europa weit verbreitet sind?

Welche Inhalte zum Beispiel?

Die Tabuisierung der Sexualität, Angst-Pädagogik, Buchstabenglaube, patriarchale Strukturen. Dass man nichts hinterfragen darf und dadurch die Menschen entmündigt. Dass Opfer- und Feindbilder geschaffen werden. Ich wünsche mir eine differenzierte Debatte im Islam, die bereit ist, einen Glauben zu schaffen, der mit radikalen Tendenzen nichts zu tun hat. Wenn wir Europäer, wir Muslime uns damit zufriedengeben, wie es jetzt ist, dann wird sich kaum was ändern.

Woran scheitert die Debatte?

Die Gründe sind einfach. Die Repräsentanten des politischen Islam in Europa kommen mit ihren Strategien und Inhalten zu einfach durch – denn eine innerislamische Debatte würde Streit bedeuten und zu einer theologische Reform führen. Wenn solche Reformen aber mein Islamverständnis infrage stellen, und meinen Verband, meine Organisation auch noch infrage stellen, dann ist es viel einfacher zu sagen, "das alles hat mit dem Islam nichts zu tun". Mit dieser Rechtfertigung wird die nötige Debatte vermieden.

Europa hat offenbar viele Fehler gemacht.

Ja, definitiv. Wir alle. Die Muslime haben leider bestimmte Entwicklungen verschlafen und verweigern wichtige Debatten. Und die Gesellschaft hat mit Naivität und Planlosigkeit reagiert und ist immer noch nicht in der Lage, langfristige und flächendeckende Konzepte zu entwickeln, um diese Jugendlichen für unsere freiheitsdemokratische Grundordnung zu gewinnen.

Ihre Arbeit spiegelt ja auch Ihre Geschichte wider. Wie haben Sie als Jugendlicher den Absprung geschafft?

Ich erzähle meine Geschichte, weil es Parallelen zu den Jugendlichen heute gibt. Ich habe mich radikalisiert, weil ich Zusammenhalt suchte. Das war meine Rettung aus einer Mobbing-Situation, aus einer depressiven Stimmung. Ich durfte gegen meine Eltern rebellieren. Den Ausstieg habe ich geschafft, weil ich den Ort gewechselt habe – auf einmal war ich in Tel Aviv, hatte Zugänge zu anderen Menschen, die westlich orientiert waren. Durch mein Studium – Psychologie – musste ich Bücher lesen, wo kritisches Denken gefordert war, wo Zweifel zugelassen waren. Irgendwann habe ich auch die Doppelmoral in dieser Ideologie entdeckt. Das war aber kein Prozess, der über Nacht passiert. Das waren Jahre der Angst. Ich habe auch alle Freunde, mit denen ich aufwuchs, auf einmal verloren.

Hatte Deutschland Glück, dass es bisher zu keinem Anschlag gekommen ist?

Ja, aber das liegt auch an der guten Geheimdienstarbeit. Wir haben Glück gehabt, dass die Terroristen zu doof waren, um Bomben zu bauen. Aber diejenigen, die Anschläge verüben wollen, werden jegliche Möglichkeit benutzen, um das zu tun. Wir sollten uns davon aber nicht verunsichern lassen, sondern wir müssen viel tun, um das zu verhindern. Deshalb müssen wir bei der "Generation Allah" – also bei jenen, die anfällig für radikale Tendenzen sind – jetzt alles tun, um sie zu erreichen. Wenn einmal aus manchen Jugendlichen Terroristen werden, wird es schwieriger, sie zu erreichen. Es gibt dann auch keine Garantie mehr auf Erfolg.

Wie soll das am besten gehen?

In Deutschland und auch in anderen europäischen Ländern herrscht leider reiner Aktionismus. Wir diskutieren zwei, drei Wochen nach Anschlägen, dann kommt schon das nächste Thema. Da werden ein paar Millionen für irgendwelche Projekte freigegeben – und kurz danach vergisst man wieder alles. Und irgendwann schaut man und merkt, dass sogar Islamisten Geld dafür bekommen, um Islamisten präventiv zu erreichen. Wir brauchen Reformen, wir müssen in die Sicherheitsapparate investieren. Und wir müssen uns unserer Werte klar werden – was verhandelbar ist und was nicht.

Werden Sie für Ihr Engagement angegriffen? Und wie geht Ihre Familie damit um?

Ein Teil meiner Familie in Israel sieht meine Arbeit leider mit Skepsis. Aber auch in Europa ist die Arbeit nicht ohne. Sie ist verbunden mit heftigen Drohungen, mit Einschränkungen im Alltag, mit Feinden. Und das sind nicht nur Islamisten, sondern auch andere Menschen, deren Motivation ich nicht verstehe. Wenn Islamisten mir Drohmails schreiben und sagen "Kopf ab" und "Wir werden Dich schon finden", dann kann ich die Gründe wenigstens nachvollziehen, ich weiß, woher das kommt. Bei den anderen verstehe ich das nicht – und das macht mir ehrlich gesagt mehr Angst.
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