Wie ein indischer Superstar des Kinos die Politik aufmischt
Joseph Vijay Chandrasekhar, auch bekannt als „Thalapathy“, zu deutsch „Anführer“, wechselt von der Leinwand auf das Parkett der Politik
Vor allem im indischen Bundesstaat Tamil Nadu, aber ebenso auf dem übrigen Subkontinent gilt er als Superstar der Kinoleinwand – Joseph Vijay Chandrasekhar, auch bekannt als „Thalapathy“, zu deutsch „Anführer“. Diese Rolle möchte der 51-Jährige jetzt auch in seinem Heimat-Bundesstaat spielen: Bei den Regionalwahlen im April und Mai tritt der Schauspieler mit seiner 2024 gegründeten Partei an. Gleichsam im Windschatten des ehemaligen ukrainischen TV-Darstellers Wolodimir Selenskij will Vijay die Macht in Tamil Nadu erobern.
Wobei sein Aufstieg zum Politiker auch kinematografisch sorgfältig kalkuliert erscheint: Nach seinen Anfängen als Kind vor der Kamera und seiner ersten Hauptrolle 1992 gab er in den späten 1990er-Jahren den romantischen Helden, in den Nullerjahren den hypermaskulinen, wütenden jungen Mann, um nach 2012 als Retter der Entrechteten aufzutreten.
"Der Volksheld" als Kämpfer für das Gute
Fortan ging es um soziale Gerechtigkeit, die Not der Bauern, gegen Korruption und für Frauenrechte. Als moralisch integer kämpft die Leinwandfigur stets für das Gute. Und der Titel des Abschiedsfilms, der diesen Monat in fast 5.000 indische Kinos kommt und wohl auch die tamilische Diaspora weltweit in die Vorführsäle drängen lassen wird, ist Programm für den Intensivwahlkampf: „Jana Nayaga“ – „Der Volksheld“.
Wie viele Newcomer in der Politik weltweit präsentiert sich auch der „Anführer“ als Erneuerer, der die alten Eliten ablösen will. Und das stößt bei der „Generation Z“ (zwischen 1995 und 2010 Geborene) durchaus auf Zustimmung. Diese Gruppe könnte wahlentscheidend sein, stellt sie in Tamil Nadu doch ein Fünftel der Stimmberechtigten.
Viele Bürger des Bundesstaates seien von den beiden „Alt“-Parteien, die bisher den Ton angeben, enttäuscht, sagt der Politologe Sumanth C Raman zur BBC. Unter der „Gen Z“ habe Vijay daher eine beträchtliche Anhängerschaft. „Seine Kundgebungen ziehen riesige Menschenmengen an, aber ob sich dieser Glamour der Filmbranche in treue Wählerstimmen umwandelt, bleibt abzuwarten“, so der Wissenschaftler.
„Kultfigur“
In der Tat geraten solche Veranstaltungen zu wahren „Happenings“: Junge Menschen tanzen zu Musik aus den Filmen ihres Idols und umhüllen sich mit Flaggen seiner Partei. „Vijay ist eine Kultfigur“, versucht der Generalsekretär der relativ neuen Politgruppierung, N Anand, das Image seines Chefs weiter aufzupolieren und das Momentum hoch zu halten, „die Jugend sucht nach einem Führer, der ihre Interessen beschützt.“
Die Gegner des politischen Shootingstars der vergangenen Monate führen ins Treffen, dass der ehemalige Moviestar kein glaubwürdiges Programm habe, dasselbe gelte für Strategien zur Lösung sozioökonomischer Fragen und dass es in seiner Partei an einer glaubwürdigen und fähigen zweiten Führungsebene mangele.
Ob Joseph Vijay Chandrasekhar dennoch die Regierungsgeschäfte übernehmen können wird, wie dereinst sein Branchen-Kollege in der Ukraine, wird man dann im heurigen Frühjahr wissen.
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