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Indiens "Kakerlaken“-Proteste bringen Premier Modi in Bedrängnis

Eine Satirepartei der Generation Z wird für die hindu-nationalistische Regierung zunehmend zum Problem.
Protest held by Cockroach Janta Party (CJP), in Pune

Das Bild, das der Vorsitzende des indischen Obersten Gerichtshofs von der Jugend seines Landes zeichnete, war alles andere als wohlwollend. Ungeziefer, „Kakerlaken“ nannte Surya Kant junge arbeitslose Inder bei einer Anhörung Mitte Mai abfällig. Wenn sie keine Arbeit fänden, würden sie sich in den sozialen Medien beschweren - oder gar als Aktivisten das System kritisieren. 

Was der prominente Richter damals nicht ahnte: Mit seiner Wortwahl würde er in Indien genau das befeuern - und eine Protestbewegung lostreten, die für die Regierung in Neu-Delhi zunehmend zum Problem wird.

Begonnen hat alles in den sozialen Medien: Der 30-jährige Abhijeet Dipke, der eigentlich in den USA lebt, hörte von dem Ungeziefer-Vergleich des Juristen und ließ seiner Wut auf der Plattform X freien Lauf. „Was wäre", schriebt der gebürtige Inder dort, "wenn sich alle Kakerlaken zusammenschließen?“ Was folgte, war eine Flut unterstützender Kommentare und Beiträge. Für Dipke war klar: Er hatte ins Schwarze getroffen.

Kurz darauf kündigte er die Gründung einer regierungskritischen Satirepartei an: der Cockroach Janata Party (CJP), also der „Kakerlaken-Volkspartei“ als Anspielung auf die regierende hindu-nationalistische Bharatiya Janata Party (BJP). Dipke richtete eine Website und Social-Media-Kanäle ein und rief dazu auf, sich als Mitglied zu registrieren. Mehr als eine Million Menschen sollen dem Aufruf gefolgt sein. Innerhalb weniger Wochen zählte allein der offizielle Instagram-Account mehr als 22 Millionen Follower und ließ jenen der BJP weit hinter sich zurück. 

Hohe Jugendarbeitslosigkeit

Nach eigenen Angaben repräsentiert die CJP „eine Generation, die überqualifiziert, frustriert und wütend über das ist, was nicht funktioniert“. Das dürfte viele Vertreter von Indiens Generation Z (1997-2012) abholen. Zwar wächst die Wirtschaft des Landes rasant – im Vorjahr war Indien mit 7,4 Prozent BIP-Wachstum der am schnellsten wachsende G20-Staat –, doch viele junge Menschen profitieren davon nicht. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über zehn Prozent, unter jungen Akademikern (bis 25 Jahre) sogar bei 40 Prozent. Viele hochqualifizierte junge Inderinnen und Inder stecken in schlecht bezahlten oder unsicheren Jobs fest, während Lebenshaltungskosten steigen und die Regierung angesichts der Folgen des Iran-Kriegs der Bevölkerung zusätzliche Opfer abverlangt.

Hinzu kommt der Unmut über das indische Bildungssystem, der sich zuletzt an einem Skandal um die nationale Aufnahmeprüfung für das Medizinstudium entlud. Der „National Eligibility cum Entrance Test“ (NEET) entscheidet in Indien über die Zulassung zum Medizinstudium. Am 3. Mai traten mehr als zwei Millionen Bewerberinnen und Bewerber an – für weniger als 130.000 Studienplätze. Neun Tage später erklärte die Regierung die Prüfung wegen durchgesickerter Fragen und massiver Unregelmäßigkeiten für ungültig. Am kommenden Sonntag muss der Test wiederholt werden. Der Vorfall gilt vielen als Sinnbild eines „korrupten und maroden“ Bildungssystems unter der Regierung von Premier Narendra Modi

CJP founder leads New Delhi protest demanding education minister's resignation

Die "Kakerlaken-Proteste" sind vom Internet auf die Straße geschwappt. 

Regierung ist nervös

Die Regierung wird zunehmend nervös. Zunächst ließ die das X-Konto der Kakerlakenpartei sperren, anschließend die Website der Bewegung. Dem Gründer wurde vorgeworfen, unter „ausländischem“ Einfluss zu stehen - vor allem unter jenem des verfeindeten Pakistan. 

Die BJP weiß um die potenzielle Macht der Jungen: Schätzungen zufolge sind mehr als die Hälfte der 1,42 Milliarden Einwohner Indiens unter 30 Jahre alt. Dennoch wird das Land politisch von älteren Männern dominiert. Modis BJP - der 75-jährige Premier regiert seit zwölf Jahren - konnte zuletzt zwar wichtige regionale Wahlsiege verbuchen. Doch die Proteste der Generation Z legen Risse im zunehmend autoritären System offen.

Wie weit das führen kann, zeigt ein Blick in die Nachbarschaft: In Sri Lanka, Bangladesch und Nepal haben Gen-Z-Proteste bereits zu Regierungsstürzen geführt. Ob die „Kakerlaken“ Modi ähnlich gefährlich werden können, ist offen. CJP-Gründer Dipke warnte in Medienberichten vor vorschnellen Parallelen. Mittlerweile hat die Online-Bewegung jedoch auch die Straße erreicht. Teilnehmer hielten bei Protestveranstaltungen in mehreren Landesteilen Kakerlaken-Schilder hoch, trugen Ungeziefer-Masken und forderten als konkrete Maßnahme den Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan.

Richter Surya Kant versuchte derweil, zurückzurudern. Nachdem er für die Kakerlaken-Aussage stark kritisiert worden war, erklärte er, sich lediglich auf Menschen mit „gefälschten und unechten Abschlüssen“ bezogen zu haben – und nicht auf junge Menschen allgemein. 

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