Maskiert, martialisch und schon wieder tödlich: Wer arbeitet für Trumps ICE?
ICE-Beamte am Sonntag in Minneapolis.
Am Samstag geschah es schon wieder: In Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota erschossen Beamte der Einwanderungsbehörde ICE den mittlerweile zweiten Zivilisten, den 37-jährigen Alex Pretti.
Im amerikanischen Heimatschutzministerium wich man Fragen zu dem tödlichen Vorfall bislang aus. Pretti sei mit einer halbautomatischen 9-Millimeter-Pistole auf US-Grenzschutzbeamte zugegangen, er habe sich deren Entwaffnungsversuchen "gewaltsam widersetzt", hieß es in einer Stellungnahme. Die Beamten hätten mit "Abwehrschüssen" reagiert.
Eine Erklärung, die keine ist – und die traurige Erinnerungen weckt. Kein Monat scheint zu vergehen, ohne Berichte über gewaltsame Vorfälle im Zusammenhang mit Donald Trumps ICE.
Kritik an Eignung von ICE-Beamten
Die Wut auf die exzessive und gewalttätige Abschiebepolitik des US-Präsidenten wird immer größer, in Minnesota kam es am Wochenende wieder zu Protesten gegen ICE. Auch die Kritik an der Ausbildung und Qualifikation der Beamten, die zum Feindbild auf den Straßen der Nation geworden sind, wird spätestens seit dem Tod der Zivilistin Renee Good immer lauter.
ICE steht für die Behörde United States Immigration and Customs Enforcement. Sie ist die größte Polizei- und Zollbehörde des Ministeriums für Innere Sicherheit (DHS) mit Sitz in Washington, D.C. Und: Sie ist seit Beginn der zweiten Amtszeit Trumps enorm angewachsen, die Zahl der Mitarbeiter geradezu sprunghaft angestiegen. Hintergrund ist eine Anwerbungsaktion des DHS. Gesucht wurden (und werden nach wie vor) "qualifizierte patriotische Amerikaner im ganzen Land". Seit Anfang 2025 hat sich so die Zahl der Beamten von 10.000 auf 22.000 mehr als verdoppelt.
Dieser große Anstieg wirft einige Fragen – etwa über die Eignung der Bewerber. Denn: Die Ausbildungszeit für eine Tätigkeit beim ICE wurde im Rahmen besagter Anwerbeaktion von 16 auf nur 8 Wochen (bzw. auf 47 Tage – weil Trump der 47. Präsident ist, so eine - allerdings unbestätigte - Erklärung) verkürzt, wie mehrere US-Medien berichteten. Das Ausbildungsniveau der neu rekrutierten Beamten wurde also beschnitten werden. Mit tödlichen Folgen, lautet der Vorwurf.
Wenig überraschend: Die Verpflichtung, Spanisch zu lernen, wurde ganz aus dem Training gestrichen – ungeachtet dessen, dass die meisten illegalen Einwanderer in den USA Spanisch sprechen. Stattdessen stünden nun andere Qualifikationen im Vordergrund. "Staatsangehörigkeit, körperliche Fitness, Hintergrundüberprüfungen und, für bestimmte Aufgaben, eine Ausbildung oder Erfahrungen im Bereich Strafverfolgung", erklärt die US-amerikanische Anwältin Melissa Hamilton der Deutschen Welle.
Vorstrafen und Drogendelikte
Masse statt Qualität scheint nun das Credo zu sein. NBC News etwa berichtete bereits im Herbst, dass neue Rekruten im ICE-Ausbildungsprogramm begonnen hätten, ohne vorher das behördlich vorgeschriebene Prüfungsverfahren durchlaufen zu haben. Erst im Nachhinein sei festgestellt worden, dass einige von ihnen im Strafregister eingetragen waren, ein Mann soll gar wegen Raubs und häuslicher Gewalt angeklagt gewesen sein.
Andere wiederum hätten den Drogentest nicht bestanden oder würden die physischen beziehungsweise akademischen Anforderungen nicht erfüllten, wie zwei ehemalige Beamte des Heimatschutzministeriums gegenüber NBC angaben.
Zwar würden all diese Punkte Rekruten für die Arbeit bei ICE disqualifizieren. Doch der Apparat muss für Trumps Abschiebe-Wünsche wachsen, und das am besten möglichst schnell. Seit Beginn der Einstellungswelle habe ICE aber mehr als 200 neue Rekruten während der Ausbildung wieder entlassen müssen, weil sie die Einstellungsanforderungen nicht erfüllten.
"Es herrscht absolut die Sorge, dass einige Bewerber durchrutschen", sagte ein aktueller DHS-Beamter zu NBC. Er erklärte außerdem, viele der während der Ausbildung festgestellten Probleme würden nur sichtbar werden, weil Rekruten schlussendlich zugaben, dass sie vor ihrer Ankunft keine Fingerabdrücke abgegeben oder keine Drogentests gemacht hatten. "Was ist mit denen, die es nicht zugeben?"
DHS sieht Kritik unbegründet
Das Heimatschutzministerium hat auch dafür Erklärungen parat. Gegenüber NBC News wurde betont, dass die meisten neuen Rekruten ehemalige Polizeibeamte und frühere ICE-Beamte seien, die eben einen anderen Prozess durchlaufen. "Die Zahlen, auf die Sie sich beziehen, sind nicht korrekt und spiegeln eine Teilmenge von Kandidaten in anfänglichen Grundkursen an der Akademie wider", betonte Tricia McLaughlin, Sprecherin des DHS.
"Die überwiegende Mehrheit der neuen Beamten, die während der Einstellungswelle eingestellt wurden, sind erfahrene Polizeibeamte, die erfolgreich eine Polizeischule absolviert haben. Diese Gruppe wird voraussichtlich mehr als 85 Prozent der Neueinstellungen ausmachen. Bewerber mit Vordienst durchlaufen eine verschlankte Validierung, unterliegen jedoch weiterhin medizinischen, Fitness- und Hintergrundanforderungen."
Aber: Das Personalbüro von ICE sei laut Quellen der NBC mit mehr als 150.000 neuen Bewerbern überlastet, die sich seit Einführung von Einstellungsprämien in Höhe von 50.000 US-Dollar im August beworben haben. Das Personalbüro beschleunige nun die Prüfung neuer Rekruten, was zu Fehlern führe. "Sie versuchen, jeden durchzuschleusen, und der Überprüfungsprozess ist nicht so, wie er sein sollte", sagte ein ehemaliger DHS-Beamter mit Kenntnis des Einstellungsverfahrens dem Sender.
Familie von erschossenem Zivilisten: "Widerwärtige Lügen"
Zurück zum Fall Alex Pretti: Im Internet kursieren bereits zahlreiche Videos, die starke Zweifel an der offiziellen Notwehr-Darstellung der Regierung aufkommen lassen. Die Eltern des 37-Jährigen werfen den ICE-Beamten vor, ihren Sohn ohne legitimen Grund getötet zu haben. Prettis Eltern betonten, dass ihr Sohn – der als Krankenpfleger gearbeitet hatte – keine Bedrohung für die Beamten dargestellt habe.
"Die abscheulichen Lügen, die die Regierung über unseren Sohn verbreitet, sind verwerflich und widerwärtig", heißt es in einer Stellungnahme der Familie, die von mehreren US-Medien verbreitet wurde. "Alex hält eindeutig keine Waffe in der Hand, als er von Trumps mordenden und feigen ICE-Gangstern angegriffen wird."
Auch europäische Regierungen melden sich mit scharfer Kritik zu Wort. Der deutsche Vize-Regierungssprecher Sebastian Hille äußerte am Montag in Berlin die Erwartung, "dass der Fall zügig rechtsstaatlich untersucht und aufgeklärt wird". Der italienische Außenminister Antonio Tajani warf den US-Einwanderungsbehörden "Missbrauch" vor.
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