© Uwe Mauch

Reportage
07/23/2022

Hilferuf aus Lemberg: „Vergesst bitte nicht auf uns in der Ukraine“

Heute vor fünf Monaten schlugen die ersten russischen Raketen in der Ukraine ein. Der Krieg zeigt allmählich Wirkung. Es gibt aber auch Hoffnung.

von Uwe Mauch, Dieter Frauenlob

Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen? Halyna Bartschan blickt zu ihrem erwachsenen Sohn Oleksandr, der im Rollstuhl sitzt. Eine Träne rinnt über ihre rechte Wange. Dann erzählt sie in einem Studentenheim in Lemberg, das Vertriebenen Unterkunft bietet. Solange bis auch die Übersetzerin weint.

„Zwei Mal haben sie unser Haus bombardiert“, so Frau Bartschan. „Zwei Mal haben wir es wieder aufgebaut.“

Sehen Sie hier die Videoreportage aus der Ukraine:

Die 63-jährige Ukrainerin stammt aus einer Kleinstadt im Oblast Donezk. Dort ist schon seit 2014 Krieg. Ende März dieses Jahres der bisher bitterste Moment: „Sie haben unser Haus und das Geschäft daneben mit Phosphor-Bomben angegriffen.“ Ihr Sohn Oleksandr fügt hinzu: „Alles ist komplett ausgebrannt.“

Vier Tage dauerte die Flucht in die West-Ukraine. Kontakt zu seinen Nachbarn hat Oleksandr heute nur noch via Mobiltelefon. „Sie haben Hunger.“ Sagt er. „Eine Nachbarin ist auf eine Mine gestiegen. Sie hat dann versucht, ihre Zehen einzusammeln.“

Jeden Tag ein Begräbnis

Fünf Monate nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine eine Erzählung von vielen. „Vergesst bitte nicht auf uns in der Ukraine“, so Lembergs Bürgermeister Andrij Sadowyi zum KURIER – am Rande der Eröffnung einer Notunterkunft für schwangere Frauen und Mütter mit Kleinkindern.

Dann nennt er Zahlen: „In den vergangenen fünf Monaten kamen fünf Millionen Menschen durch Lemberg.“ Schockierender noch: „Jeden Tag begraben wir in meiner Stadt einen Soldaten.“

Auf einer Wiese neben dem zentralen Friedhof von Lwiw wurden vor acht Jahren die ersten Soldatengräber angelegt. Zuletzt kamen viele neue Gräber hinzu. Die jüngsten Gefallenen wurden nicht einmal 20 Jahre alt.

Deutsch-Lehrerin Mariana Zavaliy blickt auf die Geburtsdaten. Dann sagt sie leise: „Ein Student von mir, 22 Jahre alt, ist auch gefallen.“

Auch jene, die noch keine Verwandten verloren haben, leiden. „Wir haben jetzt viele Krebspatienten aus der Ostukraine“, erzählt Krankenschwester Myroslava Hnativ, die auf einer onkologischen Station arbeitet.

„Damit steigt für uns auch die psychische Belastung. Weil jeder Patient neben der Erkrankung auch ein Kriegstrauma zu verarbeiten hat. Viele von unseren Kolleginnen haben gekündigt und sind weggegangen.“

Für die doppelte Arbeit hat ihr der Staat den Urlaubsanspruch schon zwei Mal gekürzt: von ursprünglich sechs auf nun zwei Wochen. Zeitgleich frisst die Inflation die Einkommen der Ukrainer auf.

Die Pensionistin Nelia Hončarova klagt in ihrer Altbau-Wohnung in der ehemaligen k. und k. Stadt: „Ich bekomme 100 Euro Pension. Die Wohnung kostet 50, das Heizen im Winter weitere 50 Euro.“ Immerhin, eine Sozialarbeiterin vom Roten Kreuz hilft ihr jetzt drei Mal pro Woche für zwei Stunden.

Bei Luftangriffen kann die 88-jährige Frau ihr Bett nicht verlassen: „Ich hoffe dann, dass ich nach dem Zweiten Weltkrieg auch diesen Krieg überleben werde.“

Die Tochter an der Front

Im Klassenzimmer der Lemberger Architektenschule sitzt Dmitro Smolka. Seine Hände zittern während des gesamten Gesprächs. Der Bauarbeiter aus einer oft bombardierten Kleinstadt nahe Dnjepropetrowsk weiß, dass seine Tochter aus erster Ehe an der Front kämpft. Mit seiner zweiten Frau Irina und vier Kindern, das älteste ist gerade einmal 13, harrt er seit Anfang April hier aus.

Dmitros Hoffnung, in die eigenen vier Wände zurückzukehren, schwindet mit jedem weiteren Tag: „Wir werden wohl hinüber nach Polen fahren. Ich habe schon die Zusage für eine Arbeit. Jetzt fehlen uns nur mehr die Dokumente für unsere Kinder.“

Anfang September muss Familie Smolka in jedem Fall hier raus. Die Schule ist eine von 100 Bildungseinrichtungen in Lemberg, die im Frühjahr über Nacht zu Notquartieren umfunktioniert worden waren. Im Herbst soll hier wieder unterrichtet werden. Bürgermeister Sadowyi ist optimistisch, dass er bis dahin ausreichend winterfeste Ersatzunterkünfte eröffnen kann. Ein ambitioniertes Ziel.

Im Call Center, das vom Roten Kreuz für die gesamte Ukraine in Lemberg eingerichtet wurde, arbeitet die Psychologin Olana Krywoschta. Sie stammt aus Butscha, einem Ort im Nordwesten der Hauptstadt Kiew, der aufgrund von Massaker an der Zivilbevölkerung traurige Weltberühmtheit erlangt hat.

Oft rufen 50 Menschen pro Tag bei ihr an, um ihr von ihren Panikattacken und psychischen Störungen ihrer Kinder zu berichten: „Es gibt Kinder, die mussten mitansehen, wie ihre Eltern oder Nachbarn hingerichtet wurden.“

Und ihr eigenes Befinden? Die Psychologin sagt dazu nicht viel, nur so viel: „Zum Nachdenken komme ich nur am Wochenende.“

Die Hoffnung stirbt nicht

Ein wenig Zuversicht dann im Studio der Fotografin, Fotografie- und Englisch-Lehrerin Olya Dmytriv: Sie hat zuletzt für eine Charity-Aktion 20 Landsleute in ihrem Studio porträtiert. „In ihren Augen“, erzählt sie, „habe ich viel Traurigkeit gesehen. Aber auch große Entschlossenheit, diesen Krieg zu gewinnen.“

Seit Wochen schon ist das Benzin in ihrem Land rationiert. Es gibt Tage, da gibt es gar keines. An den anderen Tagen kostet es so viel wie in Österreich. „Dann kann man wieder einmal eine Woche lang kein Salz kaufen.“ Olya Dmytriv hat ihre Hoffnung dennoch nicht verloren: „Wenn ich sehe, wie sich die Leute im ganzen Land gegenseitig helfen und Mut zusprechen, macht mich das stark.“

Stell dir vor, es heulen die Sirenen, und keiner …

Drei Mal Luftalarm innerhalb von nur 48 Stunden. Das sei normal. Erklären die Leute in Lemberg. Für Besucher, die vom Krieg bisher nur in der Schule gehört und in Büchern und der Zeitung gelesen haben, lösen die Sirenen der ukrainischen Luftabwehr Schock, Angst und Beklemmung aus.

Die Sicherheitsvorgabe der Regierung in Kiew ist an sich mehr als eindeutig: Sofort den nächstgelegenen Luftschutzkeller aufsuchen! Es gibt dafür sogar eigene Hinweistafeln – auch mit der englischsprachigen Aufschrift Shelter.

Die gelebte Realität in der West-Ukraine ist heute jedoch eine ganz andere. Bisher ist in den Städten wie Lemberg  in den vergangenen fünf Monaten keine russische Rakete eingeschlagen (hier widersprechen sich die Angaben: während Bewohner:innen in Lemberg von bisher vier Raketeneinschlägen in der Stadt berichten, meinen internationale Beobachter:innen, dass diese Raketen außerhalb der Stadt niedergingen). Faktum ist: Zu lange schon dauert dieser Krieg, der Schritt der Lemberger ist langsamer geworden.

Es laufen heute daher nur jene, die schon einmal Augen- und Ohrenzeuge eines Raketenangriffs geworden sind. Wird uns erklärt. Oder die auch weiterhin auf Nummer Sicher gehen wollen.

Unverantwortlich? Das ist die Frage. So funktioniert nun einmal der Mensch – auch in anderen Kriegsgebieten. Er kann nicht fünf Monate lang im höchsten Aufregungsmodus verharren.

„Weil es die Ukraine und die Ukrainer wert sind“

Lebensmittel, Heizen, Wohnen, Benzin: Die aktuelle Teuerung ist für viele Menschen in Österreich eine finanzielle Herausforderung. Auch die Aussicht, dass Putin den Gashahn zudrehen könnte, und die Pandemie lösen Ernst zu nehmende Ängste aus. Es geht jedoch noch deutlich schlimmer.

„Stellen wir uns bitte die Probleme in Österreich vor und potenzieren wir sie, dann sind wir hier in der Ukraine“, beschreibt Jürgen Högl, der seit dem Beginn des Kriegs die Einsätze vom Österreichischen Roten Kreuz in der Ukraine leitet. Millionen Ukrainer leben von ihren Familien getrennt, viele haben Angehörige im Krieg verloren, kein Dach über dem Kopf, keine Arbeit.

Andere sind es seit Jahren gewohnt, während der Sommermonate Geld zu sparen, um damit im Winter ihre Wohnung zu heizen. Doch das wird sich heuer nicht ausgehen. Es fehlt in diesen Tagen an vielem, auch an winterfesten Quartieren. Auf die Frage, warum man spenden soll, sagt Jürgen Högl: „Weil es die Ukraine und die Ukrainer wert sind.“

Das Rote Kreuz und das Medienhaus KURIER unterstützen die Menschen in der Ukraine seit dem Frühjahr. Rot-Kreuz-Generalsekretär Michael Opriesnig freut: „Unsere erfolgreiche Hilfsaktion wird fortgesetzt.“

Bitte spenden Sie noch heute hier. Oder über das Österreichische Rote Kreuz. Das Kennwort lautet: „KURIER – Familienhilfe“ | IBAN: AT57 2011 1400 1440 0144

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Kommentare