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Politik Ausland
06/13/2020

Großbritannien: Ende der Unterbringung von Obdachlosen droht

Aufgrund der Corona-Pandemie wurden Obdachlose in Hotels untergebracht. Nun müssen sie wohl zurück auf die Straße.

Als die Corona-Pandemie Großbritannien erreichte, wurden Tausende Obdachlose in Hotels untergebracht: Hilfsorganisationen hatten gewarnt, auf den Straßen oder in überfüllten Unterkünften seien sie besonders anfällig für den Erreger. Jetzt, da sich die Ausbreitung des Coronavirus verlangsamt, müssen die vormals Obdachlosen befürchten, bald wieder unter Brücken und auf Parkbänken schlafen zu müssen.

Gut 14.600 Wohnungslosen in England verschaffte die Regierung von Premierminister Boris Johnson wegen der Corona-Pandemie eine ordentliche Unterkunft, allein 4.450 in London. Viele bekamen Zimmer in vorerst geschlossenen Hotels - sicher und komfortabel, wie es manche seit Jahren nicht mehr kannten.

"Fühlte mich wie im siebenten Himmel"

Auch Lisa, chronisch krank und ohne festen Wohnsitz, bezog im März auf Vermittlung der Organisation Glass Door ein Hotelzimmer. "Ich war begeistert", sagt die Mittdreißigerin am Telefon. "In einem Bett zu schlafen - ich fühlte mich wie im siebenten Himmel!" Doch ihr Zimmer in einem Londoner Hotel ist nur bis Ende Juni gesichert - und mit der Lockerung des Lockdowns wird sie zunehmend nervös.

Die Unterbringung im Hotel habe ihr "einen Hoffnungsschimmer, dass die Dinge sich ändern können", gegeben, sagt Lisa. "Wenn man auf der Straße lebt, hat man das Gefühl, dass es nie enden wird. Ich hoffe, dass uns die Hilfsorganisationen nicht wieder auf die Straße setzen werden. Wenn ich wieder in die Notunterkünfte zurückgehen muss, wird sich die Geschichte wiederholen."

Nachdem in Großbritannien bereits mehr als 41.000 mit dem Coronavirus infizierte Menschen starben, fordern Hilfsorganisationen von den Behörden klare Aussagen, wie es für die Wohnsitzlosen weitergeht. "Die Leute wieder auf die Straße zu setzen, sollte keine Option sein, doch die Zeit wird knapp, um alternative Lösungen zu finden", sagt Glass-Door-Geschäftsführerin Lucy Abraham.

Balbir Chatrik von der Jugendhilfe-Organisation Centrepoint berichtet, einige Wohnungslose hätten die Gelegenheit genutzt und in einem Mietverhältnis bleiben können. "Doch noch viel mehr brauchen intensive Unterstützung, die nur in Verbindung mit einer stabilen Unterkunft geleistet werden kann."

Obdachlosigkeit könnte weiter wachsen

Nach jahrelangen Sparmaßnahmen herrscht in Großbritannien erheblicher Mangel an erschwinglichem Wohnraum. Nach Angaben von Hilfsorganisationen nahm Obdachlosigkeit in den vergangenen zehn Jahren um 141 Prozent zu. Nun könnte sie durch die schwere Wirtschaftskrise und steigende Arbeitslosigkeit aufgrund der Pandemie noch weiter wachsen.

Die Hilfsorganisationen schlagen daher Alarm: "Die bisherigen Maßnahmen und die Unterstützung der Regierung sind willkommen, aber es liegt noch ein langer Weg vor uns", heißt es in einem gemeinsamen Brief führender Obdachlosenvertreter. "Angesichts der Gefahr einer zweiten Infektionswelle und einer drohenden Wirtschaftskrise muss mehr getan werden."

Vor der Wahl im Dezember hatte Regierungschef Johnson versprochen, die Obdachlosigkeit mit einem 650 Millionen Pfund schweren Programm (731 Millionen Euro) innerhalb von fünf Jahren zu beenden. Im Mai betonte Wohnungsbauminister Robert Jenrick, er wolle den Bau von 6.000 neuen Wohneinheiten beschleunigen - 3.300 davon sollten bereits im kommenden Jahr zur Verfügung stehen. Er verlängerte auch ein dreimonatiges Räumungsverbot für säumige Mieter bis August.

Obdachlosenvertreter klagen jedoch, dass manche Hilfsbedürftigen schon jetzt durchs Raster fallen. So haben seit März entlassene Häftlinge keinen Anspruch auf ein Hotelzimmer.

Jasmine Basran von der Hilfsorganisation Crisis befürchtet zudem, dass staatliche Hilfen für Migranten wieder vom Aufenthaltsstatus abhängig gemacht werden. Während des Corona-Lockdowns wurden die Hilfen davon unabhängig gewährt. "Es gibt Menschen, denen diese Hilfe verweigert wird, obwohl die Pandemie weitergeht", kritisiert Basran. "Und das bringt sie in eine sehr gefährliche Situation."

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