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28.03.2018

Gesundheit: Machen Handys die Kinder fett?

Jeder vierte Schüler hat grobe motorische Mängel. Smartphones fördern das zusätzlich.

Smartphones machen Kinder fett. Klingt brutal? Nicht für die Österreicher.

Erst vor wenigen Wochen veröffentlichte das IMAS-Institut eine Umfrage, wonach jeder Zweite überzeugt ist, dass sich Kinder und Jugendlichen zu wenig bewegen, weil sie zu viel Zeit am Computer oder Handy verbringen.

Nun sind Umfragen das eine. Tatsächlich aber ist die zunehmend schlechter werdende körperliche Entwicklung der Kinder längst amtlich. Laut einer aktuellen Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO, schaffen nur noch 17 von 100 Schülern das Minimum dessen, was für eine gesunde Entwicklung nötig ist, nämlich: sich zumindest eine Stunde am Tag zu bewegen. Im Gegenzug verbringen sie an Schultagen 5,4 Stunden und an schulfreien Tagen mehr als 7,5 Stunden sitzend.

Schwere Defizite

„Die motorischen Fähigkeiten der Kinder nehmen deutlich ab“, bestätigt Roland Werthner, früherer Olympiateilnehmer. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert überblickt der promovierte Sportwissenschafter und frühere Leiter eines Leistungssportgymnasium die motorische Entwicklung von Kindern. Spitzenklubs wie Bayern München oder Ajax Amsterdam vertrauen auf seine Expertise, um begabte Kinder frühzeitig zu erkennen. Aus den hunderten Testungen weiß der frühere Spitzensportler, „dass mittlerweile ein gutes Viertel der Kinder so schwere Defizite aufweist, dass im späteren Leben erhebliche Beeinträchtigungen auftreten können.“

Was heißt das genau? Die Kinder leiden als Erwachsene nicht nur schneller und häufiger an „Zivilisationskrankheiten“ wie Diabetes oder Fettleibigkeit. „Sie verletzen sich auch häufiger und schwerer“, sagt Werthner, „weil sie zu selten auf Bäume geklettert, zu wenig gelaufen und gestürzt sind. Ihnen fehlt einfach die Bewegungszeit – sie haben nicht gelernt, mit ihrem Körper richtig umzugehen.“

Doch im Unterschied zur breiten Masse ist der Sportwissenschafter längst nicht sicher, ob man den besorgniserregenden körperlichen Zustand der Jugend allein auf den elektronischen Fortschritt zurückführen kann.

Denn, und auch das sagen die Zahlen: Die motorische Verwahrlosung hat schon zu Zeiten eingesetzt, als das Smartphone gar nicht erfunden war. „Sport und Bewegung haben in unserer Gesellschaft nach wie vor nicht den Stellenwert, den sie haben müssten“, sagt der promovierte Sportwissenschafter Johannes Landlinger von der Bundessportakademie zum KURIER. So sei es für Kinder in Städten mittlerweile oft nur unter erheblichen Anstrengungen möglich, zu Spielflächen oder -plätzen zu kommen. „Den Schülern fehlt vielfach der Platz, um sich ausgiebig zu bewegen.“

Besonders wichtig, wenn nicht entscheidend ist für den Experten, dass die Vereine qualitativ hochwertige Sportangebote bieten und sich die Eltern ihrer Vorbild-Wirkung bewusst werden. „Der Turnunterricht in der Schule kann nicht wettmachen, was in der Familie nicht gelebt wird. Wer sein Kind mit dem Auto bis vor das Schultor führt und am Wochenende ständig mit dem Tablet auf der Couch sitzt, darf sich nicht wundern, wenn Kinder keine Lust auf Bewegung haben.“ Zudem sei es essenziell, dass Vereine hochwertig ausgebildete Trainer beschäftigen. Landlinger: "Das ehrenamtliche Engagement in Sport-Vereinen soll nicht schlecht gemacht werden, es ist zu begrüßen. Man sollte dabei aber nicht vergessen, dass Trainer, die keine fundierte sportliche und pädagogische Ausbildung haben, gerade bei Kindern mitunter das Gegenteil erreichen - sie können, leider, auch die Freude am Sport nehmen. Deshalb pochen wir so darauf, dass vor allem im Nachwuchsbereich besonders gut ausgebildete Sport-Trainer beschäftigt werden."