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Politik Ausland
12/05/2011

Gaddafis Ende: Welche Rolle spielte NATO?

Das Militärbündnis spürte den Despoten vor seinem Tod in Sirte auf. Er soll 140 Mrd. Euro auf die Seite geschafft haben.

von Irene Thierjung

Wie starb Muammar al-Gaddafi wirklich? Darüber herrschte auch am Samstag Rätselraten. Nach Informationen der deutschen Bild-Zeitung war dem Despoten ein Telefonat zum Verhängnis geworden. Am Abend vor seinem Tod habe er von seinem Versteck in Sirte aus Verbündete angerufen und 12.000 Mann für einen "Befreiungskampf" angefordert. Bild zufolge hörten westliche Geheimdienste Gaddafis Satellitentelefon ab und gaben die Informationen an die Kämpfer des Nationalen Übergangsrates weiter.

Die britische Zeitung The Telegraph berichtete, dass die NATO Gaddafi bereits eine Woche beobachtet habe. Ein "Durchbruch bei der Geheimdienstarbeit" habe das Militärbündnis auf die Spur des 69-Jährigen gebracht. Danach sei er mit einer US-Drohne und einer Hi-Tech-Abhöranlage in Sirte lokalisiert worden, wo er aus Angst vor den Rebellen jede Nacht das Quartier wechselte.

Auch der deutsche Bundesnachrichtendienst, der in Nahost gut vernetzt ist, soll Gaddafis Aufenthaltsort schon seit Wochen gekannt haben. Laut dem Magazin Der Spiegel teilte er den Rebellen und der NATO aber keine Daten mit, die zu einem gezielten Angriff hätten führen können.

Als Gaddafi schließlich am Donnerstag aus seinem schwer unter Beschuss geratenen letzten Versteck flüchtete, wurde sein Konvoi von der NATO aus der Luft angegriffen - so viel ist sicher. Die NATO beteuert, nicht gewusst zu haben, dass sich der Ex-Diktator in dem Konvoi befand. Man habe nur gewusst, dass es sich um Militärfahrzeuge mit Waffen und Munition handelte. Viele in Libyen spekulieren aber, dass die NATO, deren UN-Mandat sich auf den Schutz der Zivilbevölkerung beschränkte, sehr wohl wusste, dass Gaddafi in einem der Wagen war.

Handy-Videos

Wie es danach weiterging, ist unklar. Mindestens vier Videoaufnahmen der folgenden Minuten existieren. Gesichert ist nur, dass Gaddafi in ein Entwässerungsrohr floh, aus dem er von Rebellen gezerrt wurde. In einem Handy-Video sieht man, wie die Kämpfer Gaddafi herumschubsen und sich über ihn lustig machen. Der blutende Ex-Diktator wirkt verwirrt. In später aufgenommenen Videos sieht man den toten Gaddafi mit Schusswunden in Kopf und Brust.

Gaddafis Witwe, die UNO und die USA fordern nun eine Untersuchung der Ereignisse. Der Übergangsrat versprach, die "unglücklichen" Umstände der Tötung würden geprüft. Das Schicksal von Gaddafis Sohn Saif al-Islam ist weiter ungewiss.

In Misrata wollten sich indes Tausende davon überzeugen, dass der Tyrann wirklich tot ist. Geduldig stellten sie sich an, um den Toten zu sehen und zu fotografieren. Der Übergangsrat will die Leichen des Despoten und seines Sohnes Mutassim nun doch an dessen Familie übergeben. "Sie kann entscheiden, wo und wann sie ihn begraben will", sagte ein Sprecher dem Sender BBC. Zuvor hatte es geheißen, Gaddafi werde an einem geheimen Ort bestattet.

Siegesfeier verschoben

Wie die US-Zeitung Washington Post unter Berufung auf hochrangige libysche Beamte berichtete, hat Gaddafi in den 42 Jahren seiner Herrschaft möglicherweise mehr als 140 Milliarden Euro zur Seite geschafft. Das Vermögen umfasse Bargeld, Konten, Immobilien, Gold und Investments in aller Welt. Stimmen die Schätzungen, könnte das den Zorn der Libyer auf das gestürzte Regime weiter anfachen.

Der Übergangsrat, der den friedlichen Übergang in eine Demokratie organisieren will, verschob die für am Samstag geplante Ausrufung der "Befreiung Libyens" auf Sonntag Nachmittag. Nach der Feier soll binnen 30 Tagen eine Übergangsregierung stehen.