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Europäer wollen unabhängiger von Trumps USA werden

Drei von vier EU-Bürgern sind laut Umfrage der Ansicht, Europa solle seinen eigenen Weg gehen. Die USA unter Trump seien ein unzuverlässiger Partner.
Donald Trump zeigt mit dem Finger vor einem Hintergrund mit dem US-Präsidenten-Siegel.

Zusammenfassung

  • 73 Prozent der EU-Bürger wünschen mehr Unabhängigkeit von den USA, das Vertrauen in die USA als Partner ist deutlich gesunken.
  • China wird weiterhin skeptisch gesehen, während Großbritannien und Kanada als strategische Partner an Bedeutung gewinnen und die Unterstützung für die NATO stabil bleibt.
  • Eine Analyse zeigt, dass Europa seine militärische Abhängigkeit von den USA innerhalb von fünf bis zehn Jahren und mit Investitionen von etwa 500 Milliarden Euro überwinden könnte.

Knapp eineinhalb Jahre nach Beginn der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump wünschen sich immer mehr Menschen in der EU mehr Unabhängigkeit von den USA. Inzwischen sind fast drei von vier EU-Bürgern (73 Prozent) der Ansicht, Europa solle seinen eigenen Weg gehen, wie aus einer am Donnerstag veröffentlichten Studie der deutschen Bertelsmann Stiftung hervorgeht. Zudem hält eine klare Mehrheit von 58 Prozent die USA nicht mehr für einen vertrauenswürdigen Partner.

Der Anteil derjenigen, die eine größere Eigenständigkeit befürworten, stieg demnach seit 2024 um zehn Prozentpunkte. Das Ansehen der USA als wichtigster Partner der Europäischen Union (EU) ist der Umfrage zufolge seitdem um 20 Prozentpunkte auf 31 Prozent gesunken. Ein polarisierender US-Präsident und zunehmende geopolitische Spannungen hätten die öffentliche Meinung in Europa verschoben, heißt es in der Analyse, für die zwischen September 2024 und März 2026 regelmäßig Menschen in allen 27 EU-Staaten befragt wurden.

China keine Alternative

Das Streben nach Unabhängigkeit führt der Studie zufolge jedoch nicht zu einer stärkeren Hinwendung zu China, das weiter mit Skepsis betrachtet wird. Stattdessen verschieben sich die Präferenzen innerhalb des westlichen Bündnisses. So gewinnen demnach das Vereinigte Königreich und Kanada als strategische Partner an Bedeutung. Die Unterstützung für die NATO als zentraler Pfeiler der Sicherheit bleibe mit 63 Prozent der Befragten dabei stabil.

"Die Europäerinnen und Europäer wollen unabhängiger von den Vereinigten Staaten werden", sagte Florian Kommer von der Bertelsmann Stiftung. Das Vertrauen in Amerika und dessen Rolle als zentraler Partner Europas sei gesunken. Die Partnerschaft sei nicht unwiederbringlich verloren, doch die Daten signalisierten eine tiefere und strukturelle Belastung der transatlantischen Beziehungen. "Die Politik sollte diesen Auftrag nun in konkrete Maßnahmen und substanzielle Investitionen in Europas eigene Fähigkeiten übersetzen", forderte der Experte.

EU könnte Abhängigkeit in Verteidigung von USA schnell abschütteln

Europa könnte seine militärische Abhängigkeit von den USA nach einer Analyse fünf prominenter Köpfe innerhalb weniger Jahre ohne Mehrkosten abschütteln. Substanzieller Fortschritt hin zu eigenständiger Handlungsfähigkeit sei mittelfristig innerhalb von drei bis fünf Jahren realistisch, heißt es in dem mit "Sparta 2.0" betitelten Papier deutscher Experten. Weitgehende Autonomie sei in den meisten Bereichen in fünf bis zehn Jahren erreichbar.

Notwendig wäre nach Einschätzung des Ökonomen Moritz Schularick und seiner Mitautoren hauptsächlich der politische Wille, die bisherige Kleinstaaterei in der Verteidigungspolitik zu überwinden.

Geschätzte Kosten von einer halben Billion Euro

Die Kosten schätzen der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und seine Mitautoren auf 150 bis 200 Milliarden Euro bis 2030, und bis Mitte des nächsten Jahrzehnts auf insgesamt etwa 500 Milliarden Euro. "Diese Agenda ist im Rahmen der aktuellen Finanzplanung umsetzbar, wenn ein Drittel des geplanten Aufwuchses der europäischen Verteidigungsbudgets von jährlich 200 Milliarden Euro entsprechend investiert wird", heißt es in dem Aufsatz.

"Europa" bezieht sich in dem Papier auf die EU plus Großbritannien und Norwegen. Im Verhältnis zur europäischen Wirtschaftsleistung entspreche das etwa 0,25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Co-Autoren des Aufsatzes sind neben Schularick der Airbus-Verwaltungsratschef René Obermann; Tom Enders, der Verwaltungsratsvorsitzende des Rüstungskonzerns KNDS; die Investorin Jeannette Fürstenberg und der Politikberater Nico Lange. Die fünf Verfasser betonen in dem Aufsatz aber auch, dass es sich um Kostenschätzungen mit möglichen großen Abweichungen handelt.

Europa an Nummer zwei der weltweiten Rüstungsausgaben

Das IfW hatte schon in einer kürzlich erschienenen Studie teure Ineffizienz beklagt. Als Beispiel listete das Kieler Institut auf, dass die europäischen Streitkräfte vierzehn unterschiedliche Hauptkampfpanzer beschafft haben, während das US-Militär mit einem einzigen Modell auskommt. Die USA gaben demnach 2025 mehr als 900 Milliarden Dollar für ihre Streitkräfte aus, Europa gut 500 Milliarden, China folgte demnach mit etwa 300 Milliarden Dollar erst auf Rang drei. Diese Analyse deckt sich weitgehend mit den Berechnungen der US-Denkfabrik Center for International und Strategic Studies (CSIS).

Der entscheidende Engpass sei weder Geld noch Technologie, heißt es in dem neuen "Sparta"-Papier. "Die Umsetzung des Programms hängt an politischer Priorisierung und Führung, industrieller Koordination und der Bereitschaft, die ineffiziente und teure Fragmentierung der europäischen Verteidigung hinter sich zu lassen."

Die Autoren nennen zehn militärische Bereiche, in denen Europa in großem Maßstab eigene Systeme entwickeln sollte, um unabhängig von importierter Rüstungstechnologie zu werden. Das beinhaltet die Massenproduktion von Drohnen, die Entwicklung ballistischer Raketen mit großer Reichweite, die Luftverteidigung, ein militärisches Satellitennetzwerk und elektronische Kampfführung.

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