EU-weite Social-Media-Beschränkung für Heranwachsende rückt näher
„Wir haben keine Zeit. Kinder und Jugendliche sind jetzt und heute mit großen Risken durch technologisches Design und durch inadäquate Inhalte auf Social Media Plus konfrontiert.“ Mit diesen Worten kommentierte am Montag der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater Jörg M. Fegert seinen Bericht, den er gemeinsam mit der französischen Expertin für psychische Gesundheit von Heranwachsenden, Maria Melchior, im Auftrag der EU-Kommission erstellt hat. Quintessenz: Klare Alterslimits für die Bildschirm-Nutzung generell und von TikTok, Instagram und Co. im Speziellen.
Sanfter Einstieg
Konkret: Bis zur Vollendung des zweiten Lebensjahres sollen die Kleinen gar keine Bildschirmzeit haben, fordert das Wissenschaftsduo. Danach sollen die Kinder bis zum 13. Geburtstag ausschließlich elterlich kontrollierten oder pädagogisch angeleiteten und zeitlich begrenzten Zugang zu Social Media haben. Bis zum 18. Geburtstag sollen die Teenager zunehmend selbstständig Zugang zu diesen Internet-Angeboten haben. Damit könnte ein Social-Media-Verbot für Unter-13-Jährige näher rücken.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen dürften die Ergebnisse der Experten zupass kommen, hatte sie sich doch bereits im Vorfeld für eine gesetzliche Beschränkung offen gezeigt. Die siebenfache Mutter führte unter anderem ins Treffen, dass Eltern die Folgen exzessiver Nutzung von Social Media durch ihre Kinder spürten – in Form von Schlafmangel, schlechten schulischen Leistungen oder Depressionen. Die Deutsche versprach, nach Sommer-Ende einen entsprechenden Gesetzestext zu präsentieren. Die Regelung solle dann in der gesamten EU gelten.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist als siebenfache Mutter besorgt
Bisher gibt es in einigen Ländern Initiativen, den Social-Media-Zugang von Heranwachsenden zu beschränken. In Griechenland soll bereits ab kommendem Jahr ein Verbot für Unter-15-Jährige gelten. In Österreich soll die Grenze mit dem 14 gezogen werden. Auch in Frankreich, Spanien oder Dänemark wird an entsprechenden Gesetzen gearbeitet.
Doch in Brüssel strebt man eine einheitliche Lösung an – und hat auch gute Argumente dafür. Zum einen kann nur die Union per Gesetz von den Online-Riesen eine Alterskontrolle für den Zugang zu ihren Dienste verlangen, Regelungen in den Nationalstaaten müssten die Eltern überwachen und durchsetzen. Zum anderen wird in der EU schon länger an einer App getüftelt, mit der der rechtmäßige Zugang zu Social Media gecheckt werden kann – ohne dass dabei der Datenschutz verletzt wird. Basis dafür ist die so genannte digitale Brieftasche. Mit dem EUDI-Wallet soll die Altersverifikation möglich sein, ohne dass dabei Daten wie Name oder Geburtsdatum gespeichert oder an die großen Plattformen weitergegeben werden.
Zugang erschlichen
Wie wichtige ein solcher „Türsteher“ ist, zeigt das Beispiel Australien. In Down Under wurde als erstem Land der Welt ein Social-Media-Verbot für Burschen und Mädchen erlassen – bis zum 16. Geburtstag. Doch jüngst wurde nachgewiesen, dass diese Regelung weit gehend zahnlos ist. Zum einen wurde von den Betreibern der großen Online-Plattformen kaum das Alterslimit überprüft. Und zum anderen umgingen viele User diese Barriere, indem sie sich über VPN (dort wird die wahre IP-Adresse, also Identität verborgen) Zugang zu Insta oder Snapchat erschlichen. Wieder andere kreierten Fake-Accounts oder nutzen solche älterer Personen.
Für Ursula von der Leyen ist aber eines ganz klar: „Der Status quo, in dem wir es den großen Tech-Unternehmen erlauben, uneingeschränkten Zugang zu unseren Kindern zu haben, führt ihnen Schaden zu.“ Das müsse sich schleunigst ändern.
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