Politik | Ausland
12.04.2018

Eskalation im Syrien-Konflikt: „Trump ist unter Zugzwang“

Politologe Reinhard Heinisch über die Risiken eines US-Militärschlages und das angespannte Verhältnis zu Russland.

Kriegsschiffe im Mittelmeer; Airlines, die wegen möglicher Raketenangriffe ihre Flugrouten in der Region ändern; Telefonkonferenzen zwischen Berlin, Paris, Ankara, Moskau und Washington.

Einen Tag nach Donald Trumps Drohung an Syrien und Russland, auf den Giftgaseinsatz im syrischen Duma mit Raketen zu antworten, herrschte am Donnerstag weiter Alarmzustand.

Daran änderte wenig, dass der US-Präsident – wenig überraschend ebenfalls via Twitter – zunächst ein wenig zurückruderte. „Ich habe niemals gesagt, wann ein Angriff stattfinden würde. Es könnte sehr bald sein oder überhaupt nicht so bald.“

Am Abend hieß es dann: „Wir müssen nun einige weitergehende Entscheidungen treffen. Sie werden ziemlich bald fallen.“

Aus dem Präsidialamt hieß es, es gebe eine Reihe von Optionen, nicht nur militärische.

Unberechenbar

Adressat der Drohungen ist in erster Linie Russlands Präsident Putin. Trumps derzeitiger Lieblingsfeind ist der engste militärische Verbündete des syrischen Machthabers Assad (siehe Grafik).

Das Verhältnis zu Moskau sei noch nie so schlecht gewesen, twitterte der 71-Jährige, „nicht einmal im Kalten Krieg“.

Wie gefährlich die Spannungen tatsächlich sind, ist selbst für Experten schwer einzuschätzen.

Angesichts von Trumps Unberechenbarkeit kaum zu beantworten ist auch die Frage, ob er wirklich zu einem neuerlichen Militärschlag in Syrien bereit ist (schon 2017 ordnete er nach einem Giftgaseinsatz einen Raketenangriff an). Führende US-Abgeordnete forderten gestern ein Mitspracherecht vor militärischen Einsätzen.

„Bei Trump weiß man es nie“, bringt Reinhard Heinisch von der Uni Salzburg das Dilemma auf den Punkt.

Gegenüber dem KURIER analysiert der Politologe und USA-Experte mögliche Beweggründe für die verbale Eskalation, die objektiv nur schwer zu verstehen sei.

Immerhin würden US-Truppen in Syrien eine wichtige Luftwaffenbasis besetzt halten, was eigentlich ein ausreichendes Druckmittel gegenüber Damaskus und Moskau sei. „Die bräuchten nur dort zu bleiben.“

Negativ-Schlagzeilen

Die Androhung eines Militärschlages bringt Trump Heinisch zufolge nun unter unnötigen Zugzwang, der auch noch Gefahren berge.

„Die russische Luftabwehr in Syrien ist sehr gut und wäre selbst durch Tarnkappenbomber schwer ausschaltbar.“ Und Berichte über tote US-Soldaten würden vor den Kongresswahlen im November zu Negativ-Schlagzeilen führen.

Dagegen könnte ein Versuch zu deeskalieren zu einer konzilianten Geste seitens Russlands führen, was Trump dann als Sieg vermarkten könnte.

Druck von vielen Seiten

Warum Trump trotzdem lieber martialische Töne anschlägt, ist laut Heinisch in dessen Zugang begründet, Konflikte mit dramatisch inszenierten Drohungen zuerst zu eskalieren und eine Maximalforderung anzubringen, um dem Gegner dann entgegenzukommen – wie im Atomstreit mit Nordkorea.

Im Falle Syriens komme dazu, dass Trump seinen Vorgänger Obama wegen dessen zögerlicher Haltung stets kritisierte und dass er mit dem neuen Sicherheitsberater Bolton einen deklarierten Gegner des russischen Einflusses in Syrien an seiner Seite hat.

„Trump ist auch sehr an Israel interessiert, dass sich von Syrien bedroht fühlt“, so Heinisch. Ihm gehe es aber nicht um die Verteidigung des Landes, sondern um wichtige Wählergruppen in den USA.

Und wie sieht Russland das Ganze? „Wir wollen keine Eskalation“, hieß es aus dem Außenministerium. „Aber wir werden auch keine lügenhaften Anschuldigungen unterstützen.“

Laut Heinisch kommt die Eskalation Präsident Putin entgegen. „Sie spielt in das Narrativ hinein, dass der Westen gegen Russland sei“.