Politik | Ausland
12.08.2018

Erstmals steht eine Muslima vor dem Einzug in den US-Kongress

Demokratin Rashida Tlaib, Tochter palästinensischer Einwanderer, gewann die Vorwahl in Michigan.

Erstmals in der Geschichte der USA steht eine muslimische Frau vor dem Einzug in den Kongress. Rashida Tlaib ist nach ihrem Sieg bei den Vorwahlen der Demokraten der Sitz im Repräsentantenhaus wohl kaum mehr zu nehmen: Kein Republikaner ist bereit, im 13. Wahlbezirk von Michigan anzutreten.

"Man muss nicht ändern, wer man ist, um für ein Amt zu kandidieren", sagte Tlaib der "New York Times" (zum Artikel) nach ihrem Sieg in der vergangenen Woche. "Und darum geht es in diesem Land." Während Prominente wie der Filmemacher Michael Moore den Sieg feierten nannten ihn Experten ein Beispiel für die Notwendigkeit, politische Karrieren systematisch aufzubauen.

13 Geschwister

Die 42-jährige Tlaib wurde in Detroit als erste von 14 Kindern einer palästinensischen Einwandererfamilie geboren. Ihr Vater arbeitete in einer Fabrik von Ford. Die Juristin zog bereits als erste Muslima 2008 in das Landesparlament von Michigan ein. Dort diente sie drei zweijährige Legislaturperioden, die erlaubte Höchstzahl.

Trump-Rede 2016 gestört

Überregional bekannt wurde die Mutter zweier Kinder, als sie 2016 eine Rede des damaligen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump störte mit der Aufforderung, er solle die Verfassung lesen. Auf ihrer Website beansprucht sie, den konservativen Koch-Brüdern beim Umweltschutz erfolgreich die Stirn geboten zu haben. "Der 13. Bezirk wollte eine Kämpferin", schrieb sie auf Twitter zu ihrer Nominierung. "Und sie bekommen eine."

"Stolze Muslima"

Tlaibs Twitter-Site zeigt auch ihre Beziehung zu ihrem Glauben: Dort nennt sie sich selbst eine "stolze Muslima". In einem CNN-Bericht vom Juni wird beschrieben, wie sie im Südwesten von Detroit trotz der Hitze bei einem Besuch bei Wählern auf Wasser verzichtet - es war Ramadan. Religion sei allerdings bei ihrem Gang von Haustür zu Haustür nie ein Thema gewesen, berichtet der Sender. In diesem Teil von Michigan leben überdurchschnittlich viele Muslime. Die Bevölkerung der Stadt Dearborn im Großraum Detroit etwa stammt nach einer Erhebung aus dem Jahr 2000 zu 30 Prozent aus dem arabischen Raum.

Bei den Vorwahlen in Michigan waren zwei weitere Kandidaten islamischen Glaubens angetreten - einer davon für den Gouverneursposten. Beide scheiterten. Insgesamt berichten US-Medien von 90 Muslimen, die sich in diesem Jahr bei der Wahl im November für Ämter auf Bundes-, Landes- oder Kommunalebene bewerben.

2006 zog erstmals ein Muslim in den US-Kongress ein

Der erste Muslim im Kongress war 2006 der Demokrat Keith Ellison. Dort sind Muslime unterrepräsentiert. Zur Größe der Religionsgemeinschaften in den USA gibt es wenige amtliche Statistiken, weil das Statistikamt sie wegen der Trennung von Kirche und Staat nicht systematisch erhebt. Der Gruppe Pew Research zufolge gehörten 2017 knapp 3,5 Millionen Amerikaner dem islamischen Glauben an - 1,1 Prozent der Bevölkerung. Im Kongress sitzen gegenwärtig zwei Muslime, was 0,4 Prozent der Abgeordneten entspricht. Damit teilen sie das Schicksal der drei Buddhisten und drei Hindus im Kongress (jeweils 0,6 Prozent der Abgeordneten), deren Glaubensgemeinschaften ebenfalls grob ein Prozent der amerikanischen Bevölkerung ausmachen.

"Sie ist das perfekte Beispiel dafür, wie man systematisch politische Macht aufbaut."

Zaki Barzinji, ehemaliger Obama-Mitarbeiter

Dass Tlaib erfolgreich war, ist für den ehemaligen Islam-Beauftragten von Ex-Präsident Barack Obama, Zaki Barzinji, auch eine Frage der Vorbereitung. "Sie ist das perfekte Beispiel dafür, wie man systematisch politische Macht aufbaut", sagt er CNN. "Sie sprang nicht einfach aus dem Nichts in die Kongresswahl, sie hat mehr als ein Jahrzehnt damit verbracht, sich systematisch hochzuarbeiten." Er wünsche sich, dass die islamische Gemeinde in den USA diese Lektion lernen würde: Trotz des Frustes über das Fehlen von Vertretern auf höchster Ebene machten sich zu wenige die Mühe, "im Erdgeschoß anzufangen".

In dem Ort Beit Ur al-Fauka im Westjordanland feierten Tlaibs Großmutter mit Onkels und Tanten, Nachbarn und Freunden Mitte der Woche den Sieg der Auswanderin. Rashida habe dort 1997 geheiratet und sei zuletzt 2006 zu Besuch in das israelisch besetzte Gebiet gereist, erklären sie. Ihr Onkel Bassam Tlaib sagt zu dem Sieg: "Es erfüllt uns mit Stolz - als Mitglieder der Tlaib-Familie, als Einwohner von Beit Ur, als Palästinenser, als Araber und als Muslime - dass ein einfaches Mädchen eine solche Stellung erreicht."