Heimkehr nach Falludscha – Misstrauen gegenüber den Rückkehrern.

© REUTERS/STRINGER

Irak
10/13/2016

Eine Million Menschen wird fliehen

Die bevorstehende Mossul-Offensive birgt enormen humanitären und sozialen Sprengstoff.

von Stefan Schocher

Militärische Vorbereitungen sind eine Dimension der bevorstehenden Offensive auf die nordirakische Stadt Mossul – eine ganz andere sind die humanitären Auswirkungen, die dieses Unterfangen ganz sicher haben wird. 2,8 Millionen Einwohner hatte die Stadt einmal, die sich derzeit in der Hand der Terrormiliz "Islamischer Staat" befindet. Wie viele Menschen noch dort leben, weiß man nicht. Zudem ist von der Offensive nicht nur die Stadt selbst betroffen, sondern der gesamte Großraum um die Metropole, der mehrere Städte umfasst wie etwa Tal Afar mit rund 200.000 Einwohnern. Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz gehen jedenfalls davon aus, dass die Offensive rund eine Millionen Menschen in die Flucht treiben könnte – eine enorme Anzahl, vor allem angesichts des Umstandes, dass in der Region Kurdistan (5,4 Millionen Einwohner) bereits jetzt an die 3,4 Millionen Intern Vertriebene (IDPs) leben.

Platzbeschaffung

In den nordirakischen Flüchtlingslagern machen Gerüchte die Runde: Wer kann, solle die Lager verlassen und nach Hause gehen, heißt es. Ein irakischer Militär bestätigte gegenüber einem deutschen TV-Sender, dass derzeit aktiv Platz geschaffen werde in existierenden Lagern, die sich überwiegend im Nordirak befinden. Auch von Zwangsumsiedelungen nach Falludscha oder Ramadi wurde berichtet– also in Städte, die von der irakischen Armee zurückerobert wurden.

Faktisch betrifft das vor allem sunnitische Araber, die vor dem IS überwiegend in kurdische Gebiete geflohen waren. Eine Menschengruppe, die in den komplizierten sozialen und ethnischen Gefügen des irakischen Krieges ohnehin einen unausgesprochenen Paria-Status hat, sind es doch sie, auf denen der Aufstieg des IS fußt. Entsprechend groß ist das Misstrauen gegenüber Arabern seitens Schiiten, Kurden oder Jesiden.

Für sunnitisch-arabische Iraker aber ist auch eine Heimkehr etwa nach Falludscha oder Ramadi mit Risiken verbunden. Denn diese Städte sind zwar sunnitisches Kernland, werden heute aber von der irakischen Armee und mit ihr alliierten Milizen kontrolliert. Und die sind beide überwiegend schiitisch dominiert. Konfrontiert werden Heimkehrer also mit nicht weniger als dem Generalverdacht, mit dem IS kollaboriert zu haben. Auch Mossul ist eine überwiegend sunnitisch arabische Stadt. Hinzu kommt in diesem Fall aber vor allem auch ein Umstand: Jene, die im Zuge der Offensive fliehen werden, haben mehr als zwei Jahre unter dem IS gelebt, sich also mehr oder weniger mit der Terrormiliz arrangiert.

Als "enorme Herausforderung" bezeichnet Krista Armstrong vom Internationalen Roten Kreuz (ICRC) das, was mit der Mossul-Offensive auf humanitäre Organisationen zukommen wird. Die größte Herausforderung dabei, wie sie sagt: Die Unvorhersehbarkeit, wohin die Menschen gehen werden. Kapazitäten seien prinzipiell vorhanden. Also Zelte, Winterversorgung, Nahrung, Wasseraufbereitungsanlagen. Die International Organisation for Migration (IOM) bestätigte zugleich, dass existierende Lager derzeit ausgebaut werden um für den bevorstehenden Strom an IDPs Platz zu schaffen. Zugleich beobachtet IOM die Fluchtströme in der Region penibel.

Klar ist, dass es bei einer Million Menschen nicht reichen wird, in existierenden Lagern Platz zu schaffen. Klar ist vor allem aber auch, dass Lager gerade im Nordirak nur eine Dimension der Krise sind. Die allermeisten IDPs leben auf der Straße oder auf brach liegenden Baustellen.

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