Politik | Ausland
13.02.2017

"Eine dunkle Seite in diesem goldenen Land"

Mindestens Tausend Menschen sollen im Oktober von der Armee getötet worden sein.

"Sie hielten mich fest und einer von ihnen vergewaltigte mich. Meine fünfjährige Tochter versuchte mich zu beschützen, sie schrie. Einer der Männer nahm ein großes Messer und schlitzte ihre Kehle durch." Diese Schilderung stammt aus dem jüngsten Bericht des OHCHR ("Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights"). Von Übergriffen auf die Minderheit der Rohingya weiß man in Myanmar seit langem, doch das jüngst bekannt gewordene Ausmaß schockiert.

Der UN-Bericht beschreibt die im vergangenen Oktober verübten Attacken des Militärs auf die muslimischen Rohingya. Dabei sollen mindestens 1000 Menschen getötet worden sein. In Myanmar leben rund 1,2 Millionen muslimische Rohingya. Vor 35 Jahren wurde ihnen 1982 die Staatsbürgerschaft aberkannt.

Auch nach dem Ende der Militärdiktatur hat die Armee nach wie vor großen Einfluss auf die Politik. Die Regierung gibt zwar vor, ihre oberste Priorität sei die Herstellung von Frieden im ganzen Land, trotzdem würden immer noch Menschen terrorisiert, kritisiert Myanmar-Expertin und Menschenrechtsaktivistin Miriam Kapp im Gespräch mit dem KURIER. "Menschenrechtsverletzungen, gar Kriegsverbrechen in den Gebieten der Minderheiten können in der Öffentlichkeit untergehen – mit der Folge, dass sie straffrei bleiben", so Kapp.

Lebendig verbrannt

Dies bestätigt auch der UN-Bericht. Er listet Verbrechen des Militärs auf. Ein Augenzeuge erzählt: "Das Militär zog meine Großmutter und meinen Großvater aus ihrem Haus. Erst wurden sie heftig geschlagen, danach an einen Baum gebunden. Dann legte das Militär getrocknetes Gras und Holz um sie herum und zündeten sie an." Das Militär riegelt Gebiete ab, Hilfsorganisationen, Journalisten, Menschenrechtsbeobachter, als auch Religionsvertreter haben keinen Zutritt.

Die bedeutendste Politikerin des Landes, Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, äußerte sich dazu bisher kaum. Sie wolle sich nicht mit der buddhistischen Mehrheit im Land anlegen, behaupten einige. In einem Interview sagte sie nur: "Ich habe als Politikerin begonnen – nicht als Verteidigerin der Menschenrechte." "Man könnte den Eindruck gewinnen, dass Su Kyi nicht bereit oder nicht in der Lage ist, über die Frage der Behandlung ethnischer Minderheiten, einen ernsthaften Konflikt mit dem Militär zu riskieren", so Kapp.

Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi äußert sich kaum zur Lage der Rohinga.

Über 200.000 Rohingya sind seit Oktober aus dem Land geflohen. Weitere Hunderttausende leben in Myanmar in Lagern. Nicht nur Rohingya werden vom Militär drangsaliert. Auch andere Minderheiten sind von Gewalttaten betroffen.

Kapp plädiert dafür, diese schweren Verbrechen der internationalen Bevölkerung bewusst zu machen. "Myanmar, mit seinen strahlenden Pagoden und prächtigen Tempeln, präsentiert sich in der Tourismuswerbung so gerne als das "Goldene Land. Doch jeder Tourist muss wissen: Es gibt eine sehr dunkle Seite zu diesem Goldenen Land."