Politik | Ausland
17.12.2018

Ein Buch räumt mit den China-Klischees auf

"China verstehen": Autor Robert Fitzthum erklärt den Wandel im Riesenreich.

Das Bild, das von China in Europa gezeichnet werde, verblüffe ihn immer wieder aufs Neue, erzählt Robert Fitzthum dem KURIER: „Es passt einfach nicht mit meiner selbst erlebten Realität zusammen.“ Der gebürtige Wiener, der seit sechs Jahren in Nanning, einer Sieben-Millionen-Stadt im Süden Chinas, mit seiner chinesischen Frau lebt, ging daher auf Faktenstudie. Das Ergebnis hat der Sozial- und Wirtschaftswissenschafter in ein wirklich lesenswertes Buch mit dem Titel „China verstehen“ gepackt .

Darin räumt Fitzthum mit Klischees auf und bietet auch den historischen Hintergrund für die sozialen, wirtschaftlichen und militärischen Entwicklungen des aufstrebenden Riesenreiches. Das Verhältnis zwischen den USA und China wird im Buch besonders ausführlich beleuchtet.

Rasende Veränderung

Was überrascht Fitzthum am meisten in seiner Wahlheimat? „Die Geschwindigkeit, mit der sich alles verändert“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Die Zeit, die es in Wien braucht, um einen Lift bei der U4-Station Taubstummengasse einzubauen, reicht in Schanghai für die Magnetbahn-Anbindung des Flughafens mit Pudong“, sagt der Österreicher. Aber nicht nur in den bekannten Metropolen, auch in Nanning wachsen neue Gebäude wie die Schwammerl aus dem Boden: „Man reibt sich bei der Fahrt durch die Stadt immer wieder die Augen.“

Beeindruckt ist Fitzthum auch von der im Vergleich mit Europa viel höheren Risikobereitschaft der Chinesen. „Sie probieren es einfach aus: ein Unternehmen, ein Lokal. Und was nicht funktioniert, das wird genau so schnell wieder zugesperrt.“ China ist auch längst nicht mehr nur Werkbank für westliche Industriestaaten, sondern holt sich das Know-how von ihnen und macht daraus seine eigenen Erfolgsgeschichten.

Natürlich weiß der Österreicher auch um die Schwächen Chinas. „Im Umweltbereich unternimmt die Führung in Peking enorm viel. Im Bezug auf Menschenrechte und Demokratieentwicklung ist noch viel zu tun – das wird aber auch nicht geleugnet.“ Fitzthum: „Priorität hat aber – auch in der Bevölkerung, die laut einer Gallup-Studie zu 90 Prozent mit der politischen Führung zufrieden ist – die Verbesserung der Lebensbedingungen für alle 1,3 Milliarden Chinesen. Das können sich Europäer, die ja alles haben – vom Essen bis zu den Straßen –, oft nur schwer vorstellen.“ Man müsse anerkennen, dass fast 680 Millionen Menschen in China aus extremer Armut herausgeholt werden konnten.

Alle Chinesen haben laut OECD nun eine Krankenversicherung; ein Pensionssystem ist im Aufbau: 2014 waren laut Fitzthums Recherchen 840 Millionen Chinesen davon erfasst, bis 2020 soll es nach Pekings Plänen die gesamte Bevölkerung sein. „China ist langfristig auf dem Weg in Richtung eines Sozialstaates – und wandelt damit auf den Spuren Europas und nicht der USA“, sagt Fitzthum.