Vom All aus sah Scott Kelly Regenwälder schrumpfen und ganze Seen verschwinden.

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Politik Ausland
05/31/2019

Astronaut Kelly: "Da oben sieht man, wie wir die Erde zerstören"

Eineinhalb Jahre lebte Scott Kelly auf der Internationalen Raumstation. Haben die Raumflüge seinen Blick auf die Erde verändert?

von Bernhard Gaul, Lukas Kapeller

Der hoch dekorierte US-Astronaut Scott Joseph Kelly hat vier Weltraumflüge absolviert, war insgesamt 520 Tage im Weltall und ist dabei mehr als 17 Stunden lang in einem Raumanzug im Weltall "spaziert". Kelly war anlässlich der Klimakonferenz von Arnold Schwarzenegger in Wien. Im Gespräch mit dem KURIER zeigt sich der ehemalige Kampfpilot und Golfkriegsveteran der U.S. Navy besorgt über den Zustand und die Zukunft unseres Planeten.

KURIER: Captain Kelly, Sie haben in unzähligen Interviews erzählt, dass die Erde von da oben unglaublich blau und unglaublich schön ist. Haben Sie auch nicht so Schönes entdecken müssen?

Scott Kelly: Sie meinen in Bezug und Umwelt- und Klimaschutz? Für mich ist bemerkenswert, wie fragil, wie verletzlich unsere Atmosphäre aussieht. Wie dünn sie ist, wie ein dünner Film über der Oberfläche des Planeten. So dünn wie eine Kontaktlinse auf einem Auge.

Wenn man von der Erde in den Himmel sieht, wirkt das aber unendlich groß, nicht?

Ja, aber das ist unsere Atmosphäre nicht, muss ich berichten. Die Atmosphäre ist ziemlich dünn. Flugzeuge fliegen in etwa 10 Kilometer Höhe, schon in dieser geringen Höhe reicht die Luft nicht zum Überleben, würde man ein Fenster aufmachen. Das ist sicher kaum jemandem bewusst.

Sieht man von da oben auch Umweltzerstörung?

Ich war das erste Mal 1999 oben und das letzte Mal 2016. Was mir aufgefallen ist, dass plötzlich große Wirbelstürme zu sehen sind in Regionen, wo eigentlich keine sein sollten. Vor der Küste des Golfstaates Oman fiel mir einmal ein richtig großer Wirbelsturm auf, aber auch in anderen Regionen der Welt, riesige Hurrikane und Taifune. Und Brände, riesige Waldbrände. Wie ich zuletzt oben gewesen bin, gab es riesige Waldbrände in Kalifornien. Den Rauch sah man deutlich, wie er über Nordamerika hinweg gezogen ist.

Aber die Abholzung der Regenwälder kann man nicht sehen, oder?

In den 17 Jahren zwischen meinem ersten und letzten Aufenthalt auf der Raumstation war die Abholzung der Regenwälder leider deutlich zu sehen. Die Wälder werden eindeutig weniger, dafür sieht man Brandrodung und mehr Ackerflächen und Grünland für die Fleischproduktion.

Wo sieht man das? In Südamerika und Indonesien?

In Brasilien sieht man das deutlich. In Indonesien kann man das nicht so deutlich sehen, weil es immer unter einem Schleier aus Wolken und Luftverschmutzung liegt.

Man sieht die Luftverschmutzung? Wie sieht das aus?

Das sind graue, bräunliche, dicke Wolken. Diese sieht man über weite Landstriche von Südostasien. Sogar die Verschmutzung des Wassers kann man erkennen, etwa durch immenses Algenwachstum aufgrund der steigenden Meerestemperaturen.

Kurz vor seiner Rückkehr schrieb Kelly auf Instagram von einem "bittersüßen Abschiedsmoment".

Insgesamt 17 Stunden im Raumanzug frei schwebend im Weltall.

Blick aus dem Fenster der Raumstation auf die Bahamas 

Kelly beim damaligen US-Präsidenten Barack Obama im Oval Office.

März 2016: Kelly ist heil zurück auf der Erde.

März 2015: Jeff Williams hilft Scott Kelly, seinen Helm aufzusetzen.

Das wären ja Hinweise auf die Auswirkungen der Erderwärmung. Den Klimawandel kann man aber nicht entdecken?

Nein, Kohlendioxid ist ja unsichtbar. Aber Auswirkungen kann man schon sehen. Einmal ist mir ein riesiger Eisberg inmitten des Indischen Ozeans aufgefallen. Den konnte man mit freiem Auge sehen, der muss viele Quadratkilometer groß gewesen sein. Oder Süßwasser-Seen, die immer kleiner werden.

Stimmt es, dass die Zeit auf der Raumstation die Menschen verändert, ihren Blick auf die Erde und die Menschheit?

Ich kann nicht behaupten, dass Umweltschutz für mich als junger Mann ein Thema gewesen ist, das war mir eher egal. Das ändert sich, wenn man einmal diese andere Perspektive auf unsere Erde hat, wie schön sie ist, aber auch wie sie sich durch die Menschen verändert. Wer da oben war, sieht, wie wir die Erde zerstören. Das Wetter verändert sich, so kann es nicht weitergehen. Die Erde ist der einzige Planet, den wir haben. Wir werden nicht auf den Mars siedeln können, auch wenn ich manche enttäuschen muss. Der Mars hat fast keine Atmosphäre.

Der neue Präsident Brasiliens, Jair Bolsonaro, sagt, dass er den Regenwald abholzen darf, weil das eine Ressource seines Landes ist. Und niemand dürfe sich da einmischen.

Na klar, das ist ja das Problem. Sie haben hier in Österreich und in Europa sicher auch Jahrhunderte lang die Wälder gerodet und das Holz verwendet. Da sollten wir uns etwas einfallen lassen, wie man Brasilien unterstützen kann, damit sie nicht ihre Wälder abholzen, vielleicht durch Investitionen.

Die Wissenschaft erklärt genau, wie man die Klimakrise bekämpfen soll, durch sofortiges, tiefgreifende und umfassende Maßnahmen. Derzeit sieht es aber nicht danach aus. Wie gehen Sie damit um? Wie erklären Sie das Ihren Kindern?

Ich erkläre ihnen das und weise darauf hin, wie wichtig das alles ist. Die Frage ist ja auch, was jeder Einzelne machen kann, vor allem als Konsument, aber auch wo man sein Geld investiert. Dort beginnen Umwelt- und Klimaschutz und Nachhaltigkeit.

Wie sehen Sie das politisch?

Da braucht es auch Änderungen. Ich kann nur empfehlen, nur Politiker zu wählen, die die Wissenschaft ernst nehmen und auch danach handeln. In den USA werden sich zu oft Juristen und Anwälte gewählt, wir bräuchten viel mehr Wissenschafter und Ingenieure.

Zu Ihrem ehemaligen Job als Astronaut: Wie kann man im Weltraum entspannen?

Du schaust auf die Erde, du machst Fotos der Erde. Du liest, du schreibst ein wenig. Wir können dort oben auch alle möglichen TV-Sendungen und Filme schauen. Du machst Dinge, die du in einem Haus tun würdest, das du nie verlassen kannst.

Hört man auch Musik?

Natürlich. Aber welche Musik auf der Raumstation läuft, ist gehört nicht zu den kritischen Entscheidungen des ISS-Kommandanten.

Sie sagten einmal, Sie würden aus heutiger Sicht weniger Sachen mitnehmen.

Ja, auf jeden Fall. Viele Leute gaben mir für meine Raumflüge kleine Dinge mit, die ich im Nachhinein nicht gebraucht hätte. Je mehr Zeug du hast, desto mehr Zeug musst du im Griff behalten. Und alles schwebt.

Sie haben auch eine Unterwasser-Mission gemacht - haben die Tiefe des Meeres und der Weltraum etwas gemeinsam?

Eine Menge, ja. Es kostet viel Aufwand, wenn man hinaus möchte, egal ob aus dem Unterwasserlabor oder aus der Raumstation. Ich war 2002 auch in einer Tiefe, in der man nicht an die Oberfläche tauchen kann. Das war ähnlich wie im All. Die Abläufe in der Tiefsee und im Weltraum sind sich sehr nahe.

Komfortabel ist es nicht gerade im Weltraum, oder?

Nein, man hat zum Beispiel viel Flüssigkeit im Kopf. Mit der Schwerelosigkeit strömen große Mengen Blut ins Gehirn. In der Raumstation ist auch der CO2-Anteil sehr hoch, das ist auch ungemütlich. Und das Schweben macht zwar Spaß, aber es macht die Dinge auch komplizierter.

Soll es eine bemannte Mission auf den Mars geben?

Ja, aus vielen Gründen. Erstens mal sind die Menschen Entdecker, wir wollten immer neue Horizonte erschließen. Es gibt auch große ökonomische Vorteile. Nehmen wir die ISS, die hat zwar mehr als 100 Milliarden Dollar gekostet. Aber das Geld wurde nicht im Weltraum, sondern auf der Erde investiert. Eine bemannte Mission würde auch dazu führen, dass sich viele junge Menschen für Wissenschaft und Technik interessieren. Wir brauchen mehr von ihnen.

Zur Person:

Scott Kelly (55) flog Kampfflugzeuge im 2. Golfkrieg und das Space Shuttle der NASA. Sein letzter und zugleich längster Raumflug von 2015 bis 2016 diente auch dazu herauszufinden, wie sich die Schwerelosigkeit im All auf den Körper auswirkt. Denn Kellys Zwillingsbruder Mark, ebenfalls ehemaliger Astronaut, blieb in dieser Zeit auf der Erde zurück. Ergebnis: Die Genaktivität von Scott Kelly veränderte sich, auch seine geistige Leistungsfähigkeit nahm mit den Monaten ab. Aber: Der lange Aufenthalt schädigte Kelly nicht schwer und nicht nachhaltig - für die Raumfahrtbehörden ein gutes Zeichen für eine künftige bemannte Mars-Mission.