Die wirkliche Countess von Downton Abbey: Zu Besuch im Herrenhaus
Als der Weg eine Biegung macht und zwischen den Zedern das Herrenhaus in den Blick gerät, rechnet man für Moment damit, dass die Titelmusik einsetzt und Robert Crawley (Hugh Bonneville) mit Labrador Pharao ins Bild spaziert. Filmkulissen in der Realität zu sehen, ist stets skurril, mitunter ernüchternd. Der Anblick von Highclere Castle im Süden Englands ist ein bisschen ergreifend. Stolz recken sich die spitzen Türme in den Himmel, klar hebt sich der Sandstein vom getrimmten Rasen ab.
Seit zwölf Jahren dient das Schloss in der Grafschaft Hampshire als Kulisse für die Kostümdrama-Serie „Downton Abbey“, die vom Leben einer britischen Adelsfamilie und ihrem Personal im frühen 20. Jahrhundert erzählt. Ab kommender Woche sind Lady Violet (Maggie Smith), Lord Grantham oder Butler Carson (Jim Carter) wieder auf großer Leinwand zu sehen: In „Downton Abbey 2: Eine neue Ära“ wird das Schloss Kulisse für einen Filmdreh – um die Familienkasse aufzubessern.
Ein Thema, das nur allzu realistisch ist, weiß Lady Fiona, Countess von Carnarvon, die mit Ehemann George, dem 8. Earl von Carnarvon und Patensohn der Queen (sein Vater war Rennstallleiter “Porchey“, Anm.), das wirkliche Downton leitet. Ein denkmalgeschütztes Gebäude mit 400 Hektar Parklandschaften zu erhalten, erfordert Erfindergeist. Und so lässt die Gräfin Fans auch mit Blog, Podcast und Sachbüchern am Schlossleben teilhaben.
Stall oder Galadinner?
In braunen Jeans, festen Schuhen und roter Jacke tritt sie auf den Vorplatz; resoluter Schritt, die Wangen vom Wind gerötet, ein Lächeln im Gesicht. „Entschuldigung“, sagt sie. „Ich habe noch etwas im Stall erledigen müssen.“ Besteht das Leben einer Gräfin also nicht aus einer endlosen Reihe von Frühstück, Tea Time und Galadinners? Sie lacht. „Natürlich gibt es die auch. Aber meist sind wir draußen. Wir haben Tiere, bauen Obst und Gemüse an, der Baumbestand und die Wiesen müssen inspiziert werden. Und wenn das Dach repariert wird, klettere ich nach den Handwerkern hinauf, um zu sehen, ob alles passt.“
Vorbei an den Seitengebäuden geht es derweil ins Besuchercafé. An der Wand gibt es einen Blick hinter die Kulissen: Szenen vom Dreh auf Leinwand. An einem Tisch sitzt eine Gruppe, die später an der Schlosstour teilnehmen wird. Downton ist Hauptanziehungspunkt.
60.000 bis 100.000 Besucher gab es in Vor-Coronazeiten. Neben Konzerten und Events waren es vor allem Tagesgästen, die eine Auswahl der 300 Prunkräume inspizierten. Erprobte Guides wie die 70-jährige Diana Mitchell begrüßen die Gäste im Empfangssalon, der vertraut ist, nur kleiner als erwartet. In Kleingruppen geht es über verwinkelte Wendeltreppen bis ins Schlafgemach von Lady Crawley (Elizabeth McGovern) oder ins rote Zimmer, in dem in der ersten Staffel, der türkische Attaché zu Tode kam. „Am langwierigsten“, erzählt Diana, „sind die Szenen beim Essen. Weil bei jedem Re-Take alles exakt so hergestellt werden muss wie am Anfang: Teller, Besteck, der Inhalt der Gläser.“
Während des Drehs ist in jedem Zimmer ein Guide stationiert. Um Fragen der Crew zu beantworten, aber auch um aufzupassen. „Wenn etwas verschoben werden soll, machen das wir“, sagt Diana. Sie lebt seit 40 Jahren in der Region, seit 17 Jahren hilft sie auf Highclere mit.
So viel habe sich seit der Serie verändert. Davor lag ein Fokus auf der ägyptischen Ausstellung. Hat doch der 5. Earl von Carnarvon vor 100 Jahren das Grab des Tutanchamun im Tal der Könige entdeckt. „Wir haben viele Touren für Schulkinder gemacht“, sagt Diana. Dazu kamen Hochzeiten: 25 bis 30 Eheschließungen gab es im Jahr; heute sind es etwa vier. „Aber“, ergänzt Lady Carnarvon, „die haben höhere Erwartungen. Wir bieten etwa keine Markisen-Hochzeiten mehr an, weil die Gäste enttäuscht sind, wenn sie das Schloss nicht richtig sehen.“
Und wie kam Downton zu Highclere? „Julian (Fellows, der Produzent, Anm.) ist ein langjähriger Freund.“ Er kam für eine offizielle Inspektion und war begeistert. „Aber dann haben wir nichts gehört. Er hat 400 Häuser begutachtet und ich habe mir gedacht: Na gut, wir haben unser Bestes getan.“ Das war Weihnachten 2009. „Ich habe ihm alles Gute gewünscht und dann antwortet er: Wir würden das gerne mit euch machen. Es war das beste Weihnachtsgeschenk.“
Am 28. April kommt „Downton Abbey 2“ in die heimischen Kinos. Die Handlung: Es ist 1928 und die Schlosskasse muss aufgebessert werden und so sagt Lady Mary einem Hollywood-Team zu, das auf dem Schloss einen Film drehen soll. Daraufhin reist die Familie nach Südfrankreich, weil Violet Crawley eine Villa geerbt hat.
1,3 Mio. € kostet die Produktion einer Episode im Schnitt. 120 Mio, Zuschauer in 200 Ländern haben die Serie zu Hochzeiten gesehen
69 Mal war Downton Abbey für einen Emmy nominiert. 15 Emmys hat die Serie erhalten.
Wie ein Klassentreffen
Als vergangenen Mai das Team zu den Dreharbeiten für den zweiten Film anreiste, war es wie ein Klassentreffen: So viele vertraute Gesichter. Nicht nur die Schauspieler und Schauspielerinnen, auch die Crew ist großteils die gleiche.
Und wie das ist, wenn man die eigenen Zimmer im Fernsehen sieht? „Skurril.“ Sie lächelt. „Bei der Premiere des ersten Films wurde ich nach New York eingeladen. Natürlich waren da viele toughe Amerikaner. Dann beginnt der Film, unser Haus kommt ins Bild – und alle klatschen. Es ist erst Minute zwei und mir sind schon die Tränen geronnen.“
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