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Philosoph: „Trumps Obszönität sagt auch etwas über die USA aus“

Sozialphilosoph Axel Honneth über Trumps Erfolg, den moralischen Zustand der USA und Europas ähnliche Risiken.
US President Donald Trump signs executive order on vehicle repairs

Wer Amerika verstehen will, sollte nicht zuerst auf Donald Trump schauen, sondern auf das Land, das ihn zweimal ins Weiße Haus gewählt hat. Axel Honneth tut genau das. Der Sozialphilosoph, der seit vielen Jahren an der Columbia University in New York lehrt, beschreibt die Vereinigten Staaten als eine Demokratie, deren Widersprüche lange verdrängt wurden und nun mit voller Wucht hervortreten. Trump ist für ihn nicht der Auslöser der Krise, sondern ihr deutlichstes Symptom, sagt er.

Phil.Cologne

Axel Honneth zählt zu den bedeutendsten deutschen Sozialphilosophen der Gegenwart und lehrt seit 2011 an der Columbia University in New York

KURIER: Herr Honneth, die Vereinigten Staaten zelebrierten ihren 250. Geburtstag. Stehen die USA vor einem neuen Kapitel oder vor dem Ende ihrer Erfolgsgeschichte?

Axel Honneth: Ich fürchte, die Vereinigten Staaten stehen tatsächlich an einem historischen Wendepunkt. Meine Generation hat die Vereinigten Staaten stets als ein Land gesehen, das trotz aller inneren Widersprüche und nach außen gerichteter Herrschaftsgelüste für Demokratie, Freiheit und Gleichheit stand. Heute sehe ich ein Land, dessen demokratische Grundlagen erschreckend fragil geworden sind und das gravierende Schwächen seiner Verfassung offenbart.

Was bereitet Ihnen die größte Sorge?

Mich beunruhigt vor allem, wie rasch sich eine Mehrheit hinter einen Präsidenten gestellt hat, der demokratische Regeln systematisch infrage stellt. Ebenso erschreckt mich, wie selbstverständlich viele seine obszöne Sprache übernommen haben und wie verhalten der öffentliche Widerstand bislang geblieben ist. Ich hätte erwartet, dass Millionen Amerikaner auf die Straße gehen, ähnlich wie während der Bürgerrechtsbewegung. Dass dies bislang ausgeblieben ist, enttäuscht mich zutiefst.

Warum erreicht Trump so viele Menschen?

Weil Donald Trump zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen aufgreift. Zum einen das Unbehagen vieler Menschen über den tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel. Sie hatten den Eindruck, dass sich ihr Land kulturell verändert, dass Minderheiten stärker anerkannt werden und sich vieles verändert, ohne dass sie selbst daran Anteil haben. Zum anderen spricht Trump jene an, die sich als Verlierer der Globalisierung empfinden und wirtschaftliche Sicherheit verloren haben. Aus dieser Mischung aus kultureller Verunsicherung und sozialer Enttäuschung hat Trump politisches Kapital geschlagen, etwa mit dem Versprechen, amerikanische Arbeitsplätze vor ausländischer Konkurrenz zu schützen und zu einem Amerika zurückzukehren, das sich stärker an traditionellen Familienbildern und einem nationalkonservativen Selbstverständnis orientiert.

Was ist vom amerikanischen Traum geblieben?

Er hat heute zwei konträre Gesichter. Das eine steht für die Vorstellung, den Wohlstand vor allem für die weiße Mehrheit zu sichern und sich gegen den Rest der Welt abzuschotten. Das andere verkörpert die Idee gleicher Chancen und gleicher Rechte für alle Menschen. Beide Vorstellungen haben die Vereinigten Staaten von Anfang an geprägt: das Beharren auf weißer Vorherrschaft auf der einen Seite, der moralische Anspruch universeller Gleichheit auf der anderen. Heute prallen sie so hart aufeinander wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Viele Europäer haben Amerika jahrzehntelang bewundert. Was war das naiv?

Nein. Europa hat Amerika immer durch zwei unterschiedliche Erzählungen betrachtet. Die eine handelte vom Land der Freiheit, der Einwanderung und der wirtschaftlichen Aufstiegschancen. Die andere vom imperialen Amerika, das Diktaturen unterstützte und seine Macht häufig rücksichtslos einsetzte. Beide Erzählungen gehören zusammen und geben die zwei Gesichter dieses Landes deutlich zu erkennen.

Amerika war in den vergangenen 250 Jahren vor allem eine Geschichte des Aufstiegs. Beginnt nun die Zeit des Abstiegs?

Moralisch erleben wir eine Entwicklung, die viele bis vor wenigen Jahren für ausgeschlossen gehalten hätten. Ob die Vereinigten Staaten deshalb auch wirtschaftlich oder geopolitisch an Bedeutung verlieren, lässt sich heute noch nicht beurteilen. Dafür ist es zu früh. Den moralischen Niedergang müssen wir jedoch ernst nehmen.

Viele erklären Amerika mit Donald Trump. Erklärt Trump Amerika oder erklärt Amerika Donald Trump?

Beides. Dass jemand wie Donald Trump Präsident werden konnte, sagt viel über den Zustand dieses Landes aus. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ein Politiker mit dieser Obszönität und Rücksichtslosigkeit in den meisten europäischen Demokratien eine Mehrheit gewinnen würde. Sein Erfolg erzählt von einem Amerika, in dem sich viele Menschen übergangen, gedemütigt und alleingelassen fühlen.

Haben die Demokraten diese Menschen verloren?

Ja. Die Demokraten haben wichtige Fortschritte bei Gleichberechtigung und Minderheitenrechten erzielt. Gleichzeitig haben sie die sozialen Sorgen vieler arbeitender Menschen aus dem Blick verloren. Donald Trump hat diese Lücke erkannt. Er verband das Versprechen wirtschaftlicher Sicherheit mit einer kulturell konservativen Botschaft und erreichte damit viele Wähler.

Kann Europa sicher sein, dass uns eine ähnliche Entwicklung erspart bleibt?

Nein. Vergleichbare Stimmungen gibt es auch in Europa. Wir sollten nicht glauben, grundsätzlich immun zu sein. Die Geschichte ist leider sehr viel unberechenbarer, als wir es uns wünschen.

Donald Trump erscheint vielen als der mächtigste Mann der Welt. Ist er das überhaupt?

Langfristig glaube ich, dass die Macht des großen Kapitals größer ist als die eines Präsidenten. Trump dürfte vom Silicon Valley abhängiger sein als das Silicon Valley von Trump. Dass manche bereits von einer Oligarchie sprechen, halte ich deshalb für durchaus nachvollziehbar. Wir erleben die Verbindung einer wirtschaftlichen Oligarchie mit einem Präsidenten, der deutliche autoritäre Neigungen zeigt.

Europa blickt heute oft mit einer gewissen Überheblichkeit auf Amerika. Gibt es dennoch etwas, worum wir die Vereinigten Staaten beneiden sollten?

Ja. Mich beeindruckt bis heute der tiefe Egalitarismus des amerikanischen Alltags. Menschen begegnen einander oft unmittelbarer und weit weniger von Standesunterschieden geprägt als in Europa. Man spricht unkomplizierter miteinander, gesellschaftlicher Status spielt im täglichen Umgang häufig eine geringere Rolle. Das ist etwas, worum ich Amerika bis heute beneide.

Wenn wir uns zum 300. Geburtstag der Vereinigten Staaten wieder treffen würden, was hoffen Sie, dass Historiker über unsere Zeit schreiben?

Ich hoffe, dass sie diese Jahre als Tiefpunkt der amerikanischen Geschichte beschreiben werden. Als eine Zeit, in der das Schlechteste dieses Landes sichtbar wurde und die Vereinigten Staaten diesen Tiefpunkt letztlich überwunden haben. Aber es wird nicht reichen, einfach auf die Zeit nach Donald Trump zu warten. Die Demokratische Partei muss sich grundlegend erneuern. Langfristig würde der amerikanischen Demokratie zudem ein Mehrparteiensystem und ein prozedural anders verfasstes Verfassungsgericht guttun. Leider halte ich beides gegenwärtig für wenig wahrscheinlich.

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