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30.11.2018

Dinosaurier am Start: US-Demokraten auf Kandidatensuche

Trotz Verjüngungskur kommen als Kandidaten für die Präsidentenwahl 2020 eher Ältere infrage.

Die Erzählung vom jungen Hoffnungsträger, der zuerst die verknöcherte Partei und dann das in Erstarrung verfallene Land für sich einnimmt, ist in Amerika seit John F. Kennedy und Barack Obama eine, auf die die Demokraten das Copyright besitzen.

Der Teil-Sieg bei den Kongresswahlen und der Umstand, dass viele Newcomer den Sprung ins Parlament geschafft haben – allen voran Alexandria Ocasio-Cortez – lieferte neuen Stoff für die Sehnsuchts-Geschichte nach einem Generationswechsel. Auch an der eigenen Spitze.

Allein, über die radikalen Forderungen der 29-jährigen New Yorkerin, die einen Sozialstaat nach europäischem Muster anstrebt, ist seit gestern nicht mehr so viel die Rede.

Eine ältere Dame, die ihre Großmutter sein könnte, diktiert die Schlagzeilen. Nancy Pelosi, seit mehr als 30 Jahren für San Francisco im Parlament, hat die erste Hürde zum drittwichtigsten Staatsamt genommen.

Über 200 ihrer Fraktionskollegen und -kolleginnen haben die schwerreiche Kalifornierin zur Sprecherin des Repräsentantenhauses auserkoren, in dem ab Jänner die Demokraten die Mehrheit stellen.

„Aufbruch“ mit 80

Anfang des Jahres muss sich Pelosi einem kompletten Votum im „House“ stellen. Dass sie die nötigen 218 Stimmen für den Posten der Parlamentschefin auf sich vereinigen wird, ist nicht in Stein gemeißelt, aber „doch recht wahrscheinlich“, wie gestern ein Kritiker Pelosis einräumte.

„Zur Not werden einige Republikaner für sie stimmen. Da weiß man, was man hat.“

Die als blendend mit dem Großkapital vernetzt geltende Taktikerin hatte das nach Präsident und Vizepräsident angeordnete Amt des „Speaker“ (in ihrem Fall „Madam speaker“) als allererste Frau bereits von 2007 bis 2011 ausgeübt. Zuerst unter George W. Bush, später unter Obama.

Ihr Handicap aus Sicht der Jüngeren: Im Präsidentschaftswahlkampf 2020 wäre sie 80 Jahre alt. „Aufbruch lässt sich damit nicht verkaufen“, schrieb schon vor Wochen ein Washingtoner Kolumnist, „aber vielleicht muss es das ja auch nicht.“

Kandidaten 2020

Denn mit Bernie Sanders und Joe Biden sind zwei demokratische Dinosaurier für 2020 im virtuellen Rennen um eine Präsidentschaftskandidatur gegen Amtsinhaber Trump.

Sanders, der 2016 die Jugend mit einer zutiefst sozialdemokratischen Botschaft begeisterte und so der internen Konkurrentin Hillary Clinton lange Zeit das Leben schwer machte, ist 77 und wäre im ersten Regierungsjahr 80. Was ihn nicht groß bekümmert.

Sollte sich kein besserer Kandidat (bessere Kandidatin) in den eigenen Reihen finden, sagte der weißhaarige Senator aus Vermont dieser Tage voller Selbstbewusstsein, werde er „wahrscheinlich antreten“.

Sanders ist zuversichtlich, dass sein Paket aus staatlich solide finanziertem Gesundheitssystem, 15 Dollar-Mindestlohn und Reichensteuer beim Wähler keine Attraktivitätseinbußen hinnehmen musste.

Für immer jung?

Von ähnlich bleibendem Wert ist die hohe Popularität Joe Bidens, der sich noch nicht offiziell zu seinen Ambitionen geäußert hat. Obamas altväterlicher Freund im Amt des Vizepräsidenten hatte sich vor zwei Jahren zurückgezogen, um Clinton nicht die Tour zu vermasseln.

Diesmal könnte Biden „das Serum sein, dass Amerika aus dem Trumpschen Wachkoma der alternativen Fakten rettet“, sagte ein demokratischer Parteifunktionär aus Maryland dem KURIER.

Biden verkörpert Volksnähe und Berechenbarkeit. Allein, der 76-Jährige ist schon zweimal erfolglos für das höchste Staatsamt angetreten. Im ersten Amtsjahr würde er das 79. Lebensjahr vollenden. Zu alt – oder forever young?