Politik | Ausland
17.11.2017

Die saudi-arabische One-Man-Show

Der Journalist Jamal Khashoggi über die gefährliche politische Lage in Saudi-Arabien.

Sie zählen zu den bekanntesten Journalisten Saudi-Arabiens, haben immer wieder das Königshaus kritisiert und leben in den USA im Exil. Können Sie nach Saudi-Arabien zurück?

Nein, das wäre zu gefährlich. Ich wurde mehrmals gewarnt. Das ging schleichend, man hat mir meine Kolumne in der saudischen Tageszeitung Al-Watan gestrichen, dann wurde mein Twitter-Account gesperrt. Es wurden in den vergangenen Monaten viele Kritiker eingesperrt, das geht weit über das hinaus, was wir derzeit in den Medien lesen. Die meisten kennt man im Westen nicht, aber es sitzen viele Geschäftsleute, Intellektuelle und Geistliche im Gefängnis. Wer die Politik des Kronprinzen Mohammed bin Salman kritisiert, lebt in Gefahr.

Wie lässt sich die Politik des Kronprinzen erklären? Er versucht sich im Westen als großer Modernisierer zu verkaufen, in Saudi-Arabien regiert er mit stählerner Faust.

Wir erleben eine One-Man-Show. Saudi-Arabien war nie demokratisch, aber was wir derzeit sehen, hat es noch nie gegeben. Die Macht konzentriert sich auf eine Person, die nicht einmal offiziell Staatsoberhaupt ist.

Aber ist Mohammed bin Salman jetzt der Modernisierer oder eher eine "Unguided Missile", wie viele auch sagen?

Sein Kampf gegen den religiösen Extremismus oder wie jetzt gegen die Korruption – das sind alles dringend notwendige Maßnahmen, aber es fehlt die Transparenz. Derzeit entscheidet nur er, was richtig oder was falsch ist. Mohammed bin Salam sieht sich als der alleinige Retter Saudi-Arabiens.

Damit schafft er sich aber auch viele Feinde. Immerhin hat er eine Reihe von Persönlichkeiten, auch in der Familie, wegen Korruption verhaften lassen.

Natürlich macht er sich viele Feinde, aber er hat durch die Verhaftungswelle seine Macht gefestigt. Alle in der Familie stehen im Verdacht, korrupt zu sein, sie fürchten ihn, und keiner will ihn verärgern. Es gibt auch keine Opposition, außer die radikalen Islamisten, und das ist kein politisches, sondern ein militärisches Problem.

Saudi-Arabien steht auch vor großen wirtschaftlichen Problemen, Problem ist vor allem die hohe Arbeitslosigkeit.

Die hohe Arbeitslosigkeit ist eine tickende Zeitbombe. Mehr als 20 Prozent der Bevölkerung haben keinen Job, der Staat muss enorme Summen für Sozialleistungen aufwenden. Dazu kommt, dass 70 Prozent der Arbeitsplätze von ausländischen Unternehmen geschaffen wurden, das ist eine problematische Abhängigkeit, die nicht lange gut gehen wird.

Aber der Kronprinz hat doch Großes vor, er plant eine Megacity, er will die Märkte für Investoren öffnen und ganz Saudi-Arabien, überspitzt gesagt, an die Börse bringen.

Das sind alles PR-Gags. Wir haben schon neue Städte, wie zum Beispiel die King Abdullah Economic City, die kennt nur keiner. Das können Sie sich auf Google Earth ansehen, dort wohnt fast niemand. Anstatt neue Städte zu planen, sollte er die bestehenden modernisieren und in die Altstädte Geld reinstecken. Dort sind die wirklichen Probleme zu finden, Armut und Schmutz. Er muss das Land von unten nach oben modernisieren, nicht von oben nach unten.

Mohammed bin Salman hat auch angekündigt, dass er künftig einen moderaten Islam propagieren möchte. Was können wir uns darunter vorstellen?

Das ist eine philosophische Frage, und der Spielraum ist sehr groß. Ein moderater Islam müsste immer auch ein demokratischer Islam sein, davon spricht er aber nicht. Vielleicht stellt er sich einen Islam vor, der das tägliche Leben weniger beeinflusst, der weniger Regeln vorschreibt.

Aber es ist schwer vorstellbar, dass er einen moderaten Islam in einem der restriktivsten islamischen Länder gegen den Klerus durchsetzen kann.

Er müsste die Diversität fördern und einen offenen und toleranten Diskurs zulassen, vor allem aber eine individuelle Auslegung des Islams erlauben, aber davon ist derzeit nichts zu spüren. Aber er hätte die Macht, diesen Prozess einzuleiten.

Auch gegen den Klerus? Die Macht der Königsfamilie wird doch auch von der strengen Auslegung des Islams gestützt?

Die Rechtsgelehrten in Saudi-Arabien bekommen ihre Macht und Stärke vom Staat selbst. Wenn der Staat ihnen den Teppich unter ihren Füßen wegzieht, dann werden sie alle moderat werden und sich hinter den Staat stellen.

Schaut man sich die Außenpolitik von Mohammed bin Salman an, ist die Bilanz eine Katastrophe. Der Krieg im Jemen, der Konflikt mit Katar, und jetzt die Krise im Libanon.

Seine Außenpolitik ist impulsiv und folgt keiner Strategie, das macht sie so gefährlich. Die Libanon-Krise ist das beste Beispiel dafür.

Ich stimme mit ihm überein, dass die Hisbollah im Libanon mit Hilfe des Irans einen Staat im Staat aufbaut und deswegen geschwächt werden muss. Aber so wie er mit dieser Krise umgeht, bewirkt er das Gegenteil, es schwächt die saudische Position.

Alle außenpolitischen Konflikte sind im Prinzip Stellvertreterkriege mit dem Iran. Können sich diese Konflikte zu einer direkten Auseinandersetzung hochschaukeln?

Wir können von einem außenpolitischen Desaster sprechen, aber ich glaube nicht, dass das in einem großen Krieg enden wird.

Wenn die sozialen Probleme innerhalb Saudi-Arabiens nicht gelöst werden können, droht dem Land dann eine Art Arabischer Frühling?

Nein, in Saudi-Arabien kennt man keine Demokratie, die Menschen sind damit nicht vertraut und völlig unpolitisch. Wir sprechen von einer über Jahrhunderte islamisch geprägten Gesellschaft. Die Menschen werden nicht für ihre Freiheit auf die Straße gehen. Aufstände kann es nur geben, wenn der Kronprinz die wirtschaftlichen Probleme und die Arbeitslosigkeit nicht in den Griff bekommt.

Aber von Protesten sind wir weit entfernt. Die Menschen stehen hinter dem Kronprinzen.

Entwickelt sich Saudi-Arabien unter Mohammed bin Salman zu einer Diktatur?

Dieses Wort möchte ich nicht aussprechen, aber die absolute Herrschaft ist der falsche Weg, egal wie klug der Herrscher ist. Und wir Araber haben schon oft schlechte Erfahrungen gemacht mit vermeintlich patriotischen Anführern, die sich allzu schnell in Diktatoren verwandelt haben.

Jamal Khashoggi (59) ist einer der bekanntesten saudi-arabischen Journalisten und Autoren. Er war Chefredakteur der größten saudi-arabischen Tageszeitung. Wegen Kritik an Religionsgelehrten wurde er gekündigt und mit einem Berufsverbot bestraft, das später wieder aufgehoben wurde. Er arbeitete auch als Medienberater für den saudischen Botschafter in den USA. In Saudi-Arabien gilt er als Ungläubiger, es gibt Morddrohungen. Derzeit lebt er in Washington und ist gefragter Autor und Kommentator für zahlreiche Medien, wie Washington Post, CNN, BBC oder den Spiegel.