Politik | Ausland
22.09.2017

"Herr Erdoğan, wen soll ich wählen?"

Der türkische Präsident mischt sich massiv in den deutschen Wahlkampf ein. Wie gehen die drei Millionen Deutschtürken damit um? Ein Besuch in Berlin-Neukölln.

Bist du Türke? Oder bist du Deutscher? "Ischwör, Alter. Isch bin beides!"

Die zwei jungen Männer, die vor dem Lokal eine rauchen, machen sich einen Spaß aus der Frage, was sie eigentlich sind: Deutsche? Türken? Deutschtürken?

Zwei Herzen

Seit den 1960ern, als das Gastarbeiterabkommen gut eine Million Türken ins Land brachte, wird über diese Sache mit den zwei Herzen, den zwei Sprachen, den zwei Kulturen debattiert. Drei Millionen Menschen mit türkischem Hintergrund leben hier; und nirgendwo sieht man sie besser als in Neukölln: Die Hälfte des Bezirks hat Migrationshintergrund – sie sind von hier, aber irgendwie doch nicht.

Kazim Erdoğan kennt unheimlich viele dieser zweigeteilten Biografien. Der Psychologe, 63, graue Haare, Spitzname "Kalif" oder "Süperman", ist eine Legende hier; denn seit er in den 1970ern aus Anatolien herkam, macht er eines – er baut Brücken. "Auf meinem Tisch stehen zwei Flaggen", sagt er und verteilt Süßigkeiten an die Männer vor ihm: Türken, teils vor Jahren gekommen, die sich bis heute mit Sprache, Gesellschaft, Geschlechterrollen schwertun, und die sich in seinen Vätergruppen treffen und sich dort auch mal ausheulen können.

"Eigentlich wollte ich ja nur drei Jahre bleiben. Wozu hätte ich Deutsch lernen sollen?", sagt einer. "Ich wusste ja nicht, dass es 46 Jahre werden." Ein anderer sagt, das Jugendamt habe ihn geschickt, "wegen Problemen mit der Tochter. Hier habe ich gelernt, mich zu beherrschen". Erdoğan nennt sie "meine Männer", er lächelt.

Der Schutzpatron

Dass Erdoğans Namensvetter in Ankara hier in Neukölln, wo ohnehin viele mit ihrem Schicksal hadern, ziemlich leichtes Spiel hat, kann man darum auch verstehen. "Herr Erdoğan, wen soll ich wählen?" fragt einer der Männer, und er meint die Frage ernst: Seit Recep Tayyip Erdoğan den Deutschtürken geraten hat, bei der Wahl am Sonntag ja nicht CDU, SPD oder Grüne zu wählen, denn das seien ja "Feinde der Türkei", ist die Sorge groß.

Nur: Laut aussprechen will das aber kaum jemand. Seit in der Türkei willkürlich verhaftet wird und seit bekannt wurde, dass in den sozialen Netzwerken gezielt nach regimekritischen Einträgen gesucht wird, gebe es "vor allem bei den einfachen Leuten Angst", sagt auch Kenan Kolat, bei der Türkischen Gemeinde Deutschland aktiv und Mitglied der oppositionellen türkischen CHP. Er berichtet von SMS- und Whatsapp-Ketten, mit denen Stimmung gegen die großen Parteien gemacht wird; dort wird geraten, die deutsch-türkische Kleinstpartei ADD zu wählen, die mit Erdoğans Konterfei wirbt – und mit ganz viel Heimatgefühl: "Erdoğan weiß, dass die Deutschtürken viel Rassismus erfahren haben. Er nutzt das aus und spielt ihren Helden und Schutzpatron".

Ein Dilemma, ganz offensichtlich. Wie man dem begegnen kann und vor allem soll, und das auch noch im Wahlkampf, macht selbst die hohe Politik sichtlich ratlos: Die CDU rüttelt plötzlich an Vereinbarungen wie dem Doppelpass, um Wähler am rechten Rand nicht zu verprellen; und SPD-Chef Martin Schulz fordert plötzlich, die EU-Beitrittsverhandlungen abzubrechen, um Erdoğan "klare Kante" zu zeigen. Das mag zwar bei den Konservativen ankommen, für viele Deutschtürken ist es aber keine adäquate Antwort auf Erdoğans Einmischungen: "Die Deutschtürken fühlen sich so nur weiter weggeschoben. Das wirkt ja so, als hätte Erdoğan recht", sagt Kolat. Die SPD, früher traditionell die Partei der Deutschtürken, werde das am Sonntag auch spüren, sagt er. Wer die Stimme der Deutschtürken dann bekomme? "Viele werden daheim bleiben", sagt er. Auch nicht gerade das, was man sich unter Demokratie vorstellt.

Fragt man die zwei Burschen vor Kazim Erdoğan Vereinslokal, ob und wen sie wählen, bekommt man ein Grinsen. "Isch würde den Erdoğan wählen", sagt der eine; "aber nur den aus Neukölln".

Wenn es nur so einfach wäre.

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