Politik | Ausland
16.09.2017

Drama in Rot: Warum die SPD an sich selbst scheitert

Die SPD liegt bei 20 Prozent – jetzt bereitet man die Zeit nach der Niederlage vor.

"Freut euch nicht zu früh. Uns kriegt ihr nicht klein!"

Martin Schulz kämpft und kämpft und kämpft. Die leise Ironie des Satzes, den er bei seinem Auftritt am Donnerstag in München ins Publikum rief, war ihm dabei aber wohl nicht bewusst – ein paar Stunden zuvor hatte ihm eine Umfrage gerade den schlechtesten Umfragewert seiner Amtszeit bescheinigt. Schulz, der einstige Messias, liegt bei 20 Prozent; so wenig, wie man zuletzt unter Sigmar Gabriel hatte.

Alles deutet auf Merkel

Neun Tage vor der Wahl deutet alles auf eine Katastrophe hin. Ist die Wahl verloren? Die SPD verneint das vehement, weist immer darauf hin, dass die Hälfte aller Wähler noch unentschlossen sei. Das stimme zwar, sagt Nico A. Siegel, Chef von Infratest dimap, der auch die für die SPD so desaströse Umfrage durchgeführt hat. Dass sie den 17-Prozent-Rückstand auf die Union aufholen kann, hält er dennoch für ausgeschlossen: "Es ist unwahrscheinlich, dass eine Partei ihre Anteile verdoppelt. Und es wäre die erste Wahl in der Geschichte der Menschheit, wo alle Unentschlossenen zu einer Partei laufen." Niemand gehe davon aus, dass die Union nicht stärkste Partei wird, sagt er – "da müssten schon erdrutschartige Dinge passieren."

Im Willy-Brandt-Haus, der SPD-Zentrale, ist die Stimmung darum gelinde gesagt durchwachsen. Selbst Parteigranden wie Klaus von Dohnanyi, Alt-Bürgermeister Hamburgs, kritisieren Schulz nun öffentlich: Wenn er sich weiter so schwammig in puncto Koalitionsansagen gebe, werde "er vielleicht gar nicht wählen gehen", so das SPD-Urgestein.

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Machterhalt

Das trifft einen wunden Punkt. Dass Schulz weder eine Große Koalition noch Rot-Rot-Grün ausschließt, obwohl Zweiteres rechnerisch gar nicht möglich ist, hält nämlich einige Wähler bei der Stange, es verprellt aber auch viele. Und dass im Hintergrund mit einer Neuauflage der Großen Koalition geliebäugelt, sogar über mögliche Posten gesprochen wird, bringt auch wenig Stimmen – so verfestigt sich nur der Eindruck, man sei nur am Machterhalt interessiert.

Dass Von Dohnanyi das kritisiert, ist damit nur nachvollziehbar. Seine Attacken erinnern aber auch an die Selbstzerfleischung, die die Genossen 2009 und 2013 durchlebt haben: Damals begann man nämlich mit der Klärung der Schuldfrage, bevor die Wahl überhaupt verloren war. Für Schulz, der bisher unumstritten war, ist das kein gutes Zeichen – er muss nach einer verlorenen Wahl um sein Amt als Parteichef bangen. Die Schmerzgrenze liege bei 23 Prozent, heißt es; dem historisch schlechtesten Wert der SPD, den Steinmeier 2009 einfuhr.

Zerreißprobe

Dass Schulz sein "Ich will Kanzler werden"-Mantra weiter herunterbetet, ist darum auch mehr Motivation für die entmutigte Parteibasis als ernst gemeinte Ansage. Dort wird ihm der Einsatz hoffentlich nützen: Die Mitglieder müssen nämlich – so er die Wahl nicht krachend verliert – über einen möglichen Koalitionsvertrag mit der Union abstimmen; und beliebt ist die "GroKo" dort nicht gerade. Kassiert Schulz da eine Abfuhr, steht der SPD jedenfalls eine richtig schwierige Zeit bevor.