Politik | Ausland
25.03.2017

Startschuss ins Wahljahr: "Es wird sauschwer für Merkel"

Das Saarland als Testgelände: Merkels CDU könnte dort am Sonntag Schulz und Lafontaine zum Opfer fallen - die Kanzlerin kämpft deshalb verbissen.

"Toll sind die beiden", sagt eine ältere Dame, neben ihr giftet ein Herr: "Das sind doch alles Lügner!" Irgendwie scheint man sich im kleinen St. Wendel nicht ganz sicher, was von den beiden Frauen auf dem Podium zu halten ist; einig ist man sich nur in einem: Um Landespolitik geht es beim Wahlkampfabschluss der Saar-CDU nicht, das kann Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer noch so sehr beteuern. "Es geht ja nicht um einen Stimmungstest", sagt sie fast flehend vom Podium herab, "es geht um unser Bundesland!" Fast wie auf Befehl beginnen Zuseher zu kichern, und selbst Angela Merkel daneben verzieht das Gesicht.

Hier in St. Wendel, der tiefschwarzen Kernzone des ohnehin schwarzen Saarlandes, hat man die Kanzlerin stets beklatscht wenn es um Stimmenfang ging. Heuer, im Jahr zwei nach der Flüchtlingskrise, ist alles anders: Kramp-Karrenbauer steht trotz hoher Beliebtheitswerte davor, am Sonntag von einer rot-roten Koalition abgelöst zu werden, und dass Merkel daran großen Anteil hat, verleugnet niemand. Dass die Band bei ihrem Einzug "My Girl" spielt, könnten weniger Wohlmeinende als boshafte Spitze verstehen.

"Oskar kennt jeder"

Freilich, dass Kramp-Karrenbauers lange nur gut gemeinter Spitzname " Merkel von der Saar" plötzlich einen bitteren Beigeschmack bekommt, hat natürlich auch viel mit dem zu tun, was sich in der SPD abspielt. Dass die Sozialdemokratie sich mit Martin Schulz von ihren eigenen Fesseln gelöst hat, hat auch im Saarland für einen Wählerschub gesorgt; und dass eben dieser Schulz sich nun auch Oskar Lafontaine anträgt und aus dem SPD-Spaltpilz wieder einen denkbaren Koalitionspartner macht, sorgt bei der CDU für Gänsehaut – und in der Linkspartei für Euphorieschübe. "Wir kommen in die Regierung, natürlich!", sagt Wahlkämpfer Michael Mamiani, der zeitgleich zu Merkels Auftritt in der Saarbrücker Innenstadt Werbung für die Linke macht. Werbematerial bräuchte man er eigentlich keines mehr, sagt er lachend, denn "den Oskar kennt jeder", sagt er. Etwa zwölf Prozent werden ihm prognostiziert; genug, um mit der SPD die CDU vom Thron zu stoßen – beide liegen fast gleichauf, bei bis zu 35 Prozent.

"Sind doch alle gleich"

​Die Euphorie, die im Saarland für "den Oskar" herrscht, und jene, die für "den Martin" über das ganze Land schwappt, die hätte Merkel auch nötig. "Sie ist viel zu zahm", sagt Helmut Wegmann, der seit mehr als 30 Jahren in der Partei ist und mit einem Bier in der Hand auf ihre Rede wartet. Enttäuscht sei er, ja, durchaus; von ihrem Verhalten gegenüber Erdogan genauso wie von den vielen Versprechen, die die Politik nicht hält. "Die Ehrlichkeit ist verloren gegangen", sagt er. Sein Nachbar ist deutlicher: "Der blöde Erdogan, der blöde Trump, sind doch alle gleich. Aber die AfD ist auch net besser."

Sie zu überzeugen, die Unzufriedenen in den eigenen Reihen, das ist wohl die größte Aufgabe, die Merkel im Wahljahr bevorsteht. Angriffslust versprüht sie dann auch, als sie die Bühne betritt, "perfide" nennt sie die Pläne, die Linkspartei, Grünen und SPD hätten, sagt sie ungewöhnlich deutlich; sogar Gerhard Schröder und dessen Agenda 2010 nimmt sie dafür in Schutz. Der habe "dem Land gedient" und "gute Vorgaben gemacht", sagt Merkel über ihren einstigen Konkurrenten – und da ist klar: Der Feind, hier im Saarland wie im Herbst in Berlin, trägt rot; das macht Merkel deutlich wie selten. Die Sozialdemokraten, die würden nur reden, was richtig, was falsch sei, aber sich "endlich mal um die Zukunft zu kümmern", das könnten sie nicht.

Müde von sich selbst

Es scheint, als sei die Kanzlerin ein wenig aus ihrer eigenen Müdigkeit erwacht, als hätte die begriffen, dass der Wahlspruch "Sie kennen mich", mit dem sie 2013 gewann, heuer keine Chance mehr hat. Doch ob das reicht? "Es wird sauschwer für sie", sagt Wegmann, er zuckt mit den Schultern. Die Merkelmüdigkeit, bei ihm ist sie noch nicht gebannt. Fragt man ihn aber, was er wählen wird, am Sonntag und im Herbst, scheint er fast überrascht. "CDU natürlich", sagt er, und auc h sein Nachbar, der alle Politiker für Lügner hält, sagt: "Was soll ich denn sonst tun?" Wenigstens darauf kann Merkel vertrauen.

Wahljahr in Deutschland: Daten & Fakten

Das Saarland zählt knapp eine Million Einwohner, doch das westlichste Bundesland hat durchaus große Bedeutung für die Bundesregierung: Hier wird die erste der drei Landtagswahlen heuer geschlagen - und hier droht der CDU der erste Verlust.

In einigen Wochen folgen Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, wo die die SPD unter Druck steht, ihre Ministerpräsidenten zu verlieren. Spannend wird, ob der Schulz-Effekt dort auch für einen Triumph der Sozialdemokraten sorgt - und ob er damit auch bis zur Wahl im Herbst anhält.