Politik | Ausland
20.06.2017

Merkel und Schulz im Duell: Ein Heimspiel – nur für sie

Wahlkampf auf offener Bühne: Beim Tag der Industrie attackiert Schulz, Merkel bleibt gelassen.

"Angela Merkel hat ihre Rede zunächst als Kanzlerin begonnen, als CDU-Vorsitzende beendet", sagt Martin Schulz. "Ich mach’s umgekehrt."

Im Saal wird gelacht, und das nicht nur höflich – doch der Platz, an dem sich die Adressatin dieser Worte befinden sollte, ist da schon leer: Hier, beim Tag der Industrie in Berlin, absolvieren die Kandidaten von CDU und SPD ein Duell, ohne einander zuhören zu müssen. Schulz kommt zu spät zu Merkel, und sie ist weg, als er kommt; ob aus Termin- oder Dramaturgie-Gründen, sei dahingestellt. Ein Händedruck bleibt ihnen so jedenfalls erspart.

Merkel spielt Kanzlerin

Die Erwartungen an das Fernduell sind darum aber nicht weniger groß. Schulz, der um bis zu 14 Prozentpunkte hinterherhinkt, muss angriffig sein, Merkel hingegen kann sich sicher fühlen – und das zelebriert sie auch: Sie fabuliert über die G20, den Brexit und Trumps Klimaschutzpolitik, nähert sich ein bisschen den europäischen Plänen Macrons an und nimmt die anwesende Industrie in die Pflicht – kurz: Merkel spielt Kanzlerin, so gut sie das kann.

Die Wahlkämpferin lässt sie nur kurz aufblitzen. Das Steuerkonzept, das ihr Herausforderer tags zuvor vorgestellt hat und mit dem man bei den Besserverdienern ein wenig kürzen und bei den Geringverdienern ein bisschen Entlastung bringen will, zerpflückt sie; spricht von "unseriösen Versprechen" und freut sich über die Kritik, die aus anderen Parteien kam. Die CDU hingegen wolle Entlastungen, "und zwar für alle", sagt sie, bleibt dabei aber unkonkret. Auf das jüngst präsentierte SPD-Rentenkonzept geht sie erst gar nicht ein. Sie sagt nur lapidar, dass es nicht nötig sei, "das System wieder zu verändern"; Worte, die die anwesende Arbeitgeberschaft nur zu gern hört.

Schulz’ Name fällt bei alldem freilich nie. Das hat Methode: Der Wahlkampf der Union konzentriert sich ganz auf die Kanzlerin und ihre Erfolge; Trump und der Brexit nehmen ihrem Wahlkampfteam da viel Arbeit ab.

Schulz fremdelt

Bei Schulz ist das anders. Er nennt Merkel oft, attackiert, sagt Dinge wie "Schluss mit diesen Trippelschritten, mit dem Auf-Sicht-Fahren", was sich eindeutig an sie richtet. Das ist mutig – hier, bei einer Versammlung konservativ geltender Wirtschaftsleute, ist der Sozialdemokrat doch eher ein fremdes Wesen.

Schulz nimmt das mit Humor; sagt etwa: "An der Stelle steht im Manuskript, da klatschen die nicht", und erntet Lacher. Doch sein Mut wird nur streckenweise belohnt. Wenn er von "Vorfahrt für Investitionen" oder der "Industrie als Rückgrat der Wirtschaft" spricht, ist das Wohlwollen im Publikum begrenzt; und das liegt auch daran, dass er kaum konkret wird. Für den EU-Veteran ist die Innenpolitik Neuland, für Merkel Heimspiel – das merkt man hier wie selten zuvor.

Das Fremdeln merkt man auch am Ende des Auftritts. "Ich möchte mit Ihnen gemeinsam aufbrechen!", sagt er ins Publikum – und wartet dort stoisch, bis der Moderator ihn befragt. Der verscheucht ihn aber freundlich von der Bühne: Mehr Zeit für Schulz war nicht vorgesehen.