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15.09.2017

Flüchtling im TV mit Liebeserklärung an Merkel

In einer ZDF-Debatte mit Bürgern wurde die deutsche Kanzlerin von einem Syrer überschwänglich gelobt, musste aber ansonsten einiges an Kritik einstecken. Merkel begründete am Donnerstag auch ihre Absage an ein zweites TV-Duell mit Schulz.

Am Donnerstag stellte sich Merkel allerdings einer TV-Debatte mit Bürgern. Dort musste sich die Kanzlerin gegen Angriffe auf ihre Migrations- und Sozialpolitik zur Wehr setzen. Zwei Flüchtlinge unter den Studiogästen hielten der CDU-Chefin am Donnerstag im ZDF vor, ihnen drohe die Abschiebung. Ein Deutsch-Türke beklagte, Merkel gehe zu wenig gegen Rassismus vor (Details finden Sie weiter unten, Anm.).

"Ich liebe Sie"

Ein Syrer nutzte die Sendung dagegen für eine Liebeserklärung. Er sagte: "Bevor Sie meinen Namen kennen: Ich liebe Sie." Der Flüchtling erklärte dann lachend, seine Frau werde das jetzt sehen. Merkel: "Die wird schon verstehen, wie Sie's meinen."

Darauf der Mann, der nach eigenen Worten in Duisburg als Praxishelfer arbeitet: "Die Frau Merkel ist die Beste nach meinem Papa und Mama, weil sie mit Herz arbeitet."

Die Kanzlerin hatte es im Herbst 2015 ermöglicht, dass Migranten und Flüchtlinge unter anderem aus dem Bürgerkriegsland Syrien nach Deutschland kommen konnten. Dafür war sie zunächst von Teilen der Bevölkerung gelobt und später scharf kritisiert worden.

Der junge Mann sagte, er sei seit etwa zwei Jahren in Deutschland und habe "einen großen Schritt nach vorne gemacht". Aber er habe noch mit Problemen zu kämpfen. So könne seine Frau immer noch nicht zu ihm kommen, obwohl er Anspruch auf Familiennachzug habe. Sein syrisches Zertifikat als Physiotherapeut sei noch nicht anerkannt worden. Und: Sein Aufenthaltsstatus in Deutschland gelte nur bis 2019, was ihn bedrücke. "Ich will nicht Tschüss sagen."

Merkel bat den jungen Mann um Verständnis dafür, dass die Prüfung des Familiennachzugs Zeit in Anspruch nehme. "Das dauert vielleicht länger, als Sie sich das vielleicht wünschen", sagte die CDU-Chefin. Auch könne sie ihm nicht garantieren, dass er in Deutschland bleiben könne. Wenn der Krieg in Syrien vorbei sei, müsse man prüfen: "Kann man da vielleicht auch zurückgehen?" Bei der Anerkennung des beruflichen Zertifikats versprach sie, den örtlichen CDU-Bundestagsabgeordneten zu bitten, bei den Behörden nachzuhaken. "Halten Sie noch ein bisschen durch."

Begründung für Absage an Schulz

Ein zweites TV-Duell mit SPD-Herausforderer Martin Schulz wird es aber nicht geben. Merkel begründete dies am Donnerstag mit dem deutschen Wahlsystem. Es gebe in Deutschland ja keine Präsidentenwahl wie in den USA oder in Frankreich, "wo dann wirklich Personen in der Stichwahl sind, sondern, dass wir Parteien wählen", sagte Merkel am Donnerstag in der ZDF-Wahlsendung "Klartext, Frau Merkel!".

Zwar finde sie es gut, "dass wir einmal die potenziellen Kanzler auch in einem Duell haben". Aber es sei auch gut, "dass wieder viele andere Sendungen da sind, denn es ist eben nicht eine Personenwahl, sondern es werden in Deutschland Parteien gewählt und dann aus dem Bundestag heraus der Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin", fügte Merkel hinzu.

Schulz hatte seine Forderung nach einem zweiten TV-Duell mit der Kanzlerin damit begründet, wichtige Themen seien bei seinem bisher einzigen TV-Duell mit Merkel am 3. September zu kurz gekommen. In einem Brief hatte er Merkel zu einem zweiten Duell aufgefordert. Aus der CDU-Zentrale hieß es dazu am Mittwoch, Merkel habe gerne an einem TV-Duell teilgenommen. "Und dabei belässt sie es."

Die wichtigsten Streitthemen aus der Bürger-Debatte

AUSLÄNDER, FLÜCHTLINGE UND MIGRANTEN: Scharf wandte sich Merkel gegen Tabus und Generalisierungen in der Diskussion über Kriminalität von Migranten und Flüchtlingen. Eine Bürgerin hatte ihr vorgehalten, nach dem Zuzug von Flüchtlingen und Migranten gebe es hunderttausende alleinstehende Männer mit rückständigem Frauenbild im Land. Es gebe dramatisch gestiegene Zahlen von Vergewaltigungen durch Zuwanderer.

Merkel entgegnete: "Es darf, wenn es um Kriminalität geht, überhaupt gar keine Tabuthemen geben." Es gebe schlimme Einzelfälle, Straftäter müssten das Land verlassen. "Aber das, was Sie jetzt hier als das große demografische Problem herausstellen, das sehe ich nicht." Und: "Wir sollten damit nicht alle unter einen Generalverdacht stellen."

AFGHANISTAN: Ein afghanischer Flüchtling beklagte, er und seine Landsleute würden kaum mehr als Asylbewerber anerkannt. Er sei vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) abgelehnt worden, obwohl er als Journalist in seinem Land verfolgt werde. "Das BAMF arbeitet so schlecht", das wisse er aus seiner Erfahrung als Übersetzer bei Asylverfahren. "Warum bekommen alle Afghanen eine Ablehnung. Diese Unsicherheit macht uns richtig fertig." Er fügte in verzweifeltem Ton hinzu: "Warum ist das so? Wo sollen wir hingehen?"

Merkel sagte, 50 Prozent der afghanischen Asylwerber würden akzeptiert. "Wir können ja nicht jedem das Zeichen geben: Du musst nur nach Deutschland kommen, da wirst du schon angenommen. Wir müssen das schon abwägen." Sie verwies aber auch darauf, dass derzeit nur verurteilte Straftäter nach Afghanistan abgeschoben würden.

RASSISMUS: Ein junger Deutsch-Türke aus Berlin fragte die Kanzlerin, warum sie nicht mehr gegen alltäglichen Rassismus in Deutschland tue. "Ich habe so viele Diskriminierungen in meinem Leben erfahren. Woran liegt das?" Statt sich des Problems anzunehmen, komme immer wieder "die deutsche Leitkultur zum Vorschein". Wenn die Union behaupte, "Multikulti" sei gescheitert, sei das Rassismus. Merkel versicherte: "Wo immer Sie rassistischen Vorurteilen begegnen, werden Sie mich an Ihrer Seite haben." Sie sei aber gegen "Multikulti", bei dem man nebeneinander her lebe ohne gemeinsame Grundlagen.

ALTERSARMUT: Merkel musste sich gegen schwere Vorwürfe wehren, sie tue zu wenig gegen Altersarmut. Als sie die Riester-Rente gegen Vorwürfe einer Krankenhaus-Reinigungskraft im Publikum verteidigte, hielt ihr eine weitere Frau vor, dies sei eine Unverschämtheit: "Das ist ein Witz, was sie erzählen." Die Reinigungskraft hatte zuvor gesagt, einen Riester-Vertrag zur Aufstockung ihrer Pension würde sie niemals abschließen: "Da ist nur Riester von reich geworden."

KLIMASCHUTZ: Merkel versicherte, Deutschland werde trotz großer Zweifel von Experten sein Klimaschutzziel bis 2020 schaffen. "Wir werden Wege finden, wie wir bis 2020 unser 40-Prozent-Ziel einhalten. Das verspreche ich Ihnen." Die Bundesregierung hat sich das Ziel gesetzt, dass bis 2020 in Deutschland 40 Prozent weniger Treibhausgase ausgestoßen werden.

BÜRGERRECHTE: Ein junger Mann hielt Merkel vor, Deutschland sei auf dem Weg in einen Überwachungsstaat. Die Kanzlerin hielt entgegen, die Regierung müsse die richtige Balance zwischen Sicherheit und Bürgerrechten finden. Zugleich müssten aber auch die Voraussetzungen geschaffen werden, terroristischen Gefährdern das Handwerk zu legen.

WAHLKAMPF: Merkel versicherte, bei einem Unionssieg bei der Bundestagswahl die volle Legislaturperiode von vier Jahren Kanzlerin zu bleiben. Zugleich betonte sie: "Ich habe immer gesagt, dass ich der Meinung bin, der Parteivorsitz und das Amt der Bundeskanzlerin gehören zusammen." Auf die Frage, ob das Angebot ihres SPD-Herausforderers Martin Schulz, bei ihm Vizekanzlerin zu werden, etwas für sie sei, ging Merkel nicht ein. Sie schloss die Augen, nickte - und musste wie zahlreiche Zuschauer im Studio selbst lachen.

LASTER: Sie esse gar nicht so gerne Schokolade und komme deswegen nur auf ein Stück in der Woche, verriet Merkel. "Aber ich habe andere Laster. Ich esse dann eher ein Stück Salami." Auch die Hosenanzüge der Regierungschefin kamen zur Sprache: Ob sie die denn auch im Ruhestand noch tragen werde, wollte eine Frau von der Kanzlerin wissen. Sie werde dann wohl wie in ihrer Freizeit auch Jeans anziehen, sagte Merkel. "Aber auf jeden Fall wenig Röcke."