Politik | Ausland
04.04.2017

Der Terror aus Russlands Hinterhof

In sowjetischen Ex-Republiken haben Islamisten ihren Nährboden, von dem aus sie agieren.

14 Menschen sind tot. Das ist mehr oder weniger alles, was man gesichert über den Anschlag auf einen U-Bahn-Zug in St. Petersburg am Montag weiß. Ob es sich um einen Selbstmordanschlag handelte ist ebensowenig bekannt wie der Tathergang. Ein Attentäter wurde anscheinend identifiziert: ein 23-Jähriger Russen kirgisischer Abstammung. Ob er unter den Toten ist oder nicht, ist aber unklar. Das russische Fernsehen veröffentlichte das Bild eines Toten, der dem Mann (bekannt von Bildern einer Überwachungskamera) ähnlich sieht.

Offiziell ist von drei getöteten Ausländern die Rede: einem Kasachen, einem Weißrussen und einem Tadschiken. Auch der getötete Kasache wurde als Täter in Betracht gezogen. Ein Rätsel bildet zudem eine in einer anderen Station abgelegte und entschärfte Bombe. Sollte es sich um einen Einzeltäter gehandelt haben, so hätte dieser binnen Minuten in mehrere Stationen fahren und einmal umsteigen müssen.

Als heiße Spur gilt nun Akbarschon Dschalilow, den der kirgisische Geheimdienst als Täter nennt. Der junge Mann aus der Stadt Osch soll die russische Staatsbürgerschaft besessen und Kontakte zu Islamisten unterhalten haben. Ob er Teil eines Netzwerks war, ist unklar. Niemand bekannte sich bisher zur Tat. Die üblichen Verdächtigen, wenn es um Terror in Russland geht – Islamisten aus der russischen Kaukasusrepublik Tschetschenien –, waren bisher an sich immer recht flott mit Bekenntnissen.

IS-Expansionsgebiet

Die Spur nach Zentralasien wirft ein Licht auf ein wachsendes Problem in Russlands Hinterhof. Staaten wie Usbekistan, Tadschikistan aber auch Kasachstan haben seit Jahren mit wachsender Islamisierung ihrer großteils unterdrückten Opposition zu tun – mit zum Teil schwerwiegenden Folgen. Denn die im Irak und Syrien geschwächte Terrormiliz "Islamischer Staat" hat diese Region als Expansionsgebiet ausgemacht. Viele gingen aus der Region in den Nahen Osten, um für den IS zu kämpfen. Unklar ist, wie viele wieder nach Hause zurück gekehrt sind.

Offiziellen Zahlen zufolge kämpfen an der Seite des IS alleine 1100 Tadschiken – darunter auch Prominente. So schloss sich der Chef der Spezialeinheit des Innenministeriums OMON, Gulmurod Halimow, der Terrormiliz an. Unter den ausländischen IS-Kämpfern und proportional zu ihrer Herkunft, bilden Tadschiken in Syrien und dem Irak die größte Gruppe an Selbstmordattentätern.

In Tadschikistan tobte zwischen 1992 und 1997 ein Bürgerkrieg zwischen Regierung und Islamisten. Als Teil des Friedensdeals wurde der Opposition und damit auch der dominierenden islamischen Partei IRPT ein Platz in der Regierung zugesichert. 2015 wurde die IRPT aber verboten und als Terrorgruppe eingestuft, womit die gesamte Anhängerschaft in den Untergrund gedrängt wurde. Das macht dem IS die Rekrutierung leicht.

Ein anderes Kapitel ist Usbekistan, eine beinharte Diktatur, in der islamistische Kräfte außer Landes gedrängt wurden. Die Islamische Bewegung Usbekistans (IMU) wurde in den 90er-Jahren unter den Taliban in Afghanistan zu einer international agierenden Gruppe, die auch in Deutschland aktiv war und Basen im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet unterhält. Zudem hat Usbekistan mit geografischen Problemen zu kämpfen: Im abgelegenen Ferghana-Tal, einer Ebene zwischen Tadschikistan und Kirgistan, äußerte sich zuweilen offener Widerstand gegen den Staat, den auch Islamisten zu nutzen versuchten.

Kein Thema war Islamismus bisher in Kasachstan, wo sich aber im Vorjahr im Westen des Landes ein Vorfall ereignete: Ein Mob plünderte Waffenläden und versuchte eine Militärbasis zu stürmen. Die Behörden schrieben den Vorfall einem nicht näher genannten syrischen Prediger zu – wobei auch die Version kursiert, dass so die Tat Oppositioneller zu einem Anschlag stilisiert wurde.

In Kirgistan hingegen spielte Islamismus bisher nahezu keine Rolle.

Alle diese Staaten haben eines gemein: Sie leben zu einem guten Teil von Gastarbeitern, die aus Russland Geld in die Heimat schicken. Es hat sich gezeigt, dass IS-Rekrutierer gezielt auf Zentralasiaten in Russland zugehen, da diese leichte Opfer abgeben: Entfremdet, oft ausgebeutet und zuweilen wegen ihrer Herkunft angefeindet.