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Politik Ausland
09/29/2019

DDR, BRD und Fußball: "Es tut mir leid für den Rest der Welt"

Was die Öffnung und die spätere Einheit für die deutschen Kicker bedeutet hat – und welche Gefahr die Erfolge mit sich brachten.

von Karoline Krause-Sandner

Schlusspfiff im Praterstadion vor 57.000 Zuschauern. Es ist der 15. November 1989. Spanien-Legionär Toni Polster hatte gerade mit drei Toren die österreichische Fußballnationalmannschaft zur „Italia’90“ geschossen. Während Polster, Pfeffer, Lindenberger und Co. die Ehrenrunde laufen, passieren für die gegnerischen Spieler lebensverändernde Ereignisse.

Die Gegner, das war das Team der DDR. Das Match gegen Österreich sollte deren letztes Pflichtspiel sein. Sportliches Ziel war die Qualifikation für das WM-Turnier. Doch in den Köpfen war so viel mehr als nur der Fußball. Sechs Tage zuvor war die Mauer gefallen, das Leben der Ostdeutschen hat sich verändert. Jetzt schon

Die Mannschaft war am 9. November zusammen gesessen, im Fernsehen die Meldungen: Löcher in der Mauer, Reisefreiheit, Geldwechsel. Der damals 22 Jahre junge Matthias Sammer erinnert sich im Fußballmagazin 11Freunde, dass „die Champagner-Korken knallten“.

Dem KURIER schilderte Matthias Sammer in einem Interview, dass das Thema Wiedervereinigung in diesen Tagen die Gedanken der Spieler dominierte. „Wir konnten uns für die WM qualifizieren. Dann kam einer und gab zu bedenken: Jetzt ist die Mauer weg, sie reden schon von einem Staat. Uns wird es in dieser Form nicht geben, auch wenn wir zur WM fahren.“ DDR-Jungstar Rico Steinmann sagte einmal, dass alle Spieler damals denselben Gedanken hatten: „Dass nun der Traum Bundesliga in Erfüllung gehen könnte.“

Verkleidete Westdeutsche

Dann die Niederlage in Wien. Lange Gesichter bei den DDR-Spielern. Das frühe 0:1, ein verschossener Elfmeter und die fehlende Konzentration ließen einen Sieg und damit die WM-Quali nicht zu. Stürmerstar Andreas Thom verlässt mit hängendem Kopf das Spielfeld, als ein – vermeintlicher – Fotograf neben ihm auftaucht und mit ihm ein Treffen für später am Abend im Hotel ausmacht. Fotos wollte er keine machen, sondern Thom zum Bundesligisten Bayer Leverkusen holen.

Schon vor dem Spiel hatten sich Spielerberater und Scouts im Teamquartier der Ostdeutschen breit gemacht. Im Praterstadion saßen während des Spiels Vertreter von wichtigen Bundesliga-Teams wie Bayern und Dortmund. Besonders im Fokus: die Top-Spieler Ulf Kirsten, Matthias Sammer und Andreas Thom.

Als Sammer in der 79. Minute ausgewechselt wurde, näherte ihm sich auf der Ersatzbank ein Sanitäter. Er gibt sich als Vertreter von Bayer Leverkusen zu erkennen, derselbe Mann, der später als Fotograf mit Thom reden sollte. Für Sammer, Thom und Kollegen endet an diesem Novemberabend in Wien das Märchen des internationalen Fußballs nicht – es beginnt erst.

„Auf Jahre unschlagbar“

Der westdeutsche Fußball als großer Gewinner der Wende. Das sollte sich einige Monate später in einem WM-Titel, dem ersten seit 1974, manifestieren. „Es tut mir Leid für den Rest der Welt“, sagte Franz Beckenbauer nach dem Titel bei der WM in Italien großspurig, die – in Zukunft gesamtdeutsche Mannschaft werde „auf Jahre hinaus nicht zu schlagen sein“. Die Worte des scheidenden Trainers sollten in den Folgejahren wie ein Damoklesschwert über Fußball-Deutschland hängen. Doch daran dachte der Kaiser wohl nicht, als er am 8. Juli 1990 siegestrunken in Rom vor den Mikrofonen saß. Wenige Augenblicke, nachdem sein Team mit dem 1:0 gegen Argentinien den dritten Titel für Deutschland geholt hatte.

Die Weltmeister waren Westdeutsche. Doch auch im Osten hatten sie eine große Anhängerschaft. Das deutsche Team als identitätsstiftendes Vehikel. Ein Katalysator der neuen gesamtdeutschen Identität?

Ja, glaubt Tim Jürgens von 11 Freunde im KURIER-Gespräch. „Die Begeisterung über die Erfolge der deutschen Mannschaft war im ganzen Land groß.“ Auch die Fußballfans im Osten hatten – schon vor dem Fall der Mauer – oft ihren Lieblingsverein im Westen und kannten die Spieler. Der Tenor im Bezug auf das BRD-Team – vor allem nachdem die DDR sich nicht für die Endrunde qualifiziert hatte: „Das ist unsere Mannschaft.“ Nichts sprach im Osten gegen ein Daumendrücken für Matthäus, Brehme, Littbarski, Möller und Co.

Schwarz-rot-goldene Fahnen wurden geschwenkt, auch ostdeutsche Fans trugen die Dressen des Weltmeister-Teams, fieberten bei allen Spielen mit. Doch was erst 2006 als „positiver Patriotismus“ gefeiert werden konnte, hatte 1990 noch einen bitteren Beigeschmack: Rechte und Krawallmacher hatten auf den Moment gewartet, Nationalsymbole wieder hochhalten zu können. Rechtsradikale Auswüchse brachen auf der Stelle wieder heraus, berichtet Jürgens. „Im Osten wie im Westen“, bekräftigt Soziologe Thomas Schmidt-Lux von der Uni Leipzig. Doch in der sich auflösenden DDR hatten schnell „rechte Kader, teils aus dem Westen, Fuß fassen können, die schwache staatliche Strukturen ausnutzten“ – was bis heute nachwirkt.

Die Politik – insbesondere Kanzler Helmut Kohl – hatte alle Hände voll zu tun, den Enthusiasmus einer friedlichen Revolution und eines erfreulichen Sportereignisses nicht in einen giftigen Patriotismus münden zu lassen.

Angst vor der Übermacht

Doch mit dem Höhenflug der Deutschen bei der Fußball-WM in Italien war die Gefahr groß, dass Deutschland – politisch und sportlich – wieder zu einer Supermacht werde, vor der sich Europa fürchtet. Vor allem sorgte sich die Politik um das internationale Bild, denn die Wiedervereinigung kam nur unter Duldung der Alliierten zustande.

Im Nachhinein waren doch viele froh, dass es an diesem 8. Juli zwar in Italien nach deutschem Geschmack gelaufen ist, nicht aber in England. Denn in Wimbledon hat Boris Becker das Finale gegen Stefan Edberg verloren. Wiedervereinigung, Fußball-WM und Wimbledon. Das wäre dann doch zu viel gewesen.