Local snacks are seen at a street market almost a year after the global outbreak of the coronavirus disease (COVID-19) in Wuhan

© REUTERS / ALY SONG

Politik Ausland

Chinesische Medien: "Covid-19 begann nicht in Wuhan"

Die heikle Suche nach dem Ursprung des Coronavirus wird hochgradig politisiert. WHO-Expertengruppe soll nach China reisen.

12/15/2020, 09:47 AM

Ein Jahr nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie versucht die chinesische Propaganda, die Geschichte neu zu schreiben. Angesichts von mehr als 1,5 Millionen Toten weltweit will sich China in einem politisch aufgeheizten Klima nicht als Schuldiger anprangern lassen.

Das Thema wird zunehmend politisiert, um China wird dabei eher als mögliches Opfer darzustellen. Von FledermÀusen und Wildtierhandel als Ursprung ist keine Rede mehr.

Die deutsche Schweinestelze

"Auch wenn China als erster das Coronavirus berichtet hat, bedeutet das nicht zwangslĂ€ufig, dass das Virus auch aus China stammt", gibt Außenamtssprecher Zhao Lijian die Richtung vor, und Staatsmedien verweisen auf unbestĂ€tigte Berichte ĂŒber mögliche Sars-CoV-2-Infektionen in anderen LĂ€ndern schon vor der Entdeckung der ersten FĂ€lle Anfang Dezember 2019 in der zentralchinesischen Metropole Wuhan.

Auch wurden Spuren des Virus auf einer Schweinshaxe (Stelze, Anm.) aus Deutschland und anderen importierten TiefkĂŒhlwaren gefunden. Wobei strittig ist, ob diese Spuren fĂŒr eine Ansteckung ausreichen. Trotzdem schreibt das Parteiorgan "Volkszeitung" unter Hinweis auf "alle verfĂŒgbaren Beweise", dass die TiefkĂŒhlketten schuld sein könnten: "Covid-19 begann nicht in Wuhan."

Hochgradige Politisierung

"Es ist wirklich schwierig, dass es so politisiert ist", sagt Fabian Leendertz vom Robert Koch-Institut (RKI). Der Epidemiologe soll mit einer Expertengruppe im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) den UrsprĂŒngen des Virus nachgehen. Auch ist eine Reise nach China vorgesehen. "Wann es losgeht, steht noch ĂŒberhaupt nicht fest", sagt Leendertz, der Infektionskrankheiten erforscht, die gleichermaßen bei Menschen und Tieren vorkommen. GegenwĂ€rtig tauschen sich die Experten ĂŒber die Ferne erstmal mit Kollegen in China aus.

"Wir gehen davon aus, dass wir da anfangen, wo die solidesten Beweise vorliegen - und das ist immer noch dieser Markt und Wuhan selbst", sagt Leendertz. "Wir alle wissen, dass es wahrscheinlich nicht da angefangen hat." Denn nicht alle der ersten Infektionen wurden auf den Huanan-Markt in Wuhan zurĂŒckgefĂŒhrt.

Doch im Bereich der WildtierstÀnde wurden besonders viele Spuren des Coronavirus gefunden. "Es gibt den starken Verdacht, dass die Epidemie mit dem Wildtierhandel zusammenhÀngt", schrieb Ende Januar Chinas Staatsagentur Xinhua. Kurz darauf verbot die Regierung das oft schmutzige GeschÀft mit wilden Tieren, die in China als Delikatessen verzehrt werden.

Zeitreise

Von dem Markt wollen sich die WHO-Experten in der Zeit zurĂŒckarbeiten. "Und dann gucken wir, wo uns die Spur hinfĂŒhrt. Ob es in China bleibt, oder ob es nach außerhalb Chinas fĂŒhrt", sagt Leendertz. "Das ist ein ganz offener Ansatz." Er spielt die Erwartungen aber herunter. "Wir werden jetzt nicht irgendwie nach China fliegen, da unsere Superhelden-AnzĂŒge anziehen, ein paar FledermĂ€use einfangen und anfangen, den Markt abzustreichen und durch KrankenhĂ€user zu flitzen", sagt Leendertz. "Das ist natĂŒrlich ganz anders." Es gehe mehr darum, mit den chinesischen Kollegen zu schauen, welche Spuren noch verfolgt werden sollten. "Das wird das Maximum sein."

Der Forscher ist aber zuversichtlich, dass der Ursprung des Virus "irgendwann" gefunden wird. "Es wird wahrscheinlich doch der ursprĂŒngliche Wirt, also eine Fledermaus, sein", sagt Leendertz. Dann mĂŒsse man schauen, welche Art es sei, wo diese vorkomme und ob ein anderes Tier als Zwischenwirt involviert gewesen sei. "Die nĂ€chsten Verwandten des Virus, die aber nicht der Ursprung des Virus sind, sind bei FledermĂ€usen gefunden worden, und zwar im sĂŒdlichen China." Wegen der milden Symptome werde es hingegen "schwierig bis unmöglich sein", die erste Infektion, also "Patient Null", zu identifizieren.

"China-Virus"

Indem US-PrĂ€sident Donald Trump vom "China-Virus" spricht, Peking "zur Rechenschaft ziehen" will und Forderungen nach EntschĂ€digung laut werden, ist die Suche nach dem Ursprung auch eine Suche nach dem Schuldigen geworden. Doch weist Leendertz diese Denkweise zurĂŒck: "Wir Menschen infizieren uns dauernd mit Viren und Bakterien aus dem Tierreich." Das passiere ĂŒberall. "Es ist ja nicht die Schuld Chinas oder irgendeines anderen Landes, dass da ein Virus von der Fledermaus wahrscheinlich oder einem anderen Tier auf den Menschen ĂŒbergetreten ist", sagt Leendertz. "Das ist schwer zu verhindern."

Chinas Propaganda arbeitet gleichwohl mit irrefĂŒhrenden Tricks. Plötzlich wurde sogar der deutsche Virologe Alexander KekulĂ© fĂŒr die These bemĂŒht, dass "Wuhan nicht der Ausgangspunkt der Pandemie" sei, wie ihn Chinas Staatsfernsehen zitierte. Dabei hatte der Experte darauf verwiesen, dass der Ursprung in China liege und sich die in Italien gefundene Mutation des Virus weltweit verbreitet habe. Auf Twitter stellte KekulĂ© klar: "Die Coronavirus-Pandemie begann in China und der Ausbruch wurde anfangs möglicherweise sogar vertuscht."

Zweifellos war die anfĂ€ngliche Reaktion der Behörden in Wuhan unzureichend, was selbst chinesische Offizielle eingerĂ€umt haben. Deswegen mussten einige Verantwortliche auch ihre Posten rĂ€umen. Warnungen von Ärzten vor einer rĂ€tselhaften neuen Atemwegserkrankung oder einer möglichen Wiederkehr des Sars-Virus von 2002/03 wurden in den spĂ€ten Dezembertagen in den Wind geschlagen. Einige wurden sogar mundtot gemacht. Auch wurde noch bis 21. JĂ€nner offiziell behauptet, es gebe "keine Übertragung von Mensch zu Mensch", obwohl Ärzte schon im Dezember solche Ansteckungen erlebt hatten.

"Es lĂ€sst sich sicher sagen, dass sie schlecht mit dem Ausbruch umgegangen sind", sagt der Gesundheitsexperte Huang Yanzhong von der US-Denkfabrik Council on Foreign Relations (CFR). Beim Ausbruch eines neuartigen Virus wĂŒrden aber Fehler gemacht, wenn auch einige vermeidbar gewesen wĂ€ren. "Wir sollten China gegenĂŒber fair sein", sagt Huang Yanzhong. Auch andere LĂ€nder wie die USA hĂ€tten Fehler begangen. Er verweist darauf, wie Trump und seine Regierung die Pandemie heruntergespielt hatten. "Das ist das Gleiche."

"Politisch motiviert"

Die These vom importierten Virus ist aus seiner Sicht "politisch motiviert". "Es dient auch dem Zweck, China von der Verantwortung fĂŒr die Pandemie freizusprechen", sagt der Experte. Die Suche nach den UrsprĂŒngen sollte eigentlich wissenschaftlich neutral ablaufen, sei aber politisch heikel. Das verheiße "nichts Gutes" fĂŒr die WHO-Mission. Ohnehin steht die UN-Organisation in der Kritik, zu sehr auf der Seite Chinas zu stehen, das als wichtiges Mitglied auch viel Einfluss hat.

Die FĂŒhrung in Peking habe den Ton schon vorgegeben, sagt China-Kenner Huang Yanzhong. "Ich denke nicht, dass sie zulassen werden, dass das Ergebnis der Untersuchung ihr Narrativ in Frage stellen wird." Am Ende könnten die WHO-Experten diplomatisch auf China als bekannten Ausgangspunkt der Pandemie verweisen, aber hinzufĂŒgen, dass das Virus auch woanders hergekommen sein könnte, was weiter untersucht werden mĂŒsse. "Das wĂŒrde China glĂŒcklich machen", sagt Huang Yanzhong. "Ich glaube nicht, dass wir ein wirklich schlĂŒssiges Ergebnis haben werden, das von allen Akteuren akzeptiert werden kann."

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