Ein Polizist bringt Blumen zur Stelle, an der Jo Cox ermordert wurde

© REUTERS/PHIL NOBLE

Großbritannien
06/17/2016

Nach Mord an Labour-Politikerin: Suche nach Motiv

Einen Tag nach der Ermordung von Cox sucht die Polizei nach Motiven. Mörder soll "Britain First" gerufen haben.

Nach der Ermordung der britischen Abgeordneten Jo Cox konzentriert sich die Arbeit der Ermittler auf die Motive des Täters. Der festgenommene Tatverdächtige werde von der Polizei weiter intensiv vernommen, berichtete der Sender BBC am Freitag.

Cox hat vor ihrem Tod Drohungen erhalten. Die Labour-Politikerin habe sich bei der Polizei gemeldet, weil sie "bösartige Mitteilungen" erhalten habe, erklärten die Sicherheitsbehörden am Freitag. Die Polizei habe in diesem Zusammenhang im März einen Mann festgenommen, der später eine Verwarnung akzeptiert habe. Bei ihm handle es sich allerdings nicht um den 52-Jährigen, der am Donnerstag in Gewahrsam genommen worden sei. Die Polizei ergriff diesen Mann in der Nähe des Tatorts, an dem Cox kurz zuvor getötet worden war.

Cox wurde um die Mittagszeit in der Grafschaft Yorkshire attackiert. Medienberichten zufolge beobachteten Augenzeugen, wie ein Mann mehrere Schüsse auf die Politikerin abfeuerte und anschließend mit einem Messer auf sie einstach. Auch ein 77-jähriger Mann wurde angegriffen, er wurde nur leicht verletzt.

War die Tat politisch motiviert?

Laut Medienberichten könnte die Tat politisch motiviert gewesen sein. Demnach sollen Augenzeugen dem Sender Sky News berichtet haben, der Angreifer haben "Britain First" ("Großbritannien zuerst") und "Vorrang für das Vereinigte Königreich" gerufen. Cox hatte sich öffentlich gegen gegen einen Brexit gestellt.

"Britain First" ist der Name einer rechtsgerichteten Gruppe, die sich im Internet als eine Art Bürgerwehr und "patriotische Partei" beschreibt. Sie distanzierte sich aber entschieden von dem Angriff, den sie als "absolut widerlich" bezeichnete. Sie betonte, "Britain First" sei auch ein in der Brexit-Debatte üblicher Slogan von den Befürwortern eines EU-Austritts.

Angeblich hatte Täter psychische Probleme

Der Bruder des 52-jährigen Festgenommenen berichtet am Donnerstagabend gegenüber der Zeitung Daily Telegraph von einer langen Vorgeschichte psychischer Probleme des Mannes. "Es fällt mir schwer zu glauben, was passiert ist", sagte Scott Mair der Zeitung. Der Bruder habe "eine Vorgeschichte psychischer Erkrankungen". Allerdings sei er in Behandlung gewesen, sagte Mair. In britischen Medien wurden auch Nachbarn zitiert, die den mutmaßlichen Täter als Einzelgänger beschrieben, der meistens für sich geblieben sei. Er fügte hinzu: "Mein Bruder ist nicht gewalttätig und ist überhaupt nicht politisch".

Reaktionen

In einer ersten Reaktion hat Großbritanniens Premierminister David Cameron den tödlichen Angriff auf eine Abgeordnete der Labour-Partei als Tragödie bezeichnet. "Sie war eine engagierte und warmherzige Parlamentarierin", schrieb der Parteichef der Konservativen am Donnerstag auf Twitter. Er sei in Gedanken beim Ehemann und den beiden Kindern der 41-Jährigen.

Entsetzt zeigt sich auch der Vorsitzende der britischen Sozialdemokraten, Jeremy Corbyn: "Die ganze Labour-Partei und Labour-Familie - und gewiss das ganze Land - werden angesichts dieses abscheulichen Mordes an Jo Cox heute schockiert sein", teilte Corbyn am Donnerstag mit.

Der Ex-Bürgermeister von London und Brexit-Befürworter Boris Johnson schrieb: "Ich bin traurig und schockiert, von Jo Cox' Tod zu hören".

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich betroffen über den tödlichen Angriff auf eine britische Labour-Abgeordnete gezeigt. "Das ist ein tragischer Vorfall", sagte Merkel am Donnerstag in Berlin. Die Tat sei furchtbar für die Angehörigen und müsse dringend aufgeklärt werden. "Ich möchte das jetzt in keinen Zusammenhang bringen mit der Abstimmung über den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union", sagte Merkel.

Bestürtzt zeigt sich auch SPÖ-Klubchef Andreas Schieder: "Die heutige Gewalttat gegen die Labour-Abgeordnete Jo Cox macht fassungslos, wütend und zutiefst betroffen". Die europäische Sozialdemokratie habe "eine liebenswerte Kollegin, eine talentierte Politikerin und eine unermüdliche Kämpferin für soziale Gerechtigkeit und Frieden verloren".

ÖVP-Generalsekretär Peter McDonald erklärte am Donnerstag in einer Aussendung: "Dieses feige Verbrechen lässt nicht nur die große Familie der europäischen Konservativen fassungslos innehalten. Für jede engagierte politische Persönlichkeit ist es ein schwerer Schlag, wenn eine Kollegin oder ein Kollege so grundlos und brutal aus dem Leben gerissen wird".

Unter dem Eindruck des Attentats auf die Labour-Abgeordnete Jo Cox lassen sowohl die Brexit-Gegner als auch die Brexit-Befürworter für den Rest des Tages ihren Wahlkampf ruhen. Wann die Politiker ihre unterbrochene Kampagne zum EU-Referendum am 23. Juni wieder aufnehmen, ist noch unklar. Auch die möglichen Auswirkungen der Bluttat auf den Ausgang des Votums sind noch völlig ungeklärt.

Über Jo Cox

Cox galt als kommender Star in ihrer Partei und machte sich vor allem als leidenschaftliche Europäerin einen Namen. Bereits 1999 war sie als Mitarbeiterin im Abgeordnetenbüro der Labour-Politikerin Joan Walley an der Gründung der Initiative "Britain in Europe" beteiligt. Zwei Jahre lang arbeitete sie im Büro einer Europaabgeordneten in Brüssel.

Später war sie für verschiedene Hilfsorganisationen tätig. Sie setzte sich unter anderem für Frauenrechte und eine bessere Gesundheitsversorgung für werdende Mütter und Neugeborene in Entwicklungsländern ein.

Bei den Wahlen im Frühjahr 2015 konnte sie einen Sitz im britischen Unterhaus erringen, wo sie unter anderem eine Parlamentariergruppe für Syrien gründete. Im Brexit-Wahlkampf erhöhte Cox den Druck auf Labour-Chef Jeremy Corbyn, sich stärker für einen Verbleib Großbritanniens in der EU einzusetzen.

Cox, die in Cambridge studierte, war verheiratet und hinterlässt zwei kleine Kinder. Der Ehemann der Politikerin, Brendan Cox, betonte in einem Statement: "Sie hätte sich jetzt vor allem zwei Dinge gewünscht. Erstens, dass unsere geliebten Kinder viel Liebe erfahren, und zweitens, dass wir uns alle zusammentun, um gegen den Hass zu kämpfen, der sie getötet hat. Hass hat keine Überzeugung, Ethnie oder Religion, er ist giftig."

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