Politik | Ausland
05.10.2018

Brasiliens Trump am Weg zum Sieg

Bei dem Urnengang am Sonntag dürfte der rechte Politiker Jair Bolsonaro hoch gewinnen

Der Mann, der ganz Brasilien spaltet, ist im Wahlkampf kaum sichtbar und doch omnipräsent. Vor ein paar Wochen wurde Jair Bolsonaro (63) Opfer eines Attentats. Vielleicht ist es dieser Messerstich, der die Wahlen in Brasilien entscheidet. Denn seit dem Attentat eines offenbar geistig Verwirrten im Bundesstaat Minas Gerais schnellen die Sympathiewerte für Bolsonaro, der sich seitdem keinen bohrenden Nachfragen in den TV-Sendern stellen muss, nach oben.

Bolsonaro, das Opfer, das ist ganz nach dem Geschmack seiner Wahlkampfstrategen. „Bolsonaro ist die Lösung“, sagt Andressa, eine junge Anhängerin. „Er räumt endlich auf in Brasilia.“ Sie spricht damit vielen Menschen aus der Seele. Viele Brasilianer haben das Vertrauen in die etablierten Parteien verloren. Dass Bolsonaro als Berufspolitiker selbst Teil dieses Systems ist, gehört zu den Widersprüchen. Seine Söhne treten in seine Fußstapfen, sind ebenfalls in der Politik tätig. Sie könnten schon bald einen undurchsichtigen Clan bilden, der Brasilien beherrscht. Den Ton bestimmen sie schon jetzt.

„Waffen für die Guten“

Bolsonaro emotionalisiert das riesige Land. Seine Gegner kritisieren ihn als Faschisten, seine Anhänger verehren ihn als „Mythos“. Viel weiter auseinander geht es nicht. Bolsonaro sagt, was er denkt, und das ist nicht immer konform mit den Menschenrechten. So erwägt der Rechtspopulist, die „gute Bevölkerung“ zu bewaffnen, um sie gegen die „böse Bevölkerung“ zu schützen.

Noch mehr Waffen also in einem Land, in dem Gewalt und Kriminalität aus den Fugen geraten sind. Die Brasilianer sollen sich selbst verteidigen. Menschenrechtler schlagen die Hände über den Kopf zusammen, diejenigen aber, die oftmals mit dem Bus durch den Kugelhagel der Favelas zur Schule fahren müssen, fühlen sich endlich verstanden. Bolsonaro ist bekannt für seine homophoben Sprüche („Lieber ein toter Sohn, als ein schwuler Sohn“) und für frauenfeindliche Tabubrüche („Du bist zu hässlich, um vergewaltigt zu werden“). Mit seinen Sprüchen hat er vor ein paar Tagen die wohl größte Demonstrationen von brasilianischen Frauen in ganz Brasilien provoziert, die unter dem Motto „Er nicht“ (#EleNão) auf die Plätze und Straßen der großen Städte strömten.

Doch es gibt auch Brasilianerinnen, die Bolsonaro unterstützen und sich ihrerseits in den sozialen Netzwerken bekennen. In Favelas, wo Gewalt gegen Frauen alltäglich ist, kommen seine Forderungen nach Kastrierung von Vergewaltigern gut an. Genau das zeigt die Probleme der anderen Kandidaten: Bolsonaro besetzt die Themen und bestimmt die Debatte, sein aussichtsreichster Gegenkandidat, Fernando Haddad von der linken Arbeiterpartei, ist so fast immer in der Defensive.

Bolsonaros Faible für die Militärdiktatur ist für seine Gegner ein Albtraum, für seine Fans aber die Lösung. Kaum eine andere Institution genießt in der Bevölkerung ein so hohes Ansehen wie die Armee. Zucht und Ordnung: Im Kriminalitätschaos der Millionenmetropole sind das für nicht wenige Brasilianer vielversprechende Perspektiven. Dass Bolsonaro auch hier Tabus bricht, indem er öffentlich Folterer aus der Diktaturzeit huldigt, lässt seine Kritiker fassungslos zurück. Laut Umfragen führt Bolsonaro vor dem ersten Wahlgang mit 32 Prozent das Rennen vor Haddad (22 Prozent) an. Haddad ist der Ersatzkandidat für Lula da Silva. Der immer noch populäre, aber wegen passiver Korruption inhaftierte Ex-Präsidenten der Arbeiterpartei PT hatte lange, vielleicht zu lange an seiner Kandidatur festgehalten.

Zerriebene Mitte

Nun bestimmt den brasilianischen Wahlkampf eine Dynamik, die kaum noch aufzuhalten ist. Haddad muss sich rechtfertigen für den Korruptionsskandal, in den die PT wie nahezu alle anderen Parteien verstrickt ist. Das lastet bleischwer auf der PT, die sich zu spät von Lula löste. Stimmen die Umfragen – auch das ist in Brasilien ungewiss – dann ist das erst der Auftakt. Die gemäßigten Kräfte der politischen Mitte werden aufgerieben im Kampf der Ideologien und Emotionen.

Der Umweltpolitikerin Marina Silva, die einen Umstieg auf Erneuerbare Energien fordert, hört niemand mehr zu. Es sind wieder einmal die weißen Frauen und Männer, die den Ton im Wahlkampf setzen.

Es folgen vermutlich noch einmal drei harte Wochen, die bis zur Stichwahl am 28. Oktober weitere Wunden Brasiliens aufreißen werden.