Nicht nur nackte Haut: Warum der Karneval in Rio hochpolitisch ist

Meist schaffen es nur Bilder der Sambaköniginnen nach Europa. Dabei ist der Karneval auch eine Auseinandersetzung der Brasilianer mit ihrer eigenen Lebensrealität.
Carnival Rio 2026

Langsam schiebt sich der Bus über den Asphalt. Die Fensterscheiben sind von der heißen Atemluft beschlagen. Eine Frau versucht verzweifelt, Hilferufe in die beschlagenen Fenster zu malen. Die Menschen schreien voller Angst, zwei Männer halten die Gruppe mit gezogener Waffe in Schach. Um den Bus herum dröhnen die Sambaklänge, nur fünf Meter entfernt kreisen in den Logen die Sektgläser. 

Es ist Karneval in Rio de Janeiro. Und die Szene vom Überfall auf den Bus gehört zu den realistischsten Darbietungen, die Sambaschulen in den letzten Jahren auf der schnurgeraden Meile hingelegt haben. 

Nur nackte Haut? Im Gegenteil: Im weltberühmten Sambódromo von Rio de Janeiro zeigen die Sambaschulen bisweilen auch mal die schonungslose Realität des brasilianischen Lebens. Und dazu gehören, leider, auch Überfälle mit gezogener Waffe.

Der Karneval als Aufarbeitung der Sklavenzeit

Die Sambaschule Cubango machte einst das Thema „Kolonialismus“ zu ihrer zentralen Aussage. Ein weißer, bärtiger Aufseher peitschte in der Arena schwarze Sklaven aus. Die trugen schwere Halsketten und schrien vor Schmerzen. Verzweifelte andere Sklaven eilten dem Opfer zur Hilfe, doch auch sie trafen die Peitschenhiebe des Großgrundbesitzers. 

Die Geschichte der afrobrasilianischen Bevölkerung spielt im Sambódromo eine große Rolle. Und sie wird in allen Facetten beleuchtet: Die Sklavenzeit, die Kultur und Musik, die Religion Candomblé, der Fußball um Pelé oder Garrincha – Brasilien lebt hier seine Geschichte. 

Second day of Carnival at the Sambadrome in Sao Paulo

Die afro-brasilianische Geschichte und die Auseinandersetzung mit der schwarzen Kultur, etwa der Religion Candomblé, spielt beim Karneval eine große Rolle.

Während es meist nur Bilder von leicht bekleideten Körpern vom Karneval nach Europa schaffen, sind die Tage im Sambódromo weit mehr als das. Es ist eine bisweilen knallharte Auseinandersetzung und Aufarbeitung mit der Vergangenheit und dem Hier und Jetzt. Auch in diesem Jahr wird wieder diskutiert werden. Im Zentrum der Debatte steht Brasiliens Präsident Luis Inácio „Lula“ da Silva.

Sambaschule plant "Lula-Show"

Die Sambaschule „Acadêmicos  de Niterói“, eine der größten und populärsten der Weltmetropole, wird ihre Show zu einer Hommage an den Politiker machen. Ausgerechnet im Wahljahr ist das nicht unumstritten, fließen doch Millionen Steuergelder zur Kulturförderung in die Kassen der Sambaschulen. Kritiker monieren eine illegale Wahlkampfhilfe und haben das oberste Wahlgericht TSE eingeschaltet. Der Schule sollen die Steuergelder gestrichen werden. 

Der Karneval in Rio ist eher dem Lula-Lager zugetan als der konservativen Opposition, für Lula also ein politisches Heimspiel – und doch ein Risiko. Nach einem Zwischenhoch bei den Umfragen während des Zoll-Disputs mit US-Präsident Donald Trump, der Lula einen Popularitätsschub verschaffte, ist wieder Normalität eingekehrt. Und die besagt nach neuesten Umfragen, dass Flavio Bolsonaro, Sohn und Ersatzkandidat für den inhaftierten Vater Jair, zulegen kann.

Ein Selbstläufer werden die Wahlen im Oktober für Lula also nicht mehr. Die Ablehnung gegenüber dem Amtsinhaber ist laut „Poder360“ im Februar auf 44 Prozent gestiegen. Und so werden nicht alle Menschen im Sambódromo die Lula-Show feiern, das weiß auch der Präsident selbst. Sollte sich die Stimmung im Stadion oder den sozialen Medien gegen den Umzug der „Acadêmicos  de Niterói“ drehen, könnte das zum politischen Eigentor werden.

„Königinnen“ im Fokus

Die wahren Stars des Karnevals sind ohnehin die Sambaköniginnen der Schulen. Das hat die Organisation „LIESA“, die für die Vermarktung und Medienarbeit verantwortlich ist, längst erkannt. Der Prozess ihrer Transformation – das Schminken, das Anprobieren des Kostüms –, jeder Auftritt wird von den Medien begleitet und dokumentiert. Für den übertragenden Sender „Globo“ bietet das ein ideales Werbeumfeld für eine Schönheitsindustrie, die in Brasilien ohnehin zu den wichtigsten Werbekunden zählt.

Carnival parade at the Sambadrome, in Rio de Janeiro

Maryama Lima ist seit Jahren eine "Sambakönigin" der Schule "GRES Paraíso do Tuiuti".

Inzwischen reisen die Königinnen als Botschafterinnen um die Welt. Eine von Ihnen ist Mayara Lima, sie repräsentiert die Sambaschule GRES Paraíso do Tuiuti; rund 1,5 Millionen Menschen folgen ihr auf Instagram.

Im Gespräch mit dem KURIER sieht sich Lima als Botschafterin einer kulturellen Bewegung und einer Geschichte: „Es gibt ein Vermächtnis, eine Tradition von Menschen, die vor mir da waren und den Weg geebnet haben.“ Für sie bedeutet Karneval alles: „Es ist unser großes Fest, das größte Spektakel der Welt. Jedes Jahr wollen mehr Menschen in meiner Nähe sein und wollen unsere Kultur besser verstehen.“

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