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Politik Ausland
03/17/2019

Brandstätters Blick: Liebe, Schönheit und unsere Zukunft

Reden wir über unsere Vergangenheit und unsere Zukunft. Aber ein Wort darf dabei nicht fallen.

von Helmut Brandstätter

Jetzt ist es zu spät, jetzt haben Sie zu lesen begonnen, und jetzt dürfen Sie bitteschön auch dann nicht aufhören, wenn es – pardon – um Europa geht. Umfragen und TV-Quoten erzählen uns, dass viele Menschen abschalten, wenn sie das Wort Europa hören oder gar den Begriff EU-Kommission

Also gehen wir es anders an: Im Kunsthistorischen Museum wurde eben eine wunderbare Ausstellung des amerikanischen Malers Mark Rothko eröffnet. Berühmt sind seine abstrakten Gemälde. Aber die Schau zeigt, dass es diese Werke nicht gäbe  ohne die Inspirationen,  die sich Rothko bei ausgedehnten Reisen durch Europa geholt hat. Die italienische  Renaissance, Michelangelo oder die Fresken von Fra Angelico im Kloster San Marco in Florenz haben seinen Sinn für Formen und Farben ebenso geprägt wie die griechischen Tempel von Paestum.

Oder blicken wir nach China: Der Technologieriese Huawei, im Moment in den USA und in Deutschland mit Spionagevorwürfen konfrontiert, baut nördlich von Shenzhen ein neues Hauptquartier mit Forschungszentrum. Die 24.000 Mitarbeiter werden in Gebäuden arbeiten, die aussehen wir die Universität Sorbonne oder ein italienischer Palazzo. Wer in China viel Geld hat, kopiert europäische Architektur. Die Neuerrichtung von Hallstatt war nur der Anfang.

Union des Friedens

Es ist nicht nur die großartige kulturelle Vergangenheit Europas, die weltweit bewundert und nachgemacht wird, es ist der kulturelle und historische Reichtum unseres Kontinents, der offenbar anderswo mehr fasziniert als bei uns. Diese Vielfalt auf engem Raum, dazu Völkerwanderungen, aber auch nationalistischer Eigensinn und  politische Hassprediger haben in der Vergangenheit  zu den grausamsten Kriegen geführt. Es ist die einmalige Leistung der Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft, dass sie schon im Jahr 1957, wenige Jahre nach Krieg, Zerstörung und Holocaust eine Organisation begründet haben, die einen weiteren Krieg in Europa nach menschlichem Ermessen und auf absehbare Zeit unmöglich macht.

Neuerfindung Europas

Aber diese Gemeinschaft steht im Moment recht ratlos nicht nur dem neu aufkeimenden Nationalismus, sondern auch den neuen technischen Entwicklungen gegenüber, die sich nicht mehr nach dem Tempo europäischer Ingenieure richten. Da kommt ein Buch gerade recht, das Hannes Androsch, der auch  den Rat für Forschung und Technologieentwicklung leitet, mit zwei Autoren des Rats, Bettina Poller und Johannes Gadner, veröffentlicht: "Europa vor der Entscheidung." Nach einem umfangreichen historischen Rückblick werden sehr konkret sieben Thesen für die "Neuerfindung Europas" aufgezeigt. Androsch und Co. wollen – das ist die erste These – die "Vereinigten Staaten Europas". Das muss und darf überhaupt nicht den oft zitierten Zentralismus bedeuten, ganz im Gegenteil. Regionale Verwaltungsstrukturen  wären effizienter als nationale und könnten die viel beschworene Subsidiarität, also die Verlagerung auf die unteren Einheiten, begünstigen. Aber Subsidiarität bedeutet eben auch, dass die großen Themen wie Finanzen oder Verteidigung gemeinsam entschieden und umgesetzt werden.

Aus dem Rückzug der USA als Hüter der Weltordnung, der wohl auch nach Trump stattfinden wird, ergibt sich die zweite These ganz logisch: Europa muss seine Sicherheits- und Außenpolitik selbst in die Hand nehmen. "Entweder exportieren wir Stabilität oder wir importieren Instabilität", wird da der österreichische EU-Kommissar Johannes Hahn zitiert.

Bildung und Forschung

Die dritte These beschäftigt sich mit den globalen Herausforderungen im Bereich Digitalisierung, Innovation und Energieversorgung. Dass einzelne Nationalstaaten, und seien sie so reich und kräftig wie Deutschland, hier alleine keine Chance haben, muss man wohl nicht lange argumentieren.

Die vierte und die fünfte These gehören zusammen: "Ein Europa der Bildung ist das Fundament für den Erfolg in der Welt von morgen." Und fünftens: "Nur ein Europa der Wissenschaft, der Forschung und der Innovation kann sein kreatives Potenzial ausschöpfen und erfolgreich umsetzen." Niemand weiß, welche Berufe in einigen Jahrzehnten gebraucht werden, aber wir wissen, dass nur flexible, weltoffene und vor allem stets lernwillige Menschen die Herausforderungen bewältigen werden.

Globalisierung ist gut

Die sechste These beschäftigt sich mit dem Klimaschutz. Auch hier geht es um Wirtschaft: Wenn Europa innovativ genug ist, sind eine moderne Industrie und bessere Luft kein Widerspruch.

Und schließlich findet die Globalisierung statt, egal, ob die Europäer das gut finden oder nicht. Deshalb These Nummer sieben: "Nur eine starke EU kann die Vorteile der Globalisierung wirklich nutzen." Die so eingängige Parole "America first" – oder sonst irgendein Staat first – beschädigt nicht nur die jeweiligen Volkswirtschaften. Protektionismus beschädigt alle Volkswirtschaften, eine weitere Senkung der Zölle hingegen kann den Wohlstand überall mehren, wenn der Handel unter fairen Bedingungen abläuft.

Gegen die Angstmacher

Das alles ist fundiert geschrieben, mit entsprechende Studien. Aber warum sind auf der emotionalen Ebene die Nationalisten so viel stärker? Weil sie erfolgreiche Angstmacher sind und gleichzeitig die Rückkehr zu einer scheinbar heilen Welt versprechen, die in Wirklichkeit eine unsichere und zu oft eine kriegerische war. Aber wo sind die positiven Gefühle der Pro-Europäer? Wo ist die emotionale Geschichte, die junge Menschen das vereinten Europa empfinden lässt, Herr Doktor Androsch? "Gemeinsam in die Zukunft statt  einsam untergehen", das müssen wir alle spüren, so der frühere Vizekanzler.

"Ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau" hat der frühere deutsche Bundespräsident Gustav Heinemann einmal gesagt, als er gefragt wurde, ob er Deutschland liebe. Niemand muss Europa lieben, aber wir sollten spüren, dass unsere Vielfalt einmalig ist, Und uns allen einmalige Chancen gibt.