Politik | Ausland
07.10.2018

Bosnien: „Land der Alten und der Politiker“

Heute wählt Bosnien. Tausende junge, gebildete Menschen kehren jedes Jahr ihrer Heimat den Rücken

Wenn sie alt genug wäre, sagt Lejla, würde sie heute wählen gehen. Ihre Freundin Nermana sagt, wenn sie einmal 18 ist, dann ist sie vielleicht ohnehin nicht mehr in Bosnien. Die beiden Schülerinnen sind 17, sprechen gut Englisch und wollen Ärztinnen werden. „Ich würde liebend gerne hier bleiben“, sagt Lejla. „Aber hier gibt es keine Jobs. In Österreich und Deutschland sind die Bedingungen wesentlich besser“, weiß sie. Jede von ihnen hat Freunde und Verwandte, die in der EU leben. Nermanas Cousine ist kürzlich nach Deutschland ausgewandert. Rund 40.000 Bosnier verlassen jedes Jahr das Land viele von ihnen sind Jugendliche, die sich eine bessere Ausbildung oder Jobs in Westeuropa erhoffen.

 

Heute wählen Bosnier ihre Abgeordneten und Staatspräsidenten. Doch die Politikverdrossenheit ist groß. Die großen Parteien scheinen ihre Macht zementiert zu haben, teilweise durch illegale Mittel. Jeder, mit dem man in Sarajevo spricht, weiß, wie viel eine Stimme bei der Wahl kostet. „Um 30 Mark (15€) kannst du deine Stimme verkaufen“, sagt Selma. Die Studentin würde ihre nie hergeben, aber sie versteht die Leute, die es tun. „Es ist ihnen egal. Bis jetzt hat sich durch Wählen ja auch nie etwas verändert. Sie haben ihren Glauben verloren.“ Gut möglich, dass Selma nach dem Studium nach Europa geht. Vielleicht nach Österreich.

 

Aber auch auf andere Weise gewinnen Parteien Stimmen, etwa indem sie ihren treuen Freunden gute öffentliche Jobs versprechen. Dafür kauft sich die Partei deren Loyalität und die der ganzen Familie. Das sind keine Geheimnisse in Bosnien.

„An diese Jobs kommst du nur, wenn du die Connections hast“, weiß der 17-jährige Nedim Hasanbegovic. Auch er will eines Tages, vielleicht nach der Schule, ins Ausland gehen. Wegen der Jobs, aber auch wegen der „besseren Ausbildung“, wie er sagt.

Die Arbeitslosigkeit liegt in Bosnien-Herzegovina bei rund 25 Prozent. Unter den Jugendlichen ist sie sogar doppelt so hoch. Die Aussicht auf einen guten Job ist gering. Und für die, die einen haben, ist das durchschnittliche Gehalt rund 400 Euro.

Arbeit, Ausbildung, Atmosphäre

Nach dem Krieg gab es einige Jahre eine große Welle an Rückkehrern. Doch spätestens mit der Wirtschaftskrise war es wieder vorbei. Nun verlassen Tausende Menschen das Land jedes Jahr. Nicht mehr nur junge Leute, um sich auszubilden und zurückzukommen, sagt die Soziologin Valida Repovac Niksic. „Jetzt sind es auch junge Familien, die für immer gehen.“ Nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern weil sie das politische Klima der Angst und Kriegsrhetorik satt haben.

 

Nedim zum Beispiel. Er ist nach dem Krieg geboren. Der 17-Jährige ärgert sich, dass Politiker immer noch die Sprache aus den Neunzigern verwenden: „Sie reden als wären sie im Krieg, aber sie sollten nach vorne blicken!“

Österreich: steigende Zahl an Anträgen

Österreich ist ein beliebtes Ziel. Nicht zuletzt, weil viele dort Verwandte oder Bekannte haben. 3400 Erstanträge auf Aufenthaltstitel von Bosniern gab es heuer von Jänner bis August in Österreich. Mehr als 17.000 Bosnier suchten um Verlängerung ihres Aufenthaltstitels an. Übrigens mehr Frauen als Männer.

„Die Jungen gehen alle weg. Das ist ein Land der alten Menschen geworden“, sagt Lejla, „...und der Politiker“, fügt Nermana hinzu.

„Ich werde vielleicht bleiben“, sagt Nikola Karpic. Der 23-Jährige weiß, dass er als IT-Experte nicht direkt von der wirtschaftlichen Misere betroffen ist. Sollte er ein tolles Angebot bekommen, könne er für nichts garantieren. Aber er liebe die bosnische Kultur, die Traditionen, die Natur zu sehr, um wegzugehen.

Man könne den jungen Menschen nicht vorwerfen, dass sie gehen, sagt die Politologin Alida Vracic. „Schauen Sie sich die Headlines zu Bosnien an! Da liest man immer dass das Land an der Kippe steht. Da verliert man als junger Mensch schnell die Perspektive und übersieht, was man selbst im Kleinen verändern könnte.“

 

Der Meinung ist auch Iman, eine Wirtschaftsstudentin Anfang 20 in Sarajevo.

„Weggehen ist egoistisch“, sagt sie. Sie jedenfalls werde hier bleiben. „Bosnien hat so viel durchgemacht. Ich habe den Krieg nicht erlebt, aber meine Familie, mein Vater, sie haben hier ausgeharrt und für dieses Land gekämpft. Bosnien ist es wert, darum zu kämpfen! Das schulden wir uns und unseren Familien.“ Wer will, glaubt Iman, der wird auch einen Job finden. „Vielleicht nicht gleich den Traumjob, aber genug, um in diesem schönen Land zu leben.“