Selbst Polizisten feierten den Abgang von Präsident Morales ins Exil

 

© APA/AFP/DANIEL WALKER

Reportage
11/19/2019

Bolivien: Blockaden, brennende Häuser und Demos mit Toten

Nach der Flucht von Evo Morales: Die zwei Polit-Lager in unversöhnlicher Front-Stellung – der Andenstaat versinkt im Chaos.

von Tobias Käufer

Evo Tyrann“ haben die Gegner des Ex-Präsidenten Evo Morales auf die blaue Mauer des Hauses gemalt. Hier im Zentrum der heimlichen Hauptstadt Boliviens, Santa Cruz de la Sierra, war einmal die Wahlkampfzentrale der sozialistischen Regierungspartei MAS untergebracht. Bis Gegner der Regierung kamen und versuchten, das Haus anzuzünden. Inzwischen ist es leergeräumt, kaputte Lampen hängen von der Decke, vor dem Gebäude liegen verkohlte Balken. Die tropische Hitze tut ihr Übriges: Kakerlaken laufen über die Fußböden, Fliegen kümmern sich um einen Haufen Erbrochenes.

Erzkatholik als Morales-Gegenspieler

Die Zerstörer kamen, als die Vorwürfe des Wahlbetruges gegen den früheren Präsidenten immer lauter wurden. Den 20. Oktober und den Tag danach werden sie hier in Santa Cruz, einer Oppositionshochburg, nicht vergessen. Zuerst brach Jubel aus, als die Wahlbehörde eine Stichwahl in Aussicht stellte. Doch dann stoppte die Auszählung, kein Strom, kein Internet. Am nächsten Tag lag plötzlich Evo Morales vorne, der sich schon am Abend zuvor zum Sieger im ersten Durchgang erklärt hatte.

Danach rief das Bürgerkomitee „Pro Santa Cruz“, eine Einrichtung, die es schon seit Jahrzehnten gibt, zum Generalstreik auf. Zu den Versammlungen strömten am Ende mehr als hunderttausend Menschen. Ihr Präsident ist Luis Fernando Camacho, ein erzkatholischer Anwalt und Familienvater, der in der Krise so etwas wie der Gegenspieler von Morales wurde.

Interimspräsidentin

Seitdem ist in Bolivien nichts mehr, wie es war. Die extremen Kräfte beider Lager zünden Häuser an. Ein Universitätsrektor, der von Morales-Anhängern schon unmittelbar nach der Wahl verprügelt worden war, musste später mit ansehen, wie seine Unterkunft in Flammen aufging. Auch einem indigenen Gewerkschaftsführer, der Morales öffentlich Wahlbetrug vorwarf, wurde das Haus abgefackelt. Genauso brutal reagiert die Gegenseite. Gegner der aktuellen Regierung attackierten die Wohnungen und Häuser von MAS-Funktionären und Politikern, Verwandte von Morales mussten um ihr Leben bangen.

Inzwischen wird nicht nur verbrannt, sondern auch gestorben. In Cochabamba kam es zum Desaster. Ein Demonstrationszug von Koka-Bauern aus der Hochburg von Morales wollte in die Stadt ziehen, doch die Polizei baute einen Ring um die Stadt. Dann fielen Schüsse. Am Ende des Tages gab es neun Tote und heftige Vorwürfe aus den Reihen der Demonstranten. Sie werfen der Interimsregierung von Übergangspräsidentin Jeanine Anez vor, für die Gewalt verantwortlich zu sein.

Evo Morales spricht von einem Massaker und dem Beginn einer Militärdiktatur. Ein Dekret von Anez erlaubt dem Militär, offenbar jede notwendige Maßnahme zu ergreifen, um die Ordnung im Land wieder herzustellen. Aus der Regierung kommen Vorwürfe, die Schüsse seien aus den Reihen der Demonstranten gekommen, um die Regierung zu diskreditieren.

Versorgungsengpässe

Die Demonstranten fordern den Rücktritt von Anez und drohen damit, das Land lahmzulegen. In Santa Cruz und in La Paz sind inzwischen erste Versorgungsengpässe zu spüren, die Blockaden von Fernstraßen zeigen ihre Wirkung. Anez wirft dem Morales-Lager vor, gezielt die Städte blockieren zu wollen.

Die Übergangspräsidentin wirkt mit Amt und Aufgabe überfordert, ihr gelingt es bisher nicht, Sicherheit und Ordnung im Land wiederherzustellen, dafür trifft sie politische Entscheidungen, die eigentlich nur ein vom Volk gewähltes Staatsoberhaupt treffen kann: Sie tritt aus Staatenbündnissen aus und erkennt den venezolanische Oppositionsführer Juan Guaido als Interimspräsidenten an.

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