John Bercow, Sprecher im Unterhaus

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Politik Ausland
09/10/2019

Best of "Mr. Speaker": "Seien Sie ein braver Bub!"

John Bercow ist durch den Brexit zu einer Berühmtheit geworden. Seine Ordnungsrufe sorgten auch außerhalb des Königreiches für Unterhaltung.

von Marie North

Im Zuge des Brexit-Dilemmas und schier endlos scheinender Debatten und Abstimmungen im britischen Parlament in London wurde Unterhaus-Sprecher John Bercow zu einer Berühmtheit. Seine Ordnungsrufe "Orrrrrrdeeeer, Orrrrrrdeeeer!" unterhielten nicht nur die britische, sondern auch die internationale Öffentlichkeit. Bercow sorgte in den Irren und Wirrungen der Brexit-Debatten aber vor allem für eines: Stabilität.

Am Montag erklärte der ursprünglich konservative Politiker vor dem Unterhaus seinen bevorstehenden Rücktritt. Bercow will sein Amt spätestens Ende Oktober niederlegen. An diesem Tag sollte/könnte/wird wohl nicht Großbritannien die EU verlassen.

Seine Ordnungsrufe im Zuge der Brexit-Debatten gegenüber britischen Abgeordneten aller Coleurs waren in der Vergangenheit nichts für Zartbesaitete. Hier ein kleiner Auszug:

"Versuchen Sie Ruhe zu bewahren und verhalten Sie sich wie ein Erwachsener oder raus hier! Wir werden es auch ohne Sie schaffen."

"Sie sind wirklich ein überspanntes Individuum – Sie sollten eintausend Mal schreiben: `Ich muss mich benehmen, wenn der Premier spricht.´"

"Seine Rolle ist einfach, seinen Kopf nickend in der entsprechenden Weise zu bewegen und Notizen hervorzuholen und zu tragen. Lärm ist nicht notwendig."

"Der Fraktionsführer hat absolut kein Recht, zu irgendeiner Zeit zu schreien."

"Benehmen Sie sich! Seien Sie ein braver Bub!"

"Er wird nicht niedergeschrien und kein Versuch, dies zu tun wird funktionieren, nicht heute, nicht morgen, zu keiner Zeit. Lassen Sie es sein, es wird nicht funktionieren und Sie sind auch nicht gut darin."

Die britische BBC hat ein paar der denkwürdigeren Ordnungsrufe des Mr. Speaker im britischen Unterhaus zusammengeschnitten.

In Anspielung auf den Brexit und den von vielen Seiten der britischen Politik abgelehnten Backstop (der Auffanglösung, die Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland verhindern soll) sagte er zum Schluss seiner Rücktrittserkärung am Montag: "Ich war der Backstop der Hinterbänkler".

Bercow war sichtlich gerührt

Sichtlich gerührt führte Bercow am Montag vor dem Parlament familiäre Gründe für seinen Rücktritt an. Der dreifache Familienvater habe versprochen, nicht noch einmal bei einer Wahl anzutreten. Nachsatz: Er habe vor, dieses Versprechen zu halten.

Applaus und Beifall eines großen Teils der britischen Abgeordneten war ihm danach sicher. Nicht unter den Applaudierenden waren die Brexit-Hardliner – zum Großteil auch aus seiner eigenen Partei, welche demonstrativ mit verschränkten Armen sitzen blieben.

Das Amt des Sprechers ist zwar neutral, also parteiübergreifend, zu führen. Trotzdem sammelte Bercow - er gilt als EU-Befürworter - über die Jahre viele Gegner, nicht zuletzt aus dem Lager der Brexit-Anhänger. 

"Während meiner Zeit als Sprecher habe ich versucht, die relative Autorität dieses Parlaments zu erhöhen, wofür ich mich absolut bei niemandem, nirgendwo, zu keiner Zeit entschuldigen werde", sagte Bercow am Montag im Parlament. Seine Mitgliedschaft in den Reihen der Tories war in seiner Amtszeit als Sprecher ruhend gestellt.

Herr der Debatten nahm die Dinge "mit einem gewissen Grad an Humor“

Mister Speaker hat durchaus auch inhaltlich etwas mitzureden. So ließ er eine dritte Abstimmung über Theresa Mays Brexit-Deal nur unter Bedingung zu, dass Änderungen vorgenommen werden. Dabei berief er sich auf eine 415 Jahre alte Regel, die kaum noch jemand parat hatte. Die Regierung musste sich beugen. Zudem verweigerte er dem US-Präsidenten Donald Trump Redezeit im britischen Parlament.

Angesprochen auf seine Vorgehensweise und seinen Sprachstil im britischen Parlament, erklärte er Anfang des Jahres in einem Interview mit der Welt: "Es ist besser die Dinge mit einem gewissen Grad an Humor zu nehmen, als alles furchtbar ernst zu nehmen."

Seine Frau und der Autoaufkleber

Besonders an seiner Biografie als Konservativer, der sich mit Labour-Unterstützung im Amt hielt, ist auch sein Familienleben. Seine Frau Sally ist Anhängerin der oppositionellen Labour-Partei. Sie zog einst ins Big-Brother-Haus ein. Außerdem prangte Anfang Jänner ein "Brexit-Mist"-Aufkleber auf dem Auto seiner Frau, der die Aufmerksamkeit eines konservativen Abgeordneten auf sich zog. Kritisch im Parlament darauf angesprochen, entgegnete Bercow gekonnt schlagfertig: "Ich bin mir sicher, der ehrwürdige Gentleman ist nicht einen Moment der Auffassung, dass die Ehefrau das Eigentum des Ehemanns ist." Debatte beendet.