Politik | Ausland
04.06.2017

London hält zusammen, doch der Wahlkampf geht weiter

In den ersten Reaktionen auf den abscheulichen Anschlag in London gestern Nacht mischte sich die makabre Routine des Schreckens mit überraschenden Gesten der Menschlichkeit.

So wie nach dem Attentat auf der Westminster Bridge vor zweieinhalb Monaten blieb der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan auch diesmal wieder seinem Protokoll treu, wonach diese feige Tat seine großartige Stadt nicht in die Knie zwingen würde.

Die Londoner helfen

Tatsächlich ging die Reaktion der Londoner aber weit über das gewohnte Klischee der steifen Oberlippe hinaus. Ähnlich wie vor knapp zwei Wochen in Manchester fanden sich mit dem Bekanntwerden des Polizeieinsatzes im Viertel Borough am Südufer der Themse sofort Taxifirmen, die via Soziale Medien anboten, Gestrandete gratis nach Hause zu bringen. Und das Ungewöhnlichste unter grundsätzlich misstrauischen Londonern: Anrainer öffneten den Leuten, die im Zuge des Polizeieinsatzes teils Nachtgewand aus Hotels getrieben wurden, die Türen und boten ihnen Unterschlupf an. Die Londoner Sikh-Gemeinde bot demonstrativ all ihre Tempel als Zufluchtsorte an, Ärzte und Krankenschwestern außer Dienst meldeten sich freiwillig zum Aushelfen in den Notaufnahmen der Spitäler, manche kamen wegen der zeitweise gesperrten Underground-Stationen aus weit entfernten Vororten angeradelt.

Fußballfan habe Attentäter gejagd

Wie am Morgen danach bekannt wurde, hatten sich einige Pub-Besucher bis zum Eintreffen der Polizei mit Stühlen eigenhändig gegen die mit Messern bewaffneten Attentäter gewehrt. Ein 47-jähriger, der in einem nahegelegenen Pub das Champions League Finale verfolgt hatte, behauptete gegenüber der Tageszeitung The Guardian, er habe gleich gemerkt, dass die Kanister an den Selbstmordwesten der Terroristen nur Attrappen gewesen seien. Schließlich habe er sie fünf Minuten lang gejagt und mit Flaschen beworfen: „Wenn das eine Bombe gewesen wäre, hätten die sich längst in die Luft gejagt.“

Am Tag danach präsentiert sich das aus Mangel an Alternativen stoische London zwar tatsächlich unverändert, zu dieser Art von Normalzustand gehört seit dem Anschlag von Manchester vor knapp zwei Wochen aber neuerdings auch die öffentliche Präsenz schwer bewaffneter Polizei, teils unterstützt von Soldaten in grüner Felduniform. Auf der öffentlichen Website des Geheimdiensts MI5 wird die Bedrohung durch Terrorismus derzeit auf der höchsten Stufe als „severe“ eingestuft.

Gescheiterte Strategie gegen den Terror

Die heutige Rede von Premierministerin Theresa May vor der Downing Street rief wiederum gemischte Reaktionen hervor. Einerseits hatten die Konservativen als erste Partei verlautbart, dass sie ihre Kampagne für die am Donnerstag stattfindenden Unterhauswahlen fürs Erste aussetzen würden, andererseits wurde Mays Aussage, es gebe „zu viel Toleranz für Extremismus in diesem Land“ allgemein als kaum kodierter Angriff auf ihren Rivalen Jeremy Corbyn aufgefasst, der nach Manchester ein Abgehen von der seiner Meinung nach gescheiterten Strategie des Kriegs gegen den Terror forderte.

Lord Ashcroft, einer der prominentesten Geldgeber und ehemaliger Vize-Chairman der Konservativen, scheute heute jedenfalls nicht davor zurück, den Anschlag konkret zu politisieren. Er schrieb auf Twitter: „Jeremy Corbyn muss mit einem Blumenstrauß und einer Bonbonniere nach Raqqa, Syrien, fahren, um über die Situation zu diskutieren.“

Näheres zu den Attentätern

Tatsächlich ist die Herkunft der Täter immer noch ungeklärt. In Barking, einem Vorort im Osten der Stadt, fand eine offenbar mit dem Attentat in Zusammenhang stehende Razzia statt, bei der zwölf Personen verhaften worden sein sollen. Einer der Attentäter, der dort gewohnt habe, soll laut Aussagen von Nachbarn pakistanischen Ursprungs sein.

Aber wie die irreführenden ersten Berichte von gestern Nacht zeigen, laut denen Terroristen Schusswaffen verwendet und an drei verschiedenen Orten gleichzeitig angegriffen hätten, sind Nachrichten dieser Art mit großer Vorsicht zu genießen. Nach dem Anschlag in Manchester hatte die britische Polizei die Geheimdienste in den USA kritisiert, weil jene voreilig vertrauliche Informationen über die Identität der Täter an die Medien weitergegeben und so die Ermittlungen gefährdet hätten.

Die Vorsicht der britischen Exekutive ist gut nachvollziehbar. Doch solange man mit Fakten geizt, fördert man wohl auch die Spekulationen.