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Politik Ausland
10/26/2020

Auslandsösterreicher in den USA: "Ich will Trump loswerden"

Wie sie denken, wie sie wählen, sofern sie wählen dürfen. Trump-Fans sind selten, doch auch Joe Biden "wird der Welt keinen Haxen ausreißen".

Auslandsösterreicher müssen sich in den USA oft anhören, dass sie ja aus einem "sozialistischen" Teil der Welt kommen. Wenn sie dann erklären, dass jeder Österreicher eine Krankenversicherung hat und fünf Wochen Urlaub, im Unterschied zu Amerikanern, die mit zwei Wochen auskommen müssen, ist das Staunen oft groß.

Die Alte und die Neue Welt driften auseinander – auch in der Frage, wer der mächtigste Mann der Welt sein soll, wenn nach dem Wahltag am 3. November die Stimmen ausgezählt werden.

Laut Umfragen führt Joe Biden, doch Donald Trump flutet die Haushalte gerade mit Wahlkampfpost. Da wird etwa vor dem „linken Mob“ gewarnt, sollte Biden gewinnen und vor exorbitanten Steuererhöhungen. Verschwiegen wird dabei, dass diese Steuererhöhungen erst ab einem Jahreseinkommen von 400.000 Dollar schlagend würden.

Das Trump-Lager verschickt mehr als 20 Mails pro Tag an mutmaßlich republikanische Wähler. Darunter sind auch "persönliche Einladungen", die klingen als hätte sie der Präsident selbst geschrieben: "Der 3. November wird in die Geschichte eingehen als die Nacht, in der wir VIER WEITERE JAHRE gewonnen haben. Es wird absolut GEWALTIG sein, und das Einzige, was es besser machen könnte, ist, DICH dort zu haben. Wir werden für Deinen Flug, das Hotel und die VIP-Pässe zur Veranstaltung aufkommen", allerdings muss man, um den Trip gewinnen zu können, erst einmal ordentlich spenden.

Honorarkonsul Gerald Seidl und Michele LaNoue
Unternehmer, Houston

In den Spiegel schauen

"Vor vier Jahren war der Trump unbeliebt, aber das kleinere Übel wegen der  noch unbeliebteren Clinton. Ich darf ja nicht wählen, aber meine Frau und meine Tochter sind eingefleischte Demokratinnen. Sie machen Telefondienst und versuchen, Wähler zu überzeugen.  Keiner erwartet, dass der Biden der Welt einen Haxen ausreißt. Aber wer sich in den Spiegel schauen will, muss ihn wählen. Biden könnte so eine Art Bundespräsident werden, eine Vaterfigur, die die vollkommen zerstrittenen Lager wieder eint. Derzeit ist ein normaler Dialog zwischen Anhängern der Demokraten und Anhängern der Republikaner nicht möglich. Das zieht sich sogar bis ins Privatleben. Ich glaube, dass Donald Trump mit seinem miserablen Coronamanagement und seinem schlechten Benehmen den Bogen überspannt hat. Jetzt hat er auch noch den Dr. Fauci beschimpft, der fünf Präsidenten gedient hat und als äußerst integer gilt.

Martin Veit (42)
Angestellter, Waitsfield, Vermont

Bei Trump-Sieg auswandern

Martin lebt mit seiner Frau und seiner fünfjährigen Tochter im idyllischen Waitsfield, Vermont. Die Lage dort, sagt er, sei wesentlich entspannter als in vielen anderen Teilen des Landes. Sowohl, was Covid-19 betrifft, als auch, was die Polarisierung vor der Wahl angeht.

Vermont geht bei den Präsidentschaftswahlen immer an die Demokraten, der Gouverneur ist aber Republikaner, schon allein das spricht für die gemäßigte Stimmung in dem Bundesstaat.

Sollte Trump aber gewinnen, sagt Martin Veit, würde die Familie überlegen, nach Europa zu gehen, obwohl sie das Leben in Vermont "ideal" findet. "Es wäre schade, das aufzugeben wegen so einer Person", ärgert sich Martin, "aber es steht so viel auf dem Spiel. Umwelt und andere Gesetze, wie das Land nach außen repräsentiert wird. Das hat direkten Einfluss auf das Leben unserer Tochter und wir wollen das mit unseren Steuern nicht weiter unterstützen. Wir sind drei Personen, haben aber nur eine Stimme – die meiner Frau.

Joe Biden empfindet die Familie auch nicht als ideal. Aber als "das geringere Übel".

Lisa S. (59)
Krankenschwester, San Antonio, Texas

Welch ein Fehler

Ich habe 2016 für Trump gestimmt. Ich bin eine Konservative und dachte, wie viele andere Amerikaner auch, dass Trump  die US-Regierung „reparieren“ würde. Ich dachte: "Er ist ein Geschäftsmann und kein Politiker. Er wird Washington wie ein Unternehmen führen." Ich entschuldigte seine Persönlichkeit, dachte, er hätte einfach dieses New Yorker Gehabe. Oh, wie falsch ich lag! Welch ein Fehler, den die USA vor vier Jahren begangen haben. Trump hat bewiesen, dass er nichts anderes ist als ein narzisstischer, spaltender, ineffektiver Anführer. Er hat sich von vielen unserer Verbündeten abgewendet, er macht nichts anderes als weit rechts stehende Milizen zu ermutigen, wo er uns doch  helfen sollte, das Land zu einen. Ich habe Freunde, gebildete Freunde, die immer noch denken, Trump sei unser Retter. Das kann ich nicht verstehen. Es bricht mir das Herz, was aus unserem einst stolzen Land wurde. Ich bin nicht glücklich über unsere Wahlmöglichkeiten, ich lehne Kamala Harris ab, weil sie zu weit links steht. Aber im Moment will ich nur Trump loswerden. Er ist eine Schande. Ich hoffe, dass genug Konservative im Kongress übrig bleiben, um ein Gegengewicht zu Joe Biden zu bilden, wenn er - hoffentlich - gewinnt. 

Daniela Jauk (45)
Soziologin, Akron, Ohio

Trennung Stadt-Land

"Hier in der Stadt und natürlich an der Universität hoffen alle auf einen Sieg von Joe Biden. Viele sind aber noch skeptisch, sie sind immer noch geprägt vom überraschenden Sieg Trumps 2016. Der übergroße Optimismus hat sich hier noch nicht durchgesetzt. Wenn ich aber die Stadt verlasse, hinaus aufs Land fahre, da verändert sich  schon in den Vorstädten das Bild. Da verschwinden allmählich die Werbetafeln für Biden-Harris in den Vorgärten und die oft übergroßen Trump-Pence-Schilder werden immer mehr. Man darf nicht vergessen, dass es immer noch sehr viele Amerikaner gibt, die Trump einfach dafür mögen, dass er kein typischer Politiker ist. Die glauben, was er sagt, ob über Covid oder über China. Das sind keine gemeinen, oder dummen Menschen, meist kleine Geschäftsleute, die sich von der Politik ohnehin nicht vertreten fühlen.  Da geht es nicht um Fakten, sondern um Glauben. Das ist ein sehr religiöses Land."

Stefan L. (35)
Unternehmer, Grand Rapids, Michigan

Würde Trump wählen

"Wenn ich wählen dürfte, würde ich Trump wählen." Das klingt erst mal hart.

Stefan L. ist Österreicher und mit einer US-Amerikanerin im Swing State Michigan verheiratet. Jedes Jahr verbringt er mehrere Monate dort. Auch ein Unternehmen hat der 35-jährige Wiener in den USA gegründet.

Schon allein das sei ein Grund, am 3. November das Kreuz bei den Republikanern zu machen, ist er überzeugt. "Nicht falsch verstehen! Es geht nicht um Trump als Person." Doch für das „was auf die USA in den nächsten vier Jahren zukommt, hätte ich lieber Trump als Biden als Präsidenten“. "Firmen verlassen demokratisch geführte Staaten, weil sie mit den Regeln nicht mehr klarkommen", nennt er als Beispiel.

Ihn ärgert, wie sich Menschen in Österreich über die USA informieren – "verkürzt" und "einseitig". Sie seien dann voreingenommen gegenüber Trump. Manchmal holt Stefan bei Gespräch über die USA dann die Trump-Kappe raus . Wenn jemand sich sicher fühlt, sich "über Trump auskotzen" zu können, verlaufe das Gespräch oft gleich. Auf diese Weise kommen mehr Diskussionen zustande.

Man dürfe nicht vergessen: "Trump ist kein Politiker. Er stellt Fragen, wie normale Menschen sie stellen würden. Die Leute haben mit ihm jemanden, hinter den sie sich stellen können."

Im Endeffekt, sagt der Wiener, sei er aber doch froh, dass er in den USA nicht wählen muss.

Susanne Belovari  (57)
Uni-Professorin in Illinois, Champaign-Urbana

Gewalttätige Ausschreitungen

"Im Sommer habe ich mit gewalttätigen Ausschreitungen nach den Wahlen gerechnet. Jetzt bin  etwas optimistischer.  Einerseits, weil es Gewalt  wie die versuchte Entführung einer demokratischen Gouverneurin  schon gegeben hat; zum anderen, weil es jetzt danach aussieht, dass Trump mit großem Abstand verliert. Sicher bin ich mir aber nicht.

Wenn er noch eine Zauberkarte zieht, wofür er immer gut ist, dann könnte er noch gewinnen. Aber ich glaube, dass sich seine Masche der Skandalisierung totgelaufen hat. Wer immer Wolf, Wolf, Wolf, schreit, der regt niemanden mehr auf", sagt die Wienerin, die als Professorin an der University von Illinois at Champaign-Urbana forscht. "Illinois ging 2016 an die Demokraten – aber nur wegen Chicago und meiner Uni-Doppelstadt mit ihren bis zu 50.000 Studenten und Tausenden Lehrenden.

Die Landbevölkerung ist auch hier pro Trump, doch Covid hat ihn viele Wähler, vor allem in den Vororten, gekostet."

Markus Leskovar (47)
Tourismusmanager, Chicago, Illinois

Familien gespalten

"Diese vier Jahre Trump haben nicht nur das Land gespalten, sondern auch Freunde und Familien. Über Politik kann man mit manchen Freunden einfach nicht mehr reden.

In der Politik gilt für viele Amerikaner eine Teamtreue wie im Sport, wenn man Republikaner, ist, dann bleibt man auch dabei, viele auch wenn sie mit Trump nicht einverstanden sind. Da Land geht ja ohnehin seit Jahren in die falsche Richtung. Das Sozialsystem und die Infrastruktur wie Straßen und Brücken bröckeln.

Viele Belastungen für den Mittelstand, etwa bei der Krankenversicherung, sind ständig größer geworden. Gerade krank zu werden, und das ist gilt natürlich besonders in Zeiten der Pandemie, treibt viele Amerikaner in den Ruin, da hilft dann nur noch der Privatkonkurs.

Trumps Steuererleichterungen haben ja vor allem den Superreichen geholfen, für den Mittelstand macht sich das kaum bemerkbar, aber Fakten zählen bei diesem Präsident ohnehin nicht. Vier weitere Jahre Trump hält dieses Land nicht aus."

Isabella Gady (34)
Selbständig, Brooklyn, New York

Polarisierte Gesellschaft

Isabella Gady und ihr Mann haben ihre sozialen Kontakte in den vergangenen Monaten stark eingeschränkt. Mit dem Management der Corona-Krise war die Niederösterreicherin vor allem am Anfang enttäuscht. "Sowohl auf Bundesebene, als auch auf bundesstaatlicher Ebene wurde viel zu lange gewartet", sagt sie. Mit den Maßnahmen des Gouverneurs von New York ist sie mittlerweile zufrieden, auch der Großteil der Bevölkerung scheint sie anzunehmen.

Ärgerlich findet Isabella Gady die Polarisierung der Gesellschaft und was sie für einen Rattenschwanz hinter sich her zieht. "Man bemerkt das im Privaten und im öffentlichen Leben. Nuancen und Grautöne werden einfach nicht mehr gehört. Vielmehr wird eingefordert, dass man sich deklariert, auf welcher Seite man steht." Für den politischen Diskurs sei das nicht gut.

Dem Wahlkampf entkommen Isabella Gady und ihr Mann nicht, auch, weil sie beide in einem stark politischen Umfeld leben. Sie freut sich auf das Durchatmen, wenn die Wahl erledigt ist, befürchtet aber noch "den einen oder anderen Tumult", wenn es um die Aufklärung des endgültigen Ergebnisses geht.

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