Hoch hinaus:  Wer in China etwas erreichen will, muss selbst aktiv werden – das fördert der Staat zwar, mehr Freiheiten garantiert er seinen Bürgern deshalb aber nicht.

© REUTERS/CHINA STRINGER NETWORK

Jedem Chinesen sein eigener Traum
08/15/2014

Jedem Chinesen sein eigener Traum

Chinas Mittelschicht will hoch hinaus – für die Ein-Parteien-Regierung eine potenzielle Gefahr.

von Evelyn Peternel

Lin Caitong nennt sich selbst lieber "Rainbow", ihren echten Namen mag sie nicht. Rainbow ist international, Rainbow klingt danach, wovon die junge Frau träumt: "Ich will keine Millionärin sein", sagt die 24-Jährige aus dem südchinesischen Jieyang. "Aber ein bisschen was hätte ich schon gern. Wie mit meinem Geschäft ins Ausland zu expandieren", sagt sie und beginnt zu lachen.

Rainbow ist eine von vielen Glücksrittern, die den Traum vom Wohlstand in der Selbstständigkeit suchen: Neben ihrem Uhren-Laden, der aus nicht viel mehr als einer Vitrine, einem Plastiktisch und einem Ventilator besteht, reihen sich Dutzende andere kleine Geschäfte. Viele der Gründer in der sieben Millionen Einwohner zählenden Stadt haben sich dafür verschuldet.

Xi Jinpings Traum

Die Inspiration dazu kam aber von ganz oben: Als Xi Jinping 2013 sein Amt als Präsident antrat, gab er seinen mehr als 1,3 Milliarden Landsleuten ein neues Motto mit auf den Weg: "Erfüllt euch den chinesischen Traum!" Wirtschaftsreformen sollten den Weg dazu ebnen, der Gang in die Selbstständigkeit wird erleichtert. Jeder habe die Chance, reich zu werden, heißt es plötzlich im einst sozialistischen China – denn die komplette Liberalisierung des Marktes steht bevor, der tatkräftige Einsatz des Einzelnen ist dafür gefragt. Eingebläut bekommt man diese Idee seither auf grell leuchtenden Plakatwänden – und auch in den von der Partei kontrollierten Medien ist der "chinesische Traum" allgegenwärtig.

Bill Gates als Vorbild

Diese Botschaft ist auch bei Huan Rongxin angekommen. "Auch Bill Gates hat in einer Garage angefangen", sagt der 33-Jährige, der gemeinsam mit seinem Cousin Yang Xi Qong das Geschäft neben Rainbows Laden führt. Die beiden verkaufen seit Kurzem Föhns übers Internet, der Erfolg stellt sich aber erst langsam ein. Wie Rainbow haben auch sie zuvor in einer Fabrik gearbeitet – und wollten weg von der Lohnarbeit, so wie Millionen andere Chinesen. Jetzt sind sie Teil eines Förderprogramms: "Unser Kredit ist vergünstigt, und die ersten drei Jahre sind wir steuerbefreit", sagen die beiden stolz. Das Risiko tragen sie aber allein: "Deshalb arbeiten wir auch von 9 Uhr morgens bis Mitternacht." Drei Menschen können davon leben, bei Rainbow sind es schon sechs.

China ist nicht Amerika

Viel Zeit zum Nachdenken bleibt da nicht. Dass die großen Reformen nur auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes abzielen und kaum auf die wirkliche Entfaltung Einzelner, lassen die drei Jungunternehmer deshalb auch unerwähnt. Sie leben nur den "amerikanischen Traum" des materiellen Wohlstands – nicht aber jenen von bürgerlichen Freiheitsrechten. Selbstbestimmtheit garantiert Xis Reform nämlich nur im ökonomischen Sinne, nicht im demokratischen.

Der Aufstieg der Chinesen birgt auch potenzielle Gefahren. Mehr Verdienst bedeutet oft mehr Bildung – und damit auch die Forderung nach mehr Freiheit, wie eine Studie der Uni Bayreuth kürzlich gezeigt hat: "Höhere Pro-Kopf-Einkommen stärken demokratische Strukturen", schreiben die Studienautoren – und dies trifft mittlerweile auf bis zu 300 Millionen Menschen zu, die der neuen chinesische Mittelschicht angehören. "Es wird spannend sein zu beobachten, ob China auf Dauer am autoritären Einparteiensystem festhalten kann, falls der Lebensstandard weiter steigt."

Geschätzte 180.000 Aufstände pro Jahr zeugen jetzt schon von diesem Unbehagen, wie die Wiener Sinologin Susanne Weigelin-Schwiedrzik (siehe Interview) sagt – von Parteiseite bestätigt sind diese Zahlen freilich nicht. Die Reformen sollen deshalb vor allem den Status der Partei einzementieren. Mediale Feldzüge, noch stärkere Zensur und Anti-Korruptionskampagnen sollen ihr Ansehen stärken – und "verhindern, dass aus dem Funken ein Flächenbrand wird", wie die Sinologin sagt.

Hoher Besuch

Rainbow und ihre Mitstreiter sind derzeit aber noch mit Geldverdienen beschäftigt: Für die junge Frau zählen der soziale Aufstieg und die damit verbundene Aufmerksamkeit. Dass ihr der Bürgermeister der Sieben-Millionen-Stadt einen Besuch abstattet, hat für sie deshalb keinen Beigeschmack. Ihre Augen leuchten, als der Parteikader – der vom zeitgleichen Journalistenbesuch aus Europa wusste – ihr Geschäft lobt. Es sei "ein Vorzeigebetrieb", lässt er uns wissen, als er den Laden wieder in einem der ärmsten Bezirke der Stadt verlässt. Rainbow träumt derweil weiter davon, Karriere zu machen – auch außerhalb Chinas.

Die Autorin hat während ihrer China-Reise einen Blog verfasst - nachzulesen hier.

Die Partei reagiert mit Gewalt

KURIER: Wie sehen Sie die derzeitigen Reformbestrebungen in China?

Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Vizerektorin der Uni Wien: Das Land ist sehr polyphon, die Diskussion ist sehr vielstimmig. Das ist zum einen eine gute Nachricht – weil es Polyphonie gibt. Zum anderen zeigt es aber, dass der Staat die Gesellschaft nicht im Griff hat. Das registriere ich seit 2010.

Ist die Reform ein Knackpunkt für die Partei?

Es gibt derzeit drei zentrale Themen in China: Die wirtschaftliche Entwicklung mitsamt der massiven Zahl an Arbeitslosen; das Umweltproblem, das nicht nur in Peking, sondern vor allem im Westen ganz massiv ist, und das gesellschaftliche Problem der Verteilungsgerechtigkeit. Das Reformpapier konzentriert sich nur darauf, die Leute "in Lohn und Brot" zu halten, nicht auf Umwelt- oder Sozialprobleme. Die Partei denkt, wenn das Problem des Wirtschaftswachstums erledigt ist, würden sich die anderen Probleme von selbst lösen.

Jetzt wäre jetzt eigentlich die Gelegenheit, für etwas wirklich Neues – eine ressourcenschonende Industrialisierung. Der Staat ist da zwar nicht dagegen, aber zu ängstlich. Die Chinesen fühlen, dass sie vom Westen immer ausgebeutet worden sind – und jetzt wollen sie das nachholen. Das letzte Ziel ist, reich zu werden, dafür muss man das nun hinnehmen.

Wieso lässt man die Verteilungsgerechtigkeit außer Acht?

Die hat man mit Bo Xilai ins Gefängnis gesteckt (Anm.: Bo Xilai war ein Xi Jinping nicht zu Gesichte stehender Parteikader, der 2013 wegen Korruption verurteilt wurde). Gewisse Aspekte seiner Ideen finden sich zwar noch in Xis Politik, im Reformpapier selbst wird die Frage der Verteilungsgerechtigkeit aber nicht offen angesprochen. Vor Präsident Xi war der Stellenwert der sozialen Sicherheit größer. Er schürt stattdessen den Hass der Menschen auf korrupte Kader – ein Ablenkungsmanöver und ein politisches Instrument gegen jene, die einem nicht passen.

Gibt es – auf unterster Ebene – politische Gegenbewegungen? Gibt es merkbare Unruhen?

Das ist das vierte Problem der Partei – die Demokratisierung. Derzeit gibt es aber keine politische Kraft, die in der Lage ist, eine solche einzuleiten – aber es gibt unzählige Aufstände in China. Die inoffiziellen Schätzungen belaufen sich auf 180.000 pro Jahr. Es gab Zeiten, da hat die KP die Unruhen sogar mitgezählt, da waren es an die 80.000 im Jahr, vor allem am Land. Jetzt ist dies auch massiv in den Städten zu spüren, ein tagtägliches Ereignis.

Wie reagiert die Partei darauf?

Man merkt, dass sich die Partei mit Gewalt und politischer Eindämmung dagegen zur Wehr setzt. Man will verhindern, dass "aus dem Funken ein Flächenbrand wird", wie Mao gesagt hat; man will ein Exempel statuieren. Dass eine Bewegung auf Grassroot-Level die Regierung auszuhebeln versucht – wie etwa in Ägypten –, ist sehr schwer vorstellbar. Eine Alternative zu einem solchen Umsturz wäre derzeit die Herrschaft des Militärs – es ist die einzige Organisation, die die vorhandenen Strukturen dafür hätte.

Ist das nur eine theoretische Möglichkeit? Oder sehen Sie solche Tendenzen?

Das ist eine Option, die es ganz klar gibt. Ich glaube, es gibt im chinesischen Militär solche Kräfte – Leute, die die Führung übernehmen wollen, wenn die Partei zusammenbricht oder zu "verrotten" droht. Das derzeitige Säbelrasseln gegenüber Japan dient dazu, das Ansehen des Militärs zu erhöhen. Und es ist schließlich die einzige Organisation, die die Partei ersetzen könnte – es wäre auch die einzige Kraft, die einen Bürgerkrieg verhindern könnte.

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