Epsteins Falle schnappt zu: Andrew in Gewahrsam
Von Anna-Maria Bauer aus London
Es hat zwar ein Vierteljahrhundert gedauert. Doch dann ging auf einmal alles ganz schnell.
Zielsicher rumpelten am Donnerstag kurz vor 8 Uhr zivile Polizei-SUVs Richtung Wood Farm im ostenglischen Norfolk über den Schotterpfad. Kurz danach vermeldete die Thames Valley Police: Sie habe „einen Mann, Mitte 60, aus Norfolk“ festgenommen; er befinde sich in Polizeigewahrsam.
Wenig später trafen die Eilmeldungen im ganzen Land ein: Andrew Mountbatten-Windsor, der stets seine Unschuld beteuert hatte, war an seinem 66. Geburtstag wegen Fehlverhaltens im öffentlichen Dienst festgenommen worden. Sein früherer Wohnsitz, Royal Lodge in Windsor, wurde polizeilich durchsucht.
Erstmals seit 379 Jahren dürfte damit ein direktes Mitglied der britischen Königsfamilie in Gewahrsam genommen worden sein (zuletzt wurde König Charles I. von den Parlamentariern im Zuge des Englischen Bürgerkriegs festgenommen). Sollte es zu einer Anklage kommen, tritt der kuriose Fall ein, dass die britische Krone eines ihrer eigenen Mitglieder, den Achten in der Thronfolge, verurteilt.
„Das Gesetz muss seinen Lauf nehmen“, ließ König Charles III. Donnerstagmittag in einer knappen Pressemeldung mitteilen. Der royale Kodex, Skandale kommentarlos auszusitzen, gilt bei Andrew schon seit einiger Zeit nicht mehr; zu gravierend ist der Tatbestand. „Die Ermittler“, ergänzte König Charles, „haben unsere uneingeschränkte und vorbehaltlose Unterstützung und Zusammenarbeit“.
E-Mails an Epstein
Der Haftbefehl gegen Andrew Mountbatten-Windsor dürfte die Folge der jüngsten veröffentlichen Epstein-Files sein. In den drei Millionen Seiten, die das US-Justizministerium Ende Jänner herausgab, waren nicht nur Dokumente, die scharfe Verfehlungen des früheren britischen Botschafters in Washington, Peter Mandelson, offenlegten (und damit seinen Besteller, Premier Keir Starmer, in die Bredouille brachten).
Es kamen auch eMail-Verläufe ans Licht, laut denen Andrew zu seiner Zeit als Handelsdelegierter vertrauliche Regierungsdokumente an Epstein weitergeleitet haben dürfte. Reisepläne, Inhalte von Wirtschaftsgipfeln, Investitionsmöglichkeiten. Am 9. Februar nahm die Thames Valley Police erste Ermittlungen auf, zehn Tage später kam es zur Festnahme.
Die royale Historikerin Tessa Dunlop reagiert auf die Ereignisse mit gemischten Gefühlen: Die Festnahme komme nicht nur knapp 20 Jahre, nachdem die Australierin Virginia Giuffre erste Anschuldigungen gegen den früheren Prinzen erhoben hatte – die Anzeige erfolge auch nicht als Folge der „außergewöhnlichen Überlebenden“, die tapfer ihre Geschichte geteilt hätten.
Giuffres Gedenken
Zur Erinnerung: 2009 gab Virginia Giuffre das erste Mal an, acht Jahre zuvor, im Alter von 17 Jahren, vom verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein in Ghislaine Maxwells Londoner Stadtresidenz zum Sex mit dem damaligen Prinzen gezwungen worden zu sein. Zwei Jahre später veröffentlichte die Mail on Sunday ein Foto, das Andrew in unmissverständlicher Pose mit seinem Arm um Virginia Giuffres Hüften zeigte. Andrew bestritt stets jegliches Fehlverhalten, soll 2022 jedoch 12 Millionen Pfund (umgerechnet 13,7 Millionen Euro) für eine außergerichtliche Einigung gezahlt haben.
Als im Herbst 2025, ein paar Monate nach Virginia Giuffres Selbstmord, ihre Memoiren veröffentlicht wurden und neue eMails auftauchten, die eine Freundschaft zwischen Andrew und Epstein auch nach dessen Verurteilung andeuteten, sah sich zumindest der britische Palast gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen. Im Oktober wurden Andrew alle Titel und royalen Ämter entzogen. Die Thames Valley Police dürfte nun jedoch aufgrund seines Fehlverhaltens als Handelsdelegierter aktiv geworden sein.
Königshaus in der Krise
Obwohl die britische Krone für ihre Verhältnisse zuletzt ungewöhnlich drastisch agierte, könnte die Causa Nachwirkungen haben. Es herrscht vermehrt Unverständnis, wieso Andrew so lange der Rücken gedeckt wurde. Warum er auch nach dem Entzug seiner Titel in einem Landhaus mit fünf Schlafzimmern logieren durfte.
Am Donnerstag fanden sich neben den üblichen Touristen vor dem Buckingham Palace aber nur Fernsehteams, keine Demonstranten ein.
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