Donald Trump: Einfache Worte schaffen eine einfache Welt.

© Reuters/Kevin Lamarque

Interview
11/03/2019

Trumps Sprache: "Er hat Schwierigkeiten mit der Konzentration"

Die Rhetorik des US-Präsidenten sei simpel und dabei gefährlich, sagt die französische Übersetzerin Bérengère Viennot.

von Lukas Kapeller

Die Sprache von Donald Trump ist schlichter und infantiler als jedes US-Präsidenten vor ihm.

"So sad", könnte man mit einem Trump-Zitat gleichmütig sagen. Doch die französische Übersetzerin Bérengère Viennot warnt: Der Mann, der die USA seit drei Jahren regiert, ermutigt die Menschen, die Welt in Gut und Böse zu teilen. Das sei nicht nur ästhetisch schlimm, sondern auch brandgefährlich.

Trumps Sprache sei schließlich selbst gewalttätig und provoziere zu körperlicher Gewalt, schreibt Viennot in ihrem bissigen Essay "Die Sprache des Donald Trump", der nun auf Deutsch erschienen ist. Der KURIER fragte sie über das Wesen von Trumps Rhetorik und das "Wagnis", ihn zu übersetzen.

KURIER: Wenn wir uns jemanden vorstellen, der die vergangenen Jahre im Koma lag und von Donald Trump nichts mitbekommen hat, wie würden Sie dessen Sprache erklären?

Bérengère Viennot: Die Sätze sind kurz, seine Sprache ist sehr schlicht. Trumps Wortschatz ist gering und der Satzbau voller Fehler. Als Übersetzerin fiel mir auf, er verwendet einfache Verben wie "haben", "sein" und "werden" und ergänzt sie mit vielen Adjektiven. Das ist eine sehr persönliche Sichtweise, aber ich denke, er hat Probleme mit der Sprache und auch mit der Konzentration. Ich glaube, er hat auch Lernschwierigkeiten.

In Ihrem Buch schreiben Sie, man muss sich als Übersetzerin auch "trauen, Trump zu übersetzen". Wie meinen Sie das?

Trump spricht anders als Politiker vor ihm. Ganz am Anfang habe ich ihn übersetzt wie andere Politiker. Schnell merkte ich aber, dass sich die Übersetzung sehr falsch anfühlt.

Wo war das Problem bei Trump?

Wir Übersetzer transportieren nicht nur Worte, sondern eine Botschaft. Es geht immer darum, wer etwas sagt und in welchem Kontext. Bei Trump waren die Botschaften aber schwer zu erkennen.

Warum?

Trump sagt meistens nichts Konkretes, seine Botschaften sind oft unklar. Oder es geht um seine Erfolge und seine Gegner. Wir Übersetzer standen vor der Wahl: Übermitteln wir die Botschaft, so wie er sie auf Englisch gesagt hat? Das Ergebnis war ein ziemlich schrecklicher Satz auf Französisch, der wenig Sinn ergab. Oder übertragen wir seine Botschaften, wie das Übersetzer in der Regel machen, in schöne, verständliche Sätze in unserer Muttersprache? Anfangs taten wir Übersetzer dies bei Trump, um ihn verständlicher zu machen. Das ließ ihn aber klüger und höflicher aussehen, als er tatsächlich ist.

Man muss Trump also wörtlich übersetzen, um ihn nicht weichzuzeichnen?

Ja. Wenn wir Übersetzer bei Trump einen guten Job machen wollten, mussten wir eine schlechte Übersetzung liefern. Seit Jänner 2017 übersetze ich ihn so, wie er wirklich spricht, und das tun mittlerweile alle französischen Blätter.

Der US-Präsident dürfte aber auch einiges richtig machen. Der amerikanische Redenschreiber Barton Swaim attestierte ihm, Trumps Sätze seien wenigstens kurz und pointiert. Er sei fast so unterhaltsam wie ein Stand-Up-Komiker.

Trump ist ein sehr guter Kommunikator. Er weiß, wie man zu Leuten spricht und sie für sich gewinnt. Wie gesagt sind seine Sätze kurz, das hat wohl etwas mit seiner Denkweise zu tun. Es ist zugleich wirkungsvoll, weil wir in unserer Gesellschaft keine langen Sätze hören wollen. Wir wollen Werbung und Pointen. Wenn wir jemandem zuhören, möchten wir am liebsten eine schnelle und starke Emotion erleben. Ich denke, Trumps Sprache ist viel mehr Propaganda als echte Politik.

Was macht er sonst handwerklich gut?

Nehmen Sie den Wahlkampf gegen Hillary Clinton um die Präsidentschaft 2016. Er rief seinen Anhängern entgegen "Lock her Up" ("Sperrt sie ein", Anmerkung der Redaktion). Wenn man einer Menschenmenge ein paar Wörter zuruft, die sie wiederholen kann, ist das sehr wirkungsvoll. Auch die Spitznamen für seine Gegner sind sehr gut, wie "Crooked Hillary" für Clinton oder "Nervous Nancy" für die Demokratin Nancy Pelosi. So macht er seine Konkurrenten lächerlich.

Ein Kapitel in Ihrem Buch widmen Sie Trumps Twitter-Kommunikation.

Twitter als Medium ist für Trump ein großer Segen. Seine Präsidentschaft wäre weniger erfolgreich, wenn es Twitter nicht gäbe. In der auf Twitter gebotenen Kürze zeigt Trump sein binäres Denken, eine Welt aus Gut und Böse.

Ist diese Sprache gefährlich, kann diese Rhetorik zu Gewalt führen?

Ja, das glaube ich. Seine Sprache ist sehr einfach und damit auch seine Weltsicht. Es gibt die Guten und die Bösen. Diese simple Wortwahl verhindert komplizierte Gedanken. Man schafft damit eine simple Welt. Wie will man differenzierte Ideen entwickeln, wenn man nur in Schwarz und Weiß denkt? In Trumps Welt gibt es nur die Leute, die für ihn sind - und die anderen. Die Gegner sind der Kongress, die Demokraten, die Medien, und wenn man genauer hinschaut, auch Schwarze und Frauen. Leute, die er als die 'schwachen Elemente' der Gesellschaft ansieht, stehen für Donald Trump auf der falschen Seite.

Trumps Sprache treibt die Menschen auseinander?

Ja, weil er Menschen nicht zugesteht, dass man trotz unterschiedlicher Einstellungen auch Gemeinsamkeiten haben kann. In seiner Welt bist du entweder drinnen oder draußen. Viele Menschen ziehen dieses binäre Weltbild vor, weil es einfacher erscheint. Das ist nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt so. Schließlich kann es ein schmerzvoller Akt sein, seinen Gegner differenziert zu betrachten. Wenn ich als Amerikaner das Gefühl bekomme, die Medien ignorieren mich und die Migranten nehmen mir den Arbeitsplatz mit, und dann höre ich meinen Präsidenten in einer gewaltsamen Sprache reden, warum sollte ich nicht selbst gewalttätig werden?

Der US-Präsident ist also nicht wie früher ein Versöhner?

Nein. Es ist offensichtlich, dass die Gewalt in den USA unter der Präsidentschaft von Donald Trump zugenommen hat. Die Ereignisse von Charlottesville im August 2017 stehen aus meiner Sicht symbolisch für die Entfesselung der Gewalt. Damals fuhr ein Neonazi vorsätzlich sein Auto in eine Gruppe von Demonstranten. Trump sagte danach nicht deutlich: Gewalt ist inakzeptabel. Stattdessen sagte er nur, es gebe "Hass und Gewalt auf vielen Seiten". Mit solchen Worten schützt er gewalttägige Menschen.

Zur Person: Bérengère Viennot arbeitet seit rund 20 Jahren als Übersetzerin, inzwischen ausschließlich für die Presse. Sie schreibt unter anderem für den "Courrier international" und lebt mit ihrer Familie in Paris.

Sprachlich bemerkenswerte Trump-Tweets

"Tatsächlich waren in meinem ganzen Leben meine zwei größten Stärken mentale Stabilität sowie richtig schlau zu sein. Die betrügerische Hillary Clinton wollte diese Karten auch ganz stark spielen und ging, wie jeder weiß, in Flammen unter. Ich wurde von einem erfolgreichen Geschäftsmann zu einem Spitzen-Fernsehstar und schließlich zum Präsidenten der Vereinigten Staaten (im ersten Anlauf). Ich denke, das sollte mich nicht nur als klug, sondern als Genie qualifizieren. Als sehr stabiles Genie."

(Trump am 6. Jänner 2018, damals ist gerade das Enthüllungsbuch "Feuer und Zorn: Im Weißen Haus von Donald Trump" erschienen, in dem Trump-Mitarbeiter dessen psychischen Zustand als gefährlich beschreiben.)

"Er starb, nachdem er in eine Sackgasse in einem Tunnel gerannt war, und er winselte, weinte und schrie die ganze Zeit."

(Trump am 27. Oktober 2019 über den Tod von IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi. Viele amerikanische und europäische Medien fanden die Wortwahl eines Staatsoberhaupts unangemessen.)

"Wie ich schon früher deutlich klargemacht habe, und nur um es zu wiederholen: Wenn die Türkei irgendetwas macht, das ich in meiner großen und unvergleichlichen Weisheit, als Grenzverstoß erachte, werde ich die Wirtschaft der Türkei total zerstören und auslöschen (habe ich schon gemacht!)."

(Trump am 7. Oktober 2019)

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