Angela Merkel hat gewonnen – zumindest vordergründig.

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Analyse
07/13/2015

Merkels Sieg muss sich erst bewähren

Inhaltlich haben sich die Deutschen durchgesetzt – echte Gewinner gibt es aber keine.

von Evelyn Peternel

Ich beteilige mich nicht an historischen Vergleichen, vor allem nicht, wenn ich sie nicht selber angestellt habe." Angela Merkels beinahe schelmische Antwort bei der Pressekonferenz gibt ein gutes Bild davon, was der Kanzlerin wichtig ist: ihr Eintrag in den Geschichtsbüchern. Und den will sie selbst gestalten.

Gefragt war Merkel worden, ob der Deal nicht wie ein "griechisches Versailles" war. Ein Beschluss gegen den Willen des Verhandlungspartners also, den man damit – wie 1919 den Kriegsverlierer Deutschland – ökonomisch klein hält.

Zwei Seiten der Medaille

Ein böser Vergleich, durchaus. Aber Merkel hat gegen Athen gewonnen, zumindest vordergründig. Was sie und Schäuble Tsipras abverlangen, ähnelt den vorangegangenen Hilfspaketen; auch der IWF sitzt weiter am Tisch. Sie hat bewiesen, dass Reformen bitter nötig sind.

Andererseits hat Tsipras den Deutschen auch etwas abgerungen. Eine Schulden-Umstrukturierung war vor dem Showdown nie diskutiert worden, jetzt hat Merkel eine Umschuldung einfach mal so am Rande erwähnt. Und so eingestanden, dass dies vielleicht ein richtiger Weg ist.

Eines kostete die Deutschen ihr Sparzwang aber auch – nämlich Ansehen. Kurz gerieten sogar die Beziehungen zwischen Paris und Berlin ins Wanken. Kritische Stimmen mutmaßten gar, dass die Strenge Berlins als Drohgebärde für Paris gedacht war, schließlich könnte das angeschlagene Frankreich der neue kranke Mann Europas werden. Dass Hollande seine Vorstellung durchgebracht hat, lässt zumindest ihn als kleinen Gewinner erscheinen.

Von Unterwürfigen und Geizkrägen

Große Gewinner gibt es jedenfalls nicht. Wer denn? Tsipras, der sich mit dem Vorwurf plagen muss, sich den Deutschen unterworfen zu haben? Die Deutschen, die als die ungeliebten Geizkrägen des Kontinents gebrandmarkt werden? Oder Merkel, die sich sich etwa von den USA anhören muss, mehr auf innenpolitische Interessen geschielt zu haben denn auf europäische?

Sie wird noch länger an dem Deal zu knabbern haben. Die Einigung ist nur der Beginn eines neuen Marathons, bei dem die Fronten die gleichen bleiben. Bis dahin muss Merkel das jetzt zerschlagene Porzellan kitten – nur so kann sie sich den positiven Eintrag in den europäischen Geschichtsbücher sichern. Nicht nur in den deutschen.

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