Politik | Ausland
19.06.2013

Aldo Moro: Mordfall wird neu aufgerollt

Die italienische Justiz prüft eine mögliche Verwicklung ausländischer Geheimdienste und die Rolle von Giulio Andreotti.

Als am 9. Mai 1978 ein roter Renault in der Via Michelangelo Caetani in Rom gefunden wurde, hatte der kommunistische Terror in Europa seinen Höhepunkt erreicht. 55 Tage zuvor war der italienische Spitzenpolitiker, Chef der Demorazia Cristiana (DC) und ehemalige Premier Aldo Moro von den "Brigate Rosse" entführt und später ermordet worden. Seinen Leichnam fand man im Kofferraum des Renaults. Nun, mehr als 35 Jahre später, könnte der Fall von der italienischen Justiz neu aufgerollt werden.

Vor allem der von Moro ausverhandelte Kompromiss zwischen seiner Democrazia Cristiana und der der stärksten kommunistischen Partei außerhalb des Warschauer Paktes, der Kommunistischen Partei Italiens (PCI), nährt seit damals die Spekulationen. Das Abkommen war sowohl in Italien, als auch in West- wie Ost-Europa äußerst umstritten und wird von vielen als Motivation für die Entführung betrachtet. Andere Quellen sprechen davon, dass eigentlich der damalige Neo-Premier Giulio Andreotti Ziel einer Entführung war, man sich jedoch ob des weniger aufwendigen Personenschutzes für Moro entschieden habe.

Die Via Michelangelo Caetani heute

KGB oder CIA?

Grund für die Wiederaufnahme sind bis aber wohl bis heute nicht verstummte Gerüchte, wonach ausländische Geheimdienste eine tragende Rolle beim Todesfall Moro gespielt haben sollen. Allen voranFerdinando Imposimato, seines Zeichens Richter bei den Prozessen um Moros Ermordung und Ehrenpräsident des Obersten Gerichtshofes in Italien, ließ mit seinen Thesen aufhorchen. ImposimatosRecherchen zufolge war der russische KGB an der Entführung beteiligt, könnte den Mord letztlich sogar "angeordnet" haben.

Im Gegensatz dazu stehen bereits länger Vermutungen im Raum, dass der US-Geheimdienst unter dem Code "Gladio" in die Causa Moro verwickelt war. Viele der Informationen die nun zur "Entstaubung" des Falls führen, hatte Imposimato bereits in seinem 2012 erschienen Buch "55 Tage, die Italien veränderten" festgehalten.

Verstummte Zeugen

Vier Prozesse, unzählige Ermittlungen und Haftstrafen für Mitglieder der "Roten Brigaden" hatten die Zweifel vieler Beobachter nie wirklich ausräumen können. Erst kürzlich freigegebene Geheimdokumente könnten dem Fall neue Nahrung geben: Aus diesen erhofft man sich Aufklärung über die Rolle des kürzlich verstorbenen, damaligen Premierministers Giulio Andreotti.

Andreotti sollte am Tag von Moros Entführung als Premier einer Minderheitsregierung der DC angelobt werden und wird beschuldigt, in der Folge jegliche Verhandlungen mit den Brigaden abgelehnt zu haben.

Wichtigster Anhaltspunkt für eine mögliche Verstrickung Andreottis ist jedoch der Mord an Carlo Alberto Dalla Chiesa. Der Investigativ-Beamte und Präfekt von Palermo wurde 1982 von der Cosa Nostra erschossen. Dalla Chiesa soll im Besitz von belastenden Informationen über Andreotti gewesen sein. Andreotti wurde in im entsprechenden Mafia-Prozess sogar schuldig gesprochen, später wurde das Urteil jedoch aufgehoben.

Für die Geschichte

Da mit Francesco Cossiga - später Präsident Italiens - und Propero Gallinari, damals im Führungskreis der "Brigate Rosse", jedoch zwei weitere Protagonisten bereits verstorben sind, dürfte die vollständige Aufarbeitung eher von Historikern, denn von Ermittlern bewältigt werden.

Im Zuge einer Wiederaufnahme könnten allerdings auch die 1983 gefällten Urteile gegen 32 mutmaßliche Brigaden-Mitglieder neu verhandelt werden, so italienische Medien. Die Brigate-Mitglieder wurden wegen Beteiligung an der Geiselnahme und der Ermordung Aldo Moro zu teils hohen Haftstrafen verurteilt.

Der KURIER-Bericht zum Mord an Aldo Moro