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Wie die extreme Hitze Europas Atomkraft zusetzt

Rumänien muss sein einziges AKW, Frankreich eine ganze Reihe Reaktoren abschalten. In Ungarns AKW Paks wird mit Mühe ein letzter Reaktor am Laufen gehalten.
Zwei große Kühltürme eines Kraftwerks ragen hinter Bäumen an einem Flussufer mit felsigem Vordergrund in den bewölkten Himmel.

Alle verzweifelten Notmaßnahmen waren vergeblich: Ein Felsen am Donauufer wurde gesprengt, das Donaubett ausgebaggert. Doch noch immer ist der Wasserstand an Europas (nach der Wolga) längstem Fluss zu niedrig, als dass der Betrieb in Rumäniens einzigem Atomkraftwerk aufrechterhalten werden kann. Das AKW Cernavoda musste beginnen, wegen des gesunkenen Wasserstands und Durchflusses der Donau die Abschaltprozedur einzuleiten. Der Abschaltungsprozess dauert mindestens zwei Wochen, er sei „unausweichlich“, heißt es von Seiten der rumänischen Wasserbehörde Sorin Rândažu.

Die von Dürre und extremer Hitze beeinträchtigte Donau, deren Wasser das rumänische Kraftwerk kühlt, hatte die Energiegesellschaft Nucelarelectrica bereits Ende Juli zur Abschaltung eines Reaktors gezwungen. Bisher produzierte das AKW Cernavoda jährlich etwa 10 Millionen Megawattstunden Strom und somit 20 Prozent des rumänischen Bedarfs. Weil nach dem Wegfall des Atomstroms und der anhaltenden Hitze aber auch erheblich weniger Strom aus Wasserkraft erzeugt werden kann, bekommt Rumänien eine schmerzhafte Energiekrise zu spüren.

Die Regierung in Bukarest hat deshalb  für den gesamten August den Energienotstand ausgerufen. Unternehmen und Haushalte sind aufgefordert, ihren Energieverbrauch während der Spitzenzeiten zu reduzieren. Die Autoproduzenten Dacia und Ford haben ihre Fertigung in Rumänien zunächst bis Mitte nächster Woche ausgesetzt, um zur Linderung des Strommangels beizutragen.

Romanian authorities attemtp Danube diversion with dredging ships

Das rumänische AKW Cernavoda

Große Probleme bekommt aber auch die benachbarte Republik Moldau: Das kleine Land ist auf rumänischen Strom angewiesen, fast zwei Drittel seines Bedarfs wird mit Strom - also auch Atomstrom - aus Rumänien gedeckt.

Große Regenmengen und damit eine Entlastung der angespannten Situation sind vorerst nicht zu erwarten. Laut einer Analyse des europäischen Klimabeobachtungszentrums Copernicus ist der Wasserstand in fast zwei Dritteln der Donau auf den niedrigsten Stand seit mehr als drei Jahrzehnten gesunken.

In Paks läuft noch ein Reaktor

Ungarn, dessen einziges Kernkraftwerk Paks fast die Hälfte des Strombedarfs des Landes liefert, konnte eine vollständige Abschaltung des AKW gerade noch verhindern. Die vier Reaktoren in Paks werden ebenfalls durch die Donau gekühlt, drei wurden Ende Juli heruntergefahren, nur einer läuft noch. Möglich wurde dies nur, weil der Wasserpegel letztlich doch um ein paar Millimeter höher stand als ursprünglich prognostiziert.

Hungary prepares barges and starts riverbed works to avert plant shutdown

Das ungarische AKW Paks

Weil aber der Flusspegel voraussichtlich weiter sinken wird, habe die Regierung den Bau einer Unterwassermauer, einer Wehr, angeordnet, um den Wasserfluss in der Nähe des Kraftwerks zu kontrollieren, sagte Ungarns Premier Péter Magyar. Zudem werden vorerst zwei 80 Meter lange Lastkähne hintereinander und quer zur Fließrichtung in der Donau bei Paks stationiert. Sie können versenkt werden, sollen so einen leichten Staueffekt erzeugen und den Wasserstand ein wenig anheben. Rund um die Uhr werde gearbeitet, versprach Magyar, binnen vier Wochen soll die Unterwassermauer errichtet sein - und damit das AKW wieder langsam wieder hochfahren.

Ein Fünftel weniger Atomstrom in Frankreich

Doch nicht nur das Niedrigwasser an der Donau macht einigen der europäischen AKW zu schaffen. Besonders Frankreich - das mit 57 Atomreaktoren über die mit Abstand meisten Reaktoren in Europa verfügt - muss seine Atomproduktion nach einer ganzen Serie von extremen Hitzewellen zurückfahren. Das nahe der belgischen Grenze liegende AKW Chooz an der Maas musste mittlerweile ganz heruntergefahren werden, um die Trinkwasserversorgung Belgiens nicht zu gefährden.

FRANCE-ENERGY-NUCLEAR-ENVIRONMENT-ANIMAL

Drei Rektoren im französischen AKW Gravelines mussten wegen Quallenschwärmen abgeschaltet werden

Insgesamt sind derzeit 13 der 57 Reaktoren der französischen Atomflotte abgeschaltet. Das bedeutet: Frankreich, das rund 70 Prozent seines Stroms aus Kernkraft erzeugt, verzeichnete diese Woche einen Ausfall von mehr als einem Fünftel seiner atomaren Produktionskapazität. Für Frankreichs Energiekonzern Électricité de France (EDF) stellt dies ein nie dagewesenes Minus dar.

In einigen Fällen hat die Abschaltung auch damit zu tun, dass das vom Fluss entnommene Kühlwasser danach erhitzt wieder in den Fluss zurückgeleitet wird - und diesen wegen des derzeit ohnehin niedrigeren Wasserstands so weit erwärmt, dass alle geltenden Temperaturgrenzen überschritten werden. Sämtliche Fische und andere Tiere im Fluss wären gefährdet. Nur ein Drittel der in einem Kernreaktor erzeugten Wärme wird in Strom umgewandelt, der Rest  über das Kühlsystem an die Umwelt abgegeben - oft in Flüsse oder ins Meer. AKW mit den riesigen Kühltürmen entnehmen Flüssen allerdings deutlich weniger Wasser und leiten somit auch wesentlich weniger Wärme direkt ins Wasser ein als ein Kraftwerk mit offenem Kühlkreislauf.

Ein Problem der besonderen Art hat hingegen das größte AKW Westeuropas, im nordfranzösischen Gravelines. Drei seiner sechs Reaktoren mussten wegen Quallenschwärmen heruntergefahren werden. Die Quallen gerieten  in die Meerwasserpumpen des Kraftwerks und drohten, sie zu verstopfen.

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