Seite an Seite – ethnische Differenzen spielen im afghanischen Fußball keine Rolle

© Stefan Schocher

KURIER-Serie
11/16/2013

Afghanistan: Offensivspiel in Richtung Einheit

Der KURIER in Afghanistan: Fußball hat geschafft, was es bisher in dieser Form nicht gab: Nationalstolz.

von Stefan Schocher

Sabuar Walizadas Blick pendelt hin und her, wenn er spricht. Er folgt dem Fluss des Spieles. Seine Trainingsjacke des Deutschen Fußballbundes hat er aufgezippt. Er lehnt sich zurück in seinem Plastiksessel am Spielfeldrand, streckt die Beine aus. Hin und wieder brüllt er „seinen Jungs“ etwas zu. Er hat Fußball gespielt, als die Sowjets in Kabul waren; in der Armee; danach, während des Bürgerkrieges; auch als die Taliban Kabul hielten und an diesem Ort, dem Ghazi-Stadion am Rande der Stadt, mal gespielt, mal Menschen exekutiert wurden. Und er tut es noch immer. Er hat Frauenfußball in Afghanistan etabliert. Heute ist Sabuar Walizada Chef des Fußballbundes von Kabul.

„Lang lebe Afghanistan“ und „Ihr habt uns stolz gemacht“, steht auf großen Werbetafeln quer durch Kabul. Spätestens seit das afghanische Nationalteam am 11. September dieses Jahres die Südasiatische Meisterschaft gewonnen hat, ist Fußball zum Nationalsport geworden. „Der klare Sieg“, so scherzt ein junger Mann in Kabul, „war ein Geschenk für das Innenministerium“. Da hätten sie dann gesehen, wie viele Waffen tatsächlich in der Stadt sind. Alle hätten in die Luft geschossen vor Freude. Ein seltener Moment gemeinsamen Stolzes inmitten interner Konflikte.

Fußball und Politik haben nichts miteinander zu tun“, sagt Sabuar Walizada. Aber, dass sich ein Land wie Afghanistan mit all seinen Fraktionen, Clans und Seilschaften nach drei Jahrzehnten Krieg einmal hinter einer Sache vereint, ist bemerkenswert. Und Fußball ist so eine Sache. Über die Nationalmannschaft und die nationale Meisterschaft lässt keiner ein schlechtes Wort kommen. Selbst die Taliban ließen dem Nationalteam ihre Gratulationen ausrichten. Und auch in der nationalen Liga gibt es kaum Rivalitäten zwischen den Teams. So etwas wie Hooligans kennt Afghanistan nicht: „Die Menschen sind der Gewalt müde“, sagt ein Fan auf der Tribüne, der gerade mit Freunden ein mitgebrachtes Reisgericht isst. Sabuar Walizada sagt kopfschüttelnd: Er habe gehört, dass es so etwas wie Hooligans gebe, auch Videos im Internet kenne er. Sein knapper Kommentar dazu: „Wahnsinn.“

Eindrücke aus Afghanistan:

GR0A8208.JPG

GR0A8219.JPG

GR0A8217.JPG

GR0A8276.JPG

GR0A8670.JPG

GR0A8482.JPG

GR0A8563.JPG

GR0A8496.JPG

GR0A8464.JPG

GR0A8568.JPG

GR0A8466.JPG

GR0A8646.JPG

GR0A8564.JPG

GR0A8614.JPG

GR0A8615.JPG

GR0A8656.JPG

GR0A8236.JPG

GR0A8338.JPG

Er holt zu einer Anekdote aus: Spieler habe er ausgesucht für die nationale Liga und sei durchs Land gereist. Eine Gruppe von Spielern aus einem von den Taliban gehaltenen Gebiet in der Region Ghazni sei auf dem Weg zum Treffpunkt an einem Checkpoint der Taliban gestoppt worden. Als sie ihre Dressen und den Ball zeigten, wurden sie aber nicht nur weitergelassen, sondern sogar eskortiert – bis zum letzten Checkpoint der Talebs, wo diese ihnen dann noch alles Gute und viel Glück gewünscht hätten.

Warlord und Teamchef

Ein alter Mann kommt auf Sabuar Walizada zu, brüllt ihn an. Wie sich herausstellt, ein ehemaliger Warlord der Hezb-e-Wahdat-Fraktion, die sich vor allem in Kabul während des Bürgerkrieges zu Beginn der 90er-Jahre blutig hervorgetan hatte. Der Mann beschwert sich. Sabuar Walizada werbe gezielt Spieler von seinen privaten Clubs für die afghanische Liga ab, wirft er ihm vor. 10 Vereine in Kabul, die nur in der lokalen Liga spielen, hat der Mann – zum Prestige und als Hobby.

Sabuar Walizada lacht. Er spricht nur von „diesen Leuten“. Immer wieder habe er ihnen vorgeschlagen, doch die Waffen niederzulegen, Teams aufzustellen und ihre Rivalitäten auf dem Spielfeld auszutragen: Elf Mann gegen elf Mann. Er grinst breit. Aber über Politik wolle er eigentlich nicht reden.

Zu viele Menschen habe er in diesem Stadion sterben sehen. Er deutet mit ausgestrecktem Arm auf die beiden Tore. Dort seien sie gehenkt oder erschossen worden, sagt er. Arme habe man hier abgehackt. Aber wenn dann wieder gespielt wurde, hätten die Talebs sehr gerne zugesehen. „Nur längere Shorts als heute mussten wir tragen, weil sie das so wollten – auch okay.“ Er grinst, als würde er von einer jugendlichen Schelmentat berichten.

„Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagt er. Um Einheit gehe es. Und Erfolge wie zuletzt würden dazu beitragen, diese Einheit zu schaffen.

Das Spiel ist zu Ende. Sabuar Walizada steht vor den Spielern, die sich für ein Foto versammeln – es sind Paschtunen, Hazara, Tadschiken, Usbeken. „Solche Dinge, wie ethnische Zugehörigkeit, spielen hier keine Rolle“ – etwas, das sonst in beinahe alle Lebensbereiche in Afghanistan hineinspielt.

Afghanistan ist mehr als Gewalt, Drogen und Anschläge.“ Darum gehe es. Um Stolz. Und genau das sei es, was man Tag für Tag in eben diesem Stadion zelebriere. In seinem kleinen Fußballparadies, dem er eine rosige Zukunft voraussagt: „Wir haben schlimme Zeiten erlebt, Tod, Gewalt, Kriege – wir haben all das überstanden. Diese Zeit liegt hinter uns.“

Frauenfußball: „An Spielerinnen mangelt es nicht“

Sie spielt im linken Mittelfeld der Nationalmannschaft, und wenn sie sagt, sie habe einen guten Schuss, grinst sie breit. Hajar Abulfazil studiert Medizin in Kabul und ist zugleich Chefin des Komitees für Frauen in der Afghanischen Fußball-Föderation. Seit fünf Jahren spielt sie Fußball – und liebt es, wie sie erzählt.

„Wir haben keinen Mangel an Spielerinnen“, sagt Hajar Abulfazil. Heute ist das so. Zu Beginn sei der Andrang eher flau gewesen. Auf der Tribüne in einer neu gebauten Arena neben dem Ghazi-Stadion sitzen junge Frauen und beobachten ein Match zwischen zwei Frauen-Teams aus Kabul. Die Spielerinnen tragen Kopftuch und lange weite Sporthosen. Jeden Tag seien neue Gesichter zu sehen unter den Zuseherinnen, erzählt Hajar Abulfazil. Und sagt: „Die Mädchen wollen wirklich spielen.“

Dass sich Frauen sportlich betätigen und das in der Öffentlichkeit, kommt in ultrakonservativen Kreisen in Afghanistan einem Tabubruch gleich. Und die Förderung derartiger Aktivitäten ist riskant. In der südlichen Provinz Helmand etwa, erzählt Hajar Abulfazil, seien solche Dinge undenkbar. „Unsere paschtunischen Brüder erlauben es Mädchen leider nicht, Fußball zu spielen.“

Das Volk der Paschtunen bildet die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung und dominiert den Süden des Landes. Vor allem aus den Paschtunen entstanden auch die radikalen Taliban.

Das, woran Hajar Abulfazil arbeitet, könnte man als Aufbauarbeit von null an bezeichnen. Sie erzählt, vielen Mädchen würde mit dem Argument nicht erlaubt zu kommen, dass Sport für den weiblichen Körper ungesund sei. „Wir laden die Leute und die Eltern ein zu kommen, um zu sehen, dass Sport uns nicht schadet.“ Und dennoch: „Es gibt viele Mädchen, denen nicht erlaubt wird, hierher zu kommen.“ Mädchen, wie sie sagt, denen nur gestattet werde, das Haus zu verlassen, um in die Moschee zu gehen. Sie verbucht es als persönlichen Erfolg, dass sie es in zwei Fällen geschafft habe, Familien davon zu überzeugen, ihre Töchter Fußball spielen zu lassen.

Aber es gehe hier nicht darum, einen Freiraum für junge Frauen zu schaffen. Einen solchen gebe es nicht in Afghanistan. Alles worum es hier gehe, sagt sie und lacht laut, sei Fußball. „Fußball macht einfach Spaß.“

Drei Jahrzehnte Krieg

Seit 1933 besteht eine konstitutionelle Monarchie. 1973 wird diese gestürzt, und Kommunisten übernehmen die Macht – gegen interne Widerstände. 1979 marschiert die Sowjet-Armee ein, wogegen sich Mudschaheddin-Gruppen formieren, von Pakistan und den USA unterstützt. 1989 ziehen die Sowjets ab. In der Folge eskalieren Kämpfe zwischen Fraktionen der Mudschaheddin, im Zuge derer die puristischen Taliban entstehen. Bis Ende der 90er-Jahre kontrollieren sie mit Ausnahmen im Norden fast ganz Afghanistan. 2001, nach den Anschlägen vom 11. September in New York und im Zuge der internationalen Militärintervention, werden sie gestürzt. Die NATO-Truppe ISAF wird gebildet. Kommendes Jahr endet ihr Mandat.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.