Hat noch nicht wieder Tritt gefasst: Frauke Petry.

© EPA/MARIJAN MURAT

Deutschland
04/30/2016

AfD-Parteitag: Spießrutenlauf für Frauke Petry

Streit um Ausrichtung der Partei von Bürokratie überlagert - Grüße von HC Strache.

von Evelyn Peternel

Herr A. hat extra ein Grundgesetz mitgebracht. Das Heftchen lugt aus seiner Brusttasche, es soll ihn abgrenzen, sagt der AfD-Parteigänger. Es soll zeigen, dass er nicht will, wofür viele andere hier stehen. "Was die hier ausmachen wollen, ist zu extrem", sagt der ältere, rundliche Mann, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will.

Inmitten der Schar, auf die er deutet, sitzt Björn Höcke. Der Thüringer AfD-Chef ist jene Person, auf den sich heute die meisten Augen hier in Stuttgart richten. Der Spalter, der Extreme, der Mann, der beim heutigen Parteitag den Vorstand infrage stellen will – und der Parteichefin Frauke Petry entweder deutlich nach rechts oder ganz weg von der Spitze drängen will.

Ab durch die Hecke

Als der Parteitag um elf Uhr in der Stuttgarter Messehalle endlich beginnt, ist sein Sessel noch leer. Ob er, wie viele andere auch, von den gut 1000 Randalierern vor der Halle aufgehalten worden ist, lässt er offen; vielleicht ist sein Zuspätkommen auch gut kalkuliert. Die Demonstranten, die vorne draußen protestieren, haben jedenfalls Leute wie ihn im Visier – die AfD-Vertreter, die wie Höcke für den "völkischen" Teil der Partei stehen. "Nazis raus", skandieren sie, lassen die Parteigänger nicht durch, und werden für ihre Kundgebung zu Hunderten in Gewahrsam genommen. Manch ein AfDler lässt sich deshalb selbst zu Wutausbrüchen hinreißen, manch anderer nimmt den Weg durch die Hecke.

Drinnen geht man währenddessen auch nicht gerade friedlich miteinander um. Schließlich geht es um das erste Parteiprogramm – zwei Jahre lang hat die Parteispitze dafür die Mitglieder befragt, die wiederum haben gut 1800 Seiten Abänderungsanträge eingebracht. Stundenlanges Hickhack ist die Folge; da hilft es auch nichts, dass der Stargast des Tages, der ehemalige tschechische Präsident Vaclav Klaus, unter Beifall mehr Einigkeit von der AfD fordert – sie sei schließlich "Hoffnung für uns alle."

Gruß aus Wien

Parteichefin Frauke Petry ist da nicht so direkt. Sie spricht kaum von den Spaltungstendenzen, auch nicht vom Programmentwurf, den sie durchbringen will; das im Vorfeld so viel diskutierte Thema Islam lässt sie in ihrer Auftaktrede ebenfalls außen vor. Die soll wohl eher staatstragend klingen, allein – die Basis zieht nicht mit: Wenn die davon spricht, dass die AfD ein "Gegenentwurf zum politischen Establishment" sei, der jetzt auch regieren wolle, applaudieren ihre Parteikollegen nur verhalten. Lauter wird es, als sie den Blick Richtung Österreich wendet. Norbert Hofer, der gemeinsam mit HC Strache und Harald Vilimsky der AfD auch brieflich ein herzliches "Grüß Gott" ausrichten hat lassen, habe gezeigt, "wie schnell sich Mehrheiten ändern können", so Petry. Beflügelt davon will die AfD nun auch einen Kandidaten für die Bundespräsidenten-Kür nominieren, sagt sie.

Björn Höckes Platz ist leer, als sie spricht. Und während die Parteigänger am Ende der Rede aufstehen, was weniger ihrem Auftritt als der Parteitags-Dramaturgie geschuldet ist, steht er im hinteren Teil der Halle und gibt Interviews; Petry lässt das nicht gut aussehen. Das sind jedoch die einzigen Bosheiten, die man bis zum Abend bemerkt – der Showdown, auf den viele hier warten, fällt vorerst nämlich der Parteitags-Bürokratie zum Opfer. Bis überhaupt der erste inhaltliche Punkt – das kontroverse Kapitel Islam – zur Sprache kommt, dauert es bis zum frühen Abend, was viele frustriert. "Ende der Debatte" ist wohl der meistgehörte Zwischenruf am ersten Tag des Treffens.

Frauke Petry hat die Bürokratie damit eine Schonfrist bis Sonntag beschert. Herr A., der auf sie zählt, hofft, dass sie bis dahin wieder Tritt gefasst hat. Am Samstag war sie zur Freude ihrer Kritiker nämlich über ihre Schuhe gestolpert .

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