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25.01.2015

Das Todeslager überlebt

Einer der letzten KZ-Häftlinge erinnert sich.

Der erste Anblick war der des berüchtigten Lagerarztes Dr. Josef Mengele, der bei neu ankommenden Häftlingen mit dem Daumen nach links oder nach rechts zeigte. Rechts bedeutete die sofortige Vernichtung in der Gaskammer. Links bot zumindest die Chance des Überlebens, wenn auch nur auf ungewisse Zeit. Eine Erinnerung des Schreckens – 70 Jahre nach der Befreiung des KZ Auschwitz.

Daumen nach links

Erich Richard Finsches war der damals 16-jährige Sohn eines jüdischen Lebensmittelhändlers in Wien. Da er jung und gesund wirkte und seine Arbeitskraft gebraucht wurde, zeigte Mengeles Daumen nach links. Finsches überlebte – aber unter welchen Umständen."Gleich nach der Selektion wurden uns die Haare geschoren", erinnert sich der heute 87-jährige Wiener, als ob es gestern gewesen wäre. Finsches ist einer von wenigen, die Auschwitz überlebten. Allein hier, in der industriellen Tötungsmaschinerie der Nazis, starben mehr als eine Million Menschen, die meisten in den als Duschkabinen getarnten Gaskammern, andere wurden erschossen, gingen infolge der schrecklichen hygienischen Zustände elend an Seuchen zugrunde oder weil man sie verhungern ließ.
Erich Finsches war nach dem "Anschluss" als Elfjähriger von zwei "Hitlerjungen" in Wien brutal zusammengeschlagen und dabei schwer verletzt worden. Doch danach gelang es ihm, sich in Wien und Budapest versteckt zu halten. So wurde er erst nach der Okkupation Ungarns im März 1944 von SS-Leuten entdeckt und in das Todeslager Auschwitz bei Krakau deportiert. "Wir waren 120 Personen in einem zugenagelten Viehwaggon, wie Sardinen geschichtet. Acht Tage waren wir unterwegs, ohne uns bewegen oder gar niedersetzen zu können. Für alle gab es nur einen Kübel Wasser und einen Kübel als Klosett. 30 Leute sind während dieser Fahrt gestorben, meist verdurstet oder verhungert. Da der Zug nirgendwo Station machte, blieben die Toten die ganze Zeit bei uns im Waggon."

"Sonst bist im Gas"

Dann die Selektion durch Mengele in Auschwitz-Birkenau, dem größten Arbeits- und Vernichtungslager des Dritten Reichs. Erich Finsches war in Wahrheit alles andere als gesund, war er doch auf der Flucht vor den Nazis schwer verletzt worden und von der Zugfahrt stark geschwächt. "Als wir aber in Auschwitz ausstiegen, rief mir ein Kamerad zu, der selbst Arzt war: ,Reiß dich z’samm, geh grad, sonst bist im Gas." So überlebte Erich Finsches die Selektion, wurde nach links und nicht nach rechts befohlen.Er kam in eine Baracke im Lager E, in der rund 300 Menschen untergebracht waren. "Wir schliefen auf dem Fußboden, es war eiskalt, zwei bis drei Männer mussten sich eine Decke teilen." Die Gefangenen rekrutierten sich aus Juden, Zigeunern und Kriminellen.Jeder Häftling wurde zur Schwerstarbeit eingeteilt, zwölf Stunden am Tag, dazu kam der oft weite An- und Abmarsch. "Ich hatte Glück", sagt Finsches, "ich kam, weil ich Ungarisch konnte, zu den ungarischen Gefangenen. Wir mussten Kanäle stechen, die der Entwässerung dienten."

Die Bekleidung

Die Lebensumstände waren katastrophal. "Selbst im tiefsten Winter gab es nur Sommerkleidung, bestehend aus Hose, Hemd, einer dünnen Jacke, einer Kappe und Holzsandalen. Unterwäsche und Socken gab es nicht."Die Brutalität der SS-Leute und "Kapos" – das waren meist kriminelle Lagerhäftlinge – war unvorstellbar. "Man wurde zusammengeschlagen", erinnert sich Finsches, "etwa wenn man nicht korrekt gegrüßt hat, nicht stramm ging, die Kappe schief auf dem Kopf saß oder man beim Appell nicht aufrecht stand. Auch ich wurde aus solchen Gründen mehrmals misshandelt. Häftlinge, die nicht effizient genug gearbeitet haben, wurden niedergeknüppelt oder erschossen. Für jede Erschießung bekam ein SS-Mann drei Tage Urlaub. In meiner Kolonne wurden zwei bis drei Leute am Tag erschossen."

Nicht in einen Topf

Dennoch möchte Finsches nicht alle Aufseher – die Deutsche und Österreicher waren – in einen Topf werfen: "Es gab schrecklich brutale Leute, aber auch solche, die sich relativ menschlich verhielten, denen man ansah, dass sie das in dieser Form nicht gewollt haben."

Je länger die Haft dauerte, desto mehr ließen die Kräfte nach. "Zehn Mann mussten sich von einem Kilo Brot am Tag ernähren, dazu gab es lauwarme Brühe mit Dörrgemüse." Bei seiner Befreiung wog Finsches 29 Kilogramm.

Die Befreiung erlebte er aber nicht in Auschwitz, sondern in Mühldorf am Inn, einem Außenlager von Dachau, wohin man ihn im September 1944, wieder im Viehwaggon, verschleppt hatte, weil man dort Arbeiter für ein unterirdisches Flugzeugwerk brauchte. Finsches musste 50 Kilo schwere Zementsäcke schleppen, wieder zwölf Stunden am Tag, im Winter bei minus 22 Grad. Völlig ermattet brach er zusammen, wurde durch neuerliche Folter schwer verletzt.

Während Auschwitz am 27. Jänner 1945 durch die Rote Armee befreit wurde, erfolgte die Erlösung der Häftlinge in Dachau durch die Amerikaner erst Ende April.

Die Familie verloren

Erich Richard Finsches ist heute 87 Jahre alt. Man hat ihm die Kindheit und die Jugend genommen, sein Rücken war bei seiner Befreiung kaputtgeschlagen, und er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Der Wiener hat im Holocaust seine ganze Familie verloren, er ist der einzige, der überlebte.

Nach seiner Rehabilitation kehrte er nach Wien zurück, wo er eine Familie gründete und als Geschäftsmann tätig war. Doch das Elend und die Schläge haben tiefe Wunden hinterlassen, er ist immer noch gezeichnet von dem Leid, das er erfahren musste.

Und doch ist Erich Finsches dem Schicksal dankbar, die Gräuel das 20. Jahrhunderts überlebt zu haben.

Veranstaltungen Israelitische Kultusgemeinde und Burgtheater: Joseph Lorenz liest zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz "Hiob" von Joseph Roth, 27. Jänner, 20 Uhr im Akademietheater Wien. Tickets: www.burgtheater.at 513 1 513

Diskussion: "Von der Opferthese zur europäischen Erinnerungskultur?", 29. Jänner, 18.30 Uhr, Diplomatische Akademie 1040 Wien, Favoritenstraße 15a. Anmeldung: www.da-vienna.ac.at/events