18-Jähriger bei Protesten in Hongkong angeschossen

18-Jähriger bei Protesten in Hongkong angeschossen
Erstmals setzte die Polizei scharfe Munition gegen Demonstranten ein. Erneut Zehntausende auf der Straße.

Bei erneuten Demokratie-Protesten in Hongkong wurde Medienberichten zufolge am Dienstagnachmittag gegen 16 Uhr (Ortszeit) ein Demonstrant von der Polizei angeschossen. Die Hongkonger Polizei bestätigte den Vorfall.

Der 18-Jährige wurde von einer Kugel in die Brust getroffen, nach Angaben der Polizei nahe der linken Schulter. Er wurde nach der Erstversorgung durch Beamte in ein Krankenhaus gebracht, hieß es seitens der Polizei. Der Mann soll sich bei Bewusstsein befinden. Die BBC zitiert einen Klassenkollegen des Opfers, laut dessen Aussage sich der Verletzte nicht in Lebensgefahr befinden soll.

Ein Video des Vorfalls kursiert auch auf Twitter.

Eine Polizeisprecherin gab an, der Polizist habe aus Notwehr geschossen. Eine Gruppe Demonstranten soll die Einsatzgruppe der Polizei angegriffen und trotz Warnungen nicht von ihnen abgelassen haben. Am Ende habe der Beamte geschossen, "um sein eigenes Leben und das seiner Kollegen zu retten".

Insgesamt sollen laut South China Morning Post mindestens fünf Schüsse gefallen sein, zuvor auch zwei Warnschüsse.

Insgesamt befinden sich laut Angaben der Hongkonger Krankenhausverwaltung 31 Menschen wegen der Proteste in Behandlung - darunter zwei Männer in "kritischem" und einem weiteren in "ernstem" Zustand.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk Hongkongs hat gegen 19 Uhr Ortszeit alle seine Reporter abgezogen, nachdem einer von ihnen von einem Projektil am Kopf getroffen und verletzt wurde.

Aufgrund der andauernden Proteste ist mit weiteren Auseinandersetzungen und damit auch Verletzten zu rechnen.

Proteste am chinesischen Nationalfeiertag

Trotz eines Verbots waren am chinesischen Nationalfeiertag Zehntausende Menschen in einem Protestmarsch für Demokratie und Menschenrechte durch die Stadt gezogen. "Freiheit für Hongkong" und "Hongkong gib Gas" riefen die zumeist schwarz gekleideten Demonstranten am Dienstag.

Viele versteckten ihre Gesichter auf dem Weg durch die Innenstadt hinter Masken. Auch die Hymne der Protestbewegung wurde bei dem zunächst friedlichen Marsch angestimmt. Immer mehr Menschen strömten nach, um sich anzuschließen.

Im Verlauf des Tages wurden die Proteste dann heftiger. Aktivisten blockierten Straßen, warfen Brandsätze und lieferten sich Straßenschlachten mit Polizeikräften, die ihrerseits mit Tränengas, Wasserwerfern und nun auch scharfer Munition reagierten.

Amnestie gefordert

Die Demonstranten fordern eine unabhängige Untersuchung von Polizeigewalt bei den seit fünf Monaten andauernden regierungs- und pekingkritischen Protesten, eine Amnestie für die mehr als 1.500 bisher Festgenommenen, eine Rücknahme der Einstufung ihrer Proteste als "Aufruhr" sowie freie Wahlen.

In Erwartung neuer Ausschreitungen schlossen die Behörden bereits in der Früh einige Straßen und U-Bahn-Stationen in der Innenstadt. Mindestens 6.000 Polizisten hielten sich bereit. Mehrere große Einkaufszentren kündigten an, geschlossen zu bleiben; einige Hotels empfahlen ihren Gästen, drinnenzubleiben.

Die Hongkonger Behörden hatten einen für Dienstag geplanten großen Protestmarsch im Vorfeld untersagt. Die Demokratie-Bewegung hatte dennoch angekündigt, für den Tag mehrere Protestaktionen zu planen. Bei Protesten am Wochenende war es in Hongkong wieder zu schweren Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten gekommen.

Seit der Rückgabe 1997 an China wird Hongkong mit einem eigenen Grundgesetz autonom regiert. Die sieben Millionen Hongkonger stehen unter Chinas Souveränität, genießen aber - anders als die Menschen in der von den Kommunisten als Ein-Parteien-Diktatur regierten Volksrepublik - mehr Rechte wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit, um die sie jetzt fürchten.

 

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