Atommacht Indien zeigt Muskeln

Mit dem Test einer Interkontinental-R¬akete will sich Indien als Regionalmacht behaupten, vor allem mit Blick auf China.

Staaten, die im Besitz von Atomwaffen sind, werden als "Atommächte" bezeichnet. Dabei unterscheidet man zwischen offiziellen, faktischen und ungesicherten Atommächten. Ein Überblick: Offizielle Atommächte:
Verfügen über Atomwaffen und haben den Atomwaffensperrvertrag unterschrieben, der ihnen die Weitergabe untersagt.
USA
Die USA zündeten am 16. Juli 1945 über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki die ersten Atombomben der Menschheitsgeschichte. Heute sind sie nach diversen Auf- und Abrüstungen im Besitz von 9.400 atomaren Sprengköpfen, davon sind 2.626 in Einsatzbereitschaft. Russland:
Russland zündete am 29 August 1949 seine erste Atombombe. Im Rahmen des Wettrüstens mit den USA im Kalten Krieg produzierte die damalige UdSSR mehr als 12.000 Sprengköpfe, von denen heute noch 4.650 einsatzbereit sind. Großbritannien:
Am 3. Oktober 1952 testete Großbritannien erstmals seine Atomwaffen. Das Land verfügt heute über 185 Atom-Sprengköpfe, von denen mehr als 160 einsatzbereit sind. Frankreich:
Frankreichs erster Atomtest fand am 3. Februar 1960 statt. Die 300 Sprengköpfe des Landes sind alle einsatzbereit. Volksrepublik China:
Als letzter stieß die kommunistische Volksrepublik China am 16. Oktober 1964 in die Riege der offiziellen Atommächte vor. Mittlerweile lagen 240 Sprengköpfe, davon rund 180 einsatzbereit, im Land der Mitte. Faktische Atommächte:
Verfügen über Atomwaffen, haben den Atomsperrvertrag aber nicht unterschrieben.
Israel:
Israel verfügt seit etwa 1967 über Kernwaffen. Die Schätzungen über das Ausmaß des Arsenals variieren stark - zwischen 75 und 400 Sprengköpfe sollen im Besitz des Landes sein. Indien:
Seit dem 18. Mai 1974 ist Indien im Besitz von Atomwaffen, die Zahl der Sprengköpfe wird auf bis zu 150 geschätzt. Pakistan:
Pakistan besitzt vermutlich seit Beginn der 1980er Jahre Kernwaffen. Das Arsenal wird auf 24 bis 48 Sprengköpfe geschätzt. Nordkorea:
Nordkorea hat nach eigenen Angaben am 9. Oktober 2006 erstmals eine Atombombe. Über Luftmessungen der USA konnte diese Aussage bestätigt werden. Ungesicherte Atommächte
Iran und Saudi-Arabien wird unterstellt, sie hatten oder haben die Absicht, Kernwaffen zu erzeugen. Allerdings ist der Status von derartigen Programmen nicht offiziell gesichert. Agni V hat eine Reichweite von 6400 Kilometern.

Sie ist 17 Meter lang, 50 Tonnen schwer – und Indiens ganzer Stolz. Am Donnerstag hat die Atommacht seine selbst entwickelte Langstreckenrakete Agni V von Wheeler Island an der Ostküste des Landes abgeschossen. Der Test des Geschoßes, das mit nuklearen Sprengköpfen bestückt werden kann, sei „ein hundertprozentiger Erfolg" und ein „Quantensprung für Indiens strategische Fähigkeiten" gewesen, teilte das Verteidigungsministerium nach dem Start erfreut mit. „Indien ist zur großen Raketenmacht aufgestiegen."

Stärke und Macht – genau das wollte Indien mit Agni V, deren Entwicklung eine halbe Milliarde Dollar gekostet hat, beweisen. Die Rakete hat im Gegensatz zu ihren Vorgängern, die maximal Ziele in 3500 Kilometern Entfernung treffen können, eine Reichweite von 5000 Kilometern. Bisher war nur von den UN-Vetomächten (China, Frankreich, Russland, USA und Großbritannien) bekannt, dass sie über derartige Waffen verfügen.

Zwei Rivalen

Mit Agni V – „Agni" bedeutet in der Landessprache Hindi Feuer – kann Indien erstmals nicht nur den Erzfeind Pakistan, mit dem es bereits drei Kriege geführt hat, sondern auch fast ganz China erreichen. Das Nachbarland ist wie Indien eine aufstrebende Supermacht und wirtschaftlich sowie militärisch ein Rivale. Seit Jahren ist Neu-Delhi verärgert über die wachsende chinesische Militärpräsenz im benachbarten Tibet, in einem Gebiet, um dessen Grenzen die beiden Länder 1962 Krieg geführt haben. Indien verlor.

Im Gegensatz zu Nordkorea, das in der Vorwoche ebenfalls eine Langstreckenrakete testete und großen Protest hervorrief, gilt Indien als berechenbar. Obwohl es den Atomwaffensperrvertrag nie unterschrieben hat, beliefern es die USA seit 2008 mit Reaktoren, Nuklearbrennstoff sowie Atomtechnologie.

Mit dem jüngsten Raketentest will Indien nun nicht nur seine regionalen Gegner abschrecken, sondern auch zeigen, dass es „auf der globalen Bühne angelangt ist und verdient, mitzureden", wie der britische Verteidigungsexperte Harsh Pant gestern analysierte. Bereits seit Langem bemüht sich Neu-Delhi etwa um einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat.

Militärausgaben

Seine zunehmende militärische Stärke verdankt Indien seinen in den vergangenen Jahren fast immer gesteigerten Verteidigungsausgaben. Mittlerweile ist das Land einer der größten Rüstungsimporteure weltweit. Damit liegt es im Trend: Während im Westen als Folge der Wirtschaftskrise auch bei den Armeen gespart wird, legen vor allem die Supermächte Russland und China, aber auch andere asiatische und afrikanische Staaten bei den Militärausgaben zu.

 

(kurier) Erstellt am
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